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04-10-2004 USA - Wahl
Fahrenheit 9/11 - Was sehen die Russen durch die amerikansiche Lupe?
Die Moskauer Premiere des Dokumentarfilms von USA-Regisseur Michael Moore „Fahrenheit 9/11" hat gleich in sieben Kinos stattgefunden. In den USA hat Moores Sensationsstreifen bereits 120 Millionen Dollar eingespielt. Ob der USA-Skandal auch in Russland einträglich sein wird - das steht noch offen.

In einer Nachmittagsvorstellung des Films in einem der Moskauer Kinos im Stadtkern waren nur fünf Zuschauer im Saal, während der Saal daneben, in dem „Collateral" mit Tom Cruise lief, voll war. Das Publikum weiß, dass ein Dokumentarfilm eine harte geistige Mitarbeit erfordert.

Michael Moores Film ist ein grandioser Versuch, das gesamte Institut der Staatsmacht unter die Kontrolle einer persönlichen privaten Meinung zu stellen und den Staat damit gegenüber der Gesellschaft rechenschaftspflichtig zu machen. In dem Film geht es nicht um USA-Präsident George Bush und nicht um die Geschäftsbeziehungen zwischen der Bush-Familie und der Familie Bin Ladens. Das ist ein Film über den Terror des Staates gegen Freiheit und Persönlichkeit.

Moore hat nicht bloß einen linksradikalen, sondern praktisch einen marxistischen Film gedreht. Dabei ist das ein Marx, der zunächst von Trotzki und dann von Mao gelesen wurde. Michael Moore findet kein einziges Argument für das Weiterbestehen der amerikanischen Gesellschaft in der heutigen Form auf dem Planeten Erde.

Eine radikalere Verhöhnung, die Amerika derart leidenschaftlich entlarven würde, besonders wenn man berücksichtigt, dass die USA heute die Rolle des globalen Spitzenreiters und des Beschützers der Demokratie spielen, lässt sich kaum finden. Unsere Macht, sagt Moore, hat kein moralisches Recht, Amerikas Volk zu regieren sowie der Menschheit ihre totale Amoralität und ihre doppelten Standards aufzuzwingen.

Moores Filmkamera ist gleichzeitig eine Lupe, die Sonnenstrahlen konzentriert und Brandwundensetzt, aber auch ein Mikroskop, das die Entwicklung von Krebszellen im Hirn der Demokratie beobachtet.

Wir sehen den Morgen des tragischen Tages der Terroristenattacke auf die WTC-Zwillingstürme in New York. George Bush, der Liebhaber von Golf, Angelsport und Lobster, geht in eine Schule irgendwo im Süden des Landes, um vor Kindern zu sprechen. Er weiß bereits, dass das erste Flugzeug gegen den Wolkenkratzer gerammt ist, liest aber den Kindern weiter ein Märchen über ein kleines Ziecklein vor. Ein Berater kommt in den Raum gerannt und flüstert ihm ins Ohr, ein zweites Flugzeug ist gegen den zweiten Turm gestoßen. Dies ist ein Angriff auf Amerika. Bush wird düster, setzt aber das Treffen fort, das nun bereits völlig absurd wirkt.

Moore schildert diese Episode nicht wie einen Nonsens, sondern wie ein typisches Verhalten der Macht, deren Ziel nicht im Schutz der Amerikaner, sondern in einem unmenschlichen Schutz vor sich selbst besteht. Wenn man die Macht überrascht, ist das immer wie wenn man einen Dieb erwischt.

In seinem Versuch, den Mechanismus der Existenz einer Macht - einer jeden, nicht unbedigt der amerikanischen! - unter die Lupe zu nehmen, schildert Moore das Schicksal von Liza Leanpscow, deren Sohn in Irak ums Leben kam. Diese Geschichte ist eine der stärksten im Film. Wir sehen, wie Liza jeden Morgen die amerikanische Flagge herausträgt und an der Wand ihres Hauses aushängt. Sie ist eine Patriotin bis zum Gehtnichtmehr. Sie bemüht sich darum, dass die Fahne auf keinen Fall die Erde berührt. Zunächst ist es schmeichelhaft für sie, dass ein namhafter Regisseur in ihrem Haus dreht. Schritt für Schritt wird sie aber von der Kamera zu hysterischen Anfällen geführt. Sie weint, wenn sie den letzten Brief ihres gefallenen Sohnes liest. Sie schreit Gott zu: Warum hast du mir meinen Sohn genommen? Schließlich kommt sie nach Washington und rennt hysterisch vor dem Weißen Haus herum, das mit einem Netz gegen Terroristen geschützt wird, und verdammt den amerikanischen Traum und ihr eigenes Leben.

Und wiederum interessiert es Moore am wenigsten, welcher Präsident in diesem weißen Häuschen mit Säulen hinter dem hohen Netz sitzt. Nein, er zeigt uns, wie die Aufmerksamkeit bloß einer einzigen Kamera einen Menschen aus der Fassung bringen kann. Was kann man dann von einem Menschen sagen, auf den die ganze Welt schaut! Er wird zwangsläufig zu einem gefährlichen Wahnsinnigen und zu einer Verkörperung der Medien-Paranoia.

Wie eine Horror-Parade wirkt das unendliche Herrichten von Bush, Condoleeza Rice, Donald Rumsfeld und anderen Personen der Macht vor den Objektiven eine Minute vor der Sendung. Schwingende Scheren, Kämme und Puderdosen, das Wegschminken von Tränensäcken und sonstige Kniffe und Pfiffe der Verlogenheit werden zu einer Metapher der Lüge und des Wahnsinns, von denen die Menschen an der Spitze der Macht lahmgelegt werden.

Dieses Herrichten Amerikas vor der Ewigkeit (damit fängt der Film an) bringt seine furchtbaren Früchte. Die erlogenen Posituren vor der ganzen Welt und die pathetischen Selbstverherrlichungslügen enden mit dem Krieg in Irak, mit dem Beschuss Bagdads und mit einem Finale im Spital, einem Panoramabild verkrüppelter amerikanischer Soldaten ohne Arme und Beine, die im Chor in die Kamera rufen, jetzt gehe es ihnen bereits gut, jetzt fühlen sie sich hervorragend. Allerdings tun mir die Finger weh, allerdings sind beide Arme abgerissen. Das macht aber nichts, das geht weg, jetzt geht es mir aber gut, sehr gut, und mir auch gut... Kann man Moores Film als ein Kunstwerk bezeichnen?

Eher nicht. Er ist ermüdend monoton, nachlässig und hastig gemacht, es wird viel geschrien. Der Film schwankt hin und her, wie ein von Terroristen entführtes Flugzeug, er trifft aber unentwegt das Ziel - den Kopf des amerikanischen Traumes.

Wenn Kerry an die Macht kommt, werde ich einen Film auch über ihn drehen, sagt Moore. (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).