Treffen mit Figuren

Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko in Kuybyshevo mit Nikolaj Nikolajewitsch senior (2.v.r.) und junior (1.v.l.)

[Von Michael Schlick – Kuybyshevo] Für den deutschen Botschafter in Kiew sind es Figuren, für andere primitive, rohe Spießgesellen, für den ukrainischen Präsidenten schlicht Terroristen, die vernichtet werden müssen, für viele Menschen in Donezk und Lugansk sind es heldenhafte Kämpfer, die ihren Donbass gegen die Kiewer „Faschisten“ verteidigen. Die Rede ist von den Volksmilizionären, manche nennen Sie auch Rebellen oder Separatisten, die einen nicht unbedeutenden Teil der Ostukraine unter ihre Kontrolle gebracht und Volksrepubliken ausgerufen haben.

Eigentlich wollten Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko während ihrer Ukraine/Russland-Reise die Hauptstadt der sogenannten Volksrepublik Donezk besuchen, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen und mit Verantwortlichen des vom Westen nicht anerkannten Gebildes ins Gespräch zu kommen. Aber Bedenken aus dem Außenministerium und auch aus der eigenen Partei, nicht nur wegen der Sicherheit, sondern auch in Sorge vor möglichen öffentlichen Reaktionen, ließen diesen Programmteil nicht zu.

Nach Gesprächen mit Flüchtlingen, russischen Selbstverwaltungsorganen in Grenznähe, Vertretern der KPRF in Rostow hat sich die Anwesenheit deutscher Abgeordneter soweit herumgesprochen, dass bei einem Treffen mit dem Bürgermeister in Kuybyshevo, wenige hundert Meter entfernt der Grenze ins Nachbarland, auch zwei Vertreter der KP Donezk mit am Tisch sitzen. Vier Stunden russische Landstraße waren zu absolvieren, vorbei an etlichen olivgrünen LKW, deren Ziel  man nur erahnen kann. Automatisch erinnerte man sich an verschiedene Aussagen russicher Politiker bezüglich der russischen Soldaten, die ihren wohlverdienten Urlaub ganz freiwillig im Donbass verbringen.

Das Treffen im Rathaus von Kuybyshevo verlief am Anfang etwas kühl. Neben Bürgermeister Alexander Kriborotov, der die Gäste aus Westeuropa argwöhnisch fragte, warum sie überhaupt hier seien, was sie denn wollten, führte Nikolaj Nikolajewitsch sen. von der KP Donezk das Wort. Geschätzte 130 Kilo schwer, ehemaliger Boxtrainer und Chef einer großen LPG, mit einem lautstarken Stimmorgan ausgestattet, versuchte er, den Parlamentariern seine Sicht auf den Ukraine-Konflikt nahezubringen. „Der Putsch in Kiew war generalstabsmäßig vorbereitet“, sagte Nikolaj sen., und weiter: CIA und Konsorten seien beteiligt gewesen, unter ihrer Aufsicht seien spätere Maidan-Kämpfer in der Westukraine ausgebildet worden. der Maidan habe das Land gespaltet, mit dieser neuen Ukraine wolle er nichts mehr zu tun haben. „Das sind alles Bandera-Faschisten, sie haben uns Truppen geschickt und Tausende unserer Häuser zerstört. Wir wollen hier in Frieden leben und arbeiten, aber sie lassen uns nicht. Die zerbomben unsere Fabriken“, so ein erzürnter Donbass-Aktivist.

Sein Sohn, Nikolaj Nikolajewitsch jun. kennt den Bürgerkrieg aus eigener Erfahrung. Bis zu einer schweren Verletzung kämpfte er als Kommandeur bei der Verteidigung seines Heimatortes, einer    kleinen Stadt in der Nähe von Donezk. Im Sommer erwischten ihn etliche Granatsplitter, die noch nicht alle entfernt werden konnten. Seitdem ist er, der mit seinen 23 Jahren schon so viel durchmachen musste, kampfunfähig. „Am schlimmsten sind die Söldner auf ukrainischer Seite. Bei einigen Leichen haben wir Drogen in rauen Mengen gefunden, die waren total zugedröhnt und so haben sie auch gekämpft: schmerzfrei, rücksichtslos, ohne Skrupel. Opfer und unter den Zivilisten waren denen völlig egal“, erzählt der Volksmilizionär. Am schlimmsten seien die sogenannten Vergeltungsbataillone gewesen, die mit Söldnern aus aller Herren Ländern bestückt gewesen seien. „Alles war vertreten, sie haben unsere Frauen vergewaltigt, geplündert und Gefangene Milizionäre an Panzer gebunden und zu Tode geschleift“, so Nikolaj jun.. Hingegen habe seine Einheit zu hundert Prozent aus Ukrainern bestanden. Allesamt Kämpfer aus seiner Stadt, die ihn zum Dank für seinen Einsatz zum stellvertretenden Bürgermeister gemacht hat. Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko wollen wissen, wie es nun weitergeht. Die Antwort von Nikolaj jun.: „Es ist zu viel Blut geflossen. Ich glaube nicht, dass es eine Chance auf ein friedliches Zusammenleben aller Ukrainer gibt.“

Der Verabschiedung zwischen Separatisten und Abgeordneten ist freundschaftlich, der Weg für Nikolaj Nikolaewitsch sen. und jun. zurück in die Ukraine gefährlich. Denn ukrainische Soldaten hätten die Grenze teilweise vermint, bemerkt der Bürgermeister von Kuybyshevo.

2900 Kilometer ist sie lang, völlig durchlässig und nicht zu kontrollieren. Das ist zumindest die Erkenntnis von zwei deutschen OSZE-Beobachtern, die in der Nähe der Stadt Kamenz, etwa 120 Kilometer nördlich von Rostow einen Grenzübergang beobachten sollen. Wolfgang Gehrcke und Andrej Hunko sind die ersten deutschen Parlamentarier, die diesem OSZE-Posten einen Besuch abstatten und sich für deren Arbeit interessieren. Eigentlich hat ihre Mission mehr symbolischen Charakter, da sie nur 40 Meter der 2900 Kilometer Grenze beobachten können. Und das auch nur eingeschränkt. Beispielsweise in den Kofferraum eines Autos können sie nicht schauen. So müssen sie sich darauf beschränken, die Grenzgänger zu zählen. Und dabei kommen sie manchmal  doch zu erstaunlichen Erkenntnissen. So gäbe es Tage, an denen hunderte junger Männer in Uniformen ohne Hoheitszeichen die Grenze in beide Richtungen passieren.
Trotzdem ist der Einsatz nach Meinung der Abgeordneten und der deutschen OSZE-Beobachter als vertrauensbildende Maßnahme sinnvoll, müsste aber, auch da ist man sich einig, gewaltig erweitert werden.