Supermen der Ethik – die Intelligenzija und die Entpolitisierung

Meinungen aus der russischen oppositionellen Medienlandschaft

Unter diesem Titel sinniert der Journalist Wlad Tupikin für die oppositionelle „Nowaja Gaseta“ über die Rolle der Intellektuellen bei der Bildung der öffentlichen Meinung und ihren Einfluss auf die aktuelle Protestbewegung.

„Bereits seit Frühjahr dieses Jahres ist allen, die die Politik verfolgen, völlig klar, dass die Massenproteste ansteigen. Die seit 1993 nicht mehr dagewesene Mobilisierung zu ungenehmigten Straßenaktionen, der landesweite Streik der Fernfahrer, die entschlossenen und gut besuchten Auftritte gegen die sogenannte Renovierung von Wohnraum in Moskau — all dies verspricht eine gewisse Entwicklung.

Die Fakten, wie es so schön heißt, liegen auf der Hand. Aber wo bleibt die den Ausmaßen des Geschehens entsprechende Reflexion? Was tut und was denkt das sogenannte Hirn der Nation, die Intelligenzija? Jetzt, wo alle „Fürs“ und „Widers“ bereits untersucht, alle Varianten analysiert und bis auf den Zentimeter alle „Roadmaps“ berechnet wurden, die aus diesem Russland führen, in dem es sich allzu vielen ungemütlich, unfrei und unbemittelt lebt, hin zu jenem neuen Russland, in dem sich das in der Verfassung festgeschriebene multinationale Volk tatsächlich als Herr des Landes fühlen könnte?

Nein, die Intelligenzija backt mal wieder ihre alten Brötchen. Statt sich an der plötzlich wiedererwachten russischen Protestpolitik zu beteiligen, sind die Intellektuellen allzu sehr mit dem Gedanken befasst, wie sie die richtige hochmoralische Position im Verhältnis zur Staatsmacht einnehmen können, was – natürlich – nicht schlecht ist (wer von uns könnte sich ernsthaft gegen die Ethik auflehnen?), aber auf die Staatsmacht und die Lage im Land nimmt das wohl eher überhaupt keinen Einfluss. Aber selbst ausgehend von ihrer hochmoralischen Position zeigt die Intelligenzija überhaupt keine sichtbare Bewegung.

Das passiert, so will es scheinen, weil manch einem die Fragen der Ethik in der Politik die Arbeit des Gehirns ersetzen. Falsch verstanden, verstellt der sattsam bekannte ethische Imperativ dermaßen den Blick, dass jedwede politischen Methoden verschmäht werden. Solche „Supermen der Ethik“ sind gewöhnlich alle ganz rein und weiß, aber im Endeffekt finden wir uns alle, sie auch, im Dreck der Unfreiheit und Ungerechtigkeit wieder. Na und, das ist doch sehr bequem: nichts tun für Veränderungen, warum auch, wenn – und das wissen alle patentierten Intellektuellen – „man nichts tun kann“.

In Wahrheit ist die Gegenüberstellung „Ethik – Politik“ eine falsche und mit keinen historischen Fakten untermauerte Position. Wer ist bei uns der Meister in Ethik? Gandhi? Die sowjetischen Dissidenten?

Gandhi wandte auf Schritt und Tritt politische Methoden an, ja seine ganze berühmte Satyagraha – die Theorie und Praxis (und Praxis!) des gewaltlosen Widerstands gegen die Kolonisatoren – war eine grandiose, vernünftig, logisch und schrittweise aufgebaute politische Kampagne, die im Endeffekt zum gewünschten Ergebnis führte – der Unabhängigkeit Indiens.

Den sowjetischen Dissidenten war, anders als Gandhi, oft nicht bewusst, dass sie politische Methoden verwendeten, wenn sie die Menschenrechte verteidigten (Was waren ihre ständigen und vollkommen gerechtfertigten Appelle an den Westen denn, wenn nicht Politik? Sie wandten sich ja nicht an die Marsbewohner, sondern an die Hauptfeinde der herrschenden Spitze der UdSSR.).

Bereits rund 40 Jahre vor der berühmten „Demonstration der acht“ am 25. August 1968 auf dem Roten Platz war klar formuliert worden, das selbst „das Persönliche etwas Politisches ist“, was soll man da noch von den Menschenrechte en masse sagen? Aber an die Massen wandten sie sich jedoch so gut wie gar nicht; das hielten sie für ärgerliches Eintauchen in die Politik. Aber sie wandten sich an die „Eliten“ – die sowjetischen und die westlichen, womit sie merkliche politische Schritte zur eigenen Befreiung und der der Massen gingen, diesen Prozess aber durch die eigene freiwillige Blindheit verlangsamten.

Leider hatten sich die meisten sowjetischen Dissidenten selbst dazu überredet, dass sie weit weg sind von der Politik, und damit hatten sie sich selbst betrogen und im Endeffekt die politische Schlacht um den Vektor und die Tiefe der Veränderungen im Land gegen sich selbst verloren, als diese Ende der 1980er Jahre tatsächlich lawinenartig einsetzten. Allein Akademiemitglied Sacharow hielt für alle seinen Buckel hin, als er am Kongress der Volksdeputierten der UdSSR teilnahm, zu dem er übrigens keineswegs nach der „parlamentarischen“ Prozedur von gleich-geheim-allgemein gewählt wurde, sondern im Rahmen der korporativen Repräsentanz von der Akademie der Wissenschaften nach den „schmutzigen“ sowjetischen Regeln bestimmt wurde. Er spielte also durchaus nach den politischen Regeln, so gut er konnte, so gut es ging, aber mit vollstem Einsatz der Kräfte, solange das Leben reichte.

Aber unter den heutigen gibt es keinen Gandhi und keinen Sacharow. Was also tun? Wenn die Intelligenzija boykottiert, müssen wir selbst in die politischen Prozesse eintauchen, ein politisches Bewusstsein erwerben, zu handeln anfangen und politische Ergebnisse erkämpfen. Denn sonst bleibt nichts anderes übrig, als ohne Musik zu verenden und einfach zu verhungern.“