Sprachblog: Вишь, у нас в районе такие пацаны!

Foto: commons.wikimedia/Merete Bendiksen/norden.org CC BY 2.5 dkFoto: commons.wikimedia/Merete Bendiksen/norden.org CC BY 2.5 dk
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Es gibt das offizelle Russisch, das akademische, gepflegte und korrekt ausgesprochene. Damit kommt man schon sehr weit. Daneben besteht aber auch ein anderes, paralleles, welches man nicht in schöngeistigen Büchern, ja nicht mal in der Tageszeitung, antrifft. Russischer Slang kennt eine ganze Menge ausnehmend griffiger Ausdrücke, ist ein weites Betätigungsfeld wo jeder Russischliebhaber neue Nahrung für seine Sprachbegeisterung findet.

Russische Jugendliche nennen sich untereinander kaum господин oder verwenden ähnlich altertümlich-hochtrabende Ausdrücke. Jungs sind пацаны, ebenfalls geläufig sind братан und брателло als Abwandlungen von брат, Bruder. Auch für Mädchen kommt ein Verwandtschaftsbegriff zum Einsatz, sie werden durchgehend als тёлка (von тётя, Tante) bezeichnet. Oder direkt баба, Weib, genannt. Mehrere Jungs zusammen können als братва bezeichnet werden. Spezifizierungen sind das legendäre, beinahe schon zum Klassiker gewordene гопник und das etwas neuere орех. Гопники sind männliche Jugendliche, die rumhängen als Lieblingsbeschäftigung angeben, vorzugsweise Trainerhosen und Lederjacken tragen und sich zur Hauptsache von Zigaretten und шаверма, dem russischen Döner, ernähren. Гопник kommt möglicherweise von гоп-стоп, was seinen Ursprung im russischen Rotwelsch hat und ’’Überfall’’ bedeutet.

Die Nähe zur Gaunersprache ist nicht zufällig, sind doch гопники nicht gerade für perfektes Benehmen und geregelte Beschäftigungen bekannt. Während der schweren sozialen Krise der 90er Jahre bevölkerten sie die russischen (Vor-) Städte en masse. In letzter Zeit ist eine neue Generation herangewachsen, die орехи (’’Nüsse’’). Diese unterscheiden sich erst mal in ihrer Garderobe von den гопники. Sie bevorzugen tiefergelegte Jeans, Schirmmützen und dick gefütterte Windjacken, die ihren schmächtigen Oberkörpern ein bulliges Aussehen verleihen. Dazu kommt eine stark ausgeprägte Vorliebe für Markenartikel aller Art. Wenn es Kleider sind, werden diese statt шмотки oder шмотьё (’’Klamotten’’) genannt. So gut wie jeder Satz eines орех beginnt mit ’’слышь?’’, was ’’hörst du?’’ heisst und in etwa dem deutschen ’’waiss’du’’ entspricht. Es entsteht aus einer unsauberen Aussprache von ’’слышишь’’. Dasselbe Muster wird auch bei anderen Wörtern angewandt: Aus видишь (=siehst du) wird вишь, aus тысяча (=Tausend) тыща. Dazu wird überall ein kräftiger Schuss крутой und круто (geil) hinzugegeben, zum Beispiel: ’’Вишь братан, чё там за крутая тёлка.’’
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Auch die umständlich langen russischen Städtenamen sind manchen zu mühsam. Aus Екатеринбург macht man im Handumdrehen ein Ё-бург (’’Joh-Burg’’ ausgesprochen), Ярославль wird zu Ярик. Die verschiedenen zentralasiatischen Staaten, die alle auf –stan lauten, werden kurzerhand zu Чуркистан zusammengefasst, was von чурки kommt, einem abschätzigen Begriff für Ausländer.

Natürlich können die орехи nicht nur schimpfen, sondern auch richtig freundlich sein. Sowieso ist die Nähe zur Gaunersprache und harten Ausdrücken eher Ausdruck des Bemühens, krass zu wirken als wirkliche Härte. Wem ’’Pеспект тебе и уважуха (von уважение= Achtung, Ehrung)!’’ gesagt wird, darf das als Kompliment aufnehmen.
Dieser Text wurde uns von den Liden & Denz Sprachschulen für Russisch in St. Petersburg und Moskau zur Verfügung gestellt.