Sobjanin verteidigt Moskaus „Wirtschaft des friedlichen Lebens“

Sobjanin verteidigt Moskaus „Wirtschaft des friedlichen Lebens“

Moskau soll investieren, konsumieren, Touristen anziehen und mit Hochgeschwindigkeitszügen über das Land hinauswachsen. Mitten im Krieg entwirft Bürgermeister Sergej Sobjanin das Bild einer prosperierenden zivilen Metropole. Dahinter steht allerdings keine Friedensbotschaft, sondern ein nüchternes strategisches Kalkül: Ohne zivile Normalität fehlen Russland Steuern, Einkommen und politische Stabilität – und damit schließlich auch die Mittel zur Fortsetzung des Krieges.

Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin hat Forderungen nach einer vollständigen Umstellung der russischen Wirtschaft auf Kriegsbedürfnisse ungewöhnlich deutlich zurückgewiesen. Es sei unsinnig, die gesamte Volkswirtschaft „zu mobilisieren“ und auf militärische Gleise zu setzen, sagte er in einem Interview mit dem Generaldirektor der Nachrichtenagentur TASS, Andrej Kondraschow.

„Wenn es die Wirtschaft des friedlichen Lebens nicht mehr gibt, wenn es keine Steuern und keine Einkommen der Bevölkerung mehr gibt, wird die politische Lage eine völlig andere sein, und dann werden wir auch im Krieg keinen Erfolg haben“, erklärte Sobjanin. Das normale Wirtschaftsleben zu zerstören bedeute, „das Land insgesamt zu zerstören“.

Das ist keine Absage an den Krieg. Sobjanin begründet die Notwendigkeit der zivilen Wirtschaft vielmehr gerade mit dessen Erfordernissen. Die „Wirtschaft des friedlichen Lebens“ erscheint bei ihm als ökonomisches und politisches Hinterland der Kriegführung. Konsum, Einkommen und städtische Normalität sollen erhalten bleiben, weil sie Steuereinnahmen erzeugen und die Stabilität des Landes sichern.

Moskau als Motor für das ganze Land

Wie dieses Modell funktionieren soll, erläuterte Sobjanin anhand der Moskauer Wirtschaft. Nach seinen Angaben wurden 2025 rund neun Billionen Rubel in der Hauptstadt investiert. Je zwei Rubel, die in Moskau angelegt würden, zögen einen weiteren Rubel an Investitionen in den russischen Regionen nach sich.

Millionen Arbeitsplätze außerhalb der Hauptstadt seien mit Moskauer Industrie-, Bau- und Dienstleistungsunternehmen verbunden. Moskauer Fabriken bezögen Komponenten von Dutzenden oder sogar Hunderten regionalen Zulieferern. Auch Baumaterialien, Metall, Möbel und Lebensmittel kämen aus anderen Teilen des Landes.

Sobjanin präsentiert Moskau damit nicht als privilegierte Insel, die den Regionen Kapital und Arbeitskräfte entzieht, sondern als wirtschaftliches Kraftzentrum, dessen Nachfrage in das gesamte Land ausstrahlt. Seit 2010 seien in der Stadt zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstanden. Zugleich bestehe trotz einer leichten Entspannung noch immer ein Mangel von rund 400.000 Arbeitskräften.

26,5 Millionen Besucher

Zum Bild der zivilen Metropole gehört auch der Tourismus. Nach Angaben des Bürgermeisters hat sich die Zahl der Moskau-Besucher in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. 2025 kamen demnach 26,5 Millionen Touristen – eine halbe Million mehr als im Vorjahr.

Sobjanin zufolge brachte der Tourismus dem Moskauer Haushalt rund 250 Milliarden Rubel ein. Der gesamte touristische Konsum erreichte 1,8 Billionen Rubel.

Man habe Moskau nicht eigens für Touristen umgebaut, sondern für seine Einwohner, erklärte der Bürgermeister. Wenn eine Stadt sicher, sauber und komfortabel sei, ziehe sie automatisch Besucher an. Museen, Theater, Ausstellungen und die historische Umgebung täten ein Übriges.

Die gepflegte und konsumierende Hauptstadt ist in dieser Darstellung keine Nebensache des Krieges. Sie ist Bestandteil jener zivilen Ökonomie, deren Erhalt Sobjanin zur Voraussetzung staatlicher Handlungsfähigkeit erklärt.

Eine Metropole für 40 Millionen Menschen

Den nächsten Wachstumsschub soll die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Moskau und St. Petersburg bringen. Sie soll 2028 eröffnet werden und die Fahrtzeit zwischen den beiden Städten auf zwei Stunden und 15 Minuten verkürzen.

Sobjanin sprach von rund 40 Millionen Menschen, die künftig von dieser Infrastruktur erreicht würden: etwa 30 Millionen im Einzugsbereich der Moskauer und zehn Millionen in der Petersburger Agglomeration. Diese Zahl bezeichnet somit keine jährliche Fahrgastprognose, sondern das gesamte Bevölkerungspotenzial beider Großräume.

Später soll das Hochgeschwindigkeitsnetz von Moskau aus in Richtung Nischni Nowgorod und Kasan sowie möglicherweise nach Minsk, Woronesch und in den Süden Russlands erweitert werden. Sobjanin bezeichnete das Vorhaben als „globales Projekt zur Neuordnung der Verkehrsverbindungen unseres Landes“.

Der Krieg greift in das Verkehrsnetz ein

Wie eng dieses Zukunftsprojekt mit den gegenwärtigen Kriegsfolgen verbunden ist, zeigt eine weitere Meldung des „Kommersant“. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 sank die Zahl der Flugreisenden zwischen Moskau und St. Petersburg um 18 Prozent auf 1,6 Millionen. Im gesamten russischen Luftverkehr betrug der Rückgang dagegen lediglich 3,2 Prozent.

Als eine wesentliche Ursache gelten die immer häufigeren zeitweiligen Flughafenschließungen wegen drohender ukrainischer Drohnenangriffe. Im russischen Luftverkehr werden solche Sperren als „Plan Teppich“ bezeichnet. Allein der Petersburger Flughafen Pulkowo führte rund 15 Prozent des Rückgangs auf der Moskau-Strecke im vergangenen Jahr auf diese Einschränkungen zurück.

Hinzu kommen direkte Auslandsverbindungen ab St. Petersburg, Veränderungen im Angebot der Fluggesellschaften und Geschäftsreisende, die inzwischen häufiger die Eisenbahn wählen. Die geplante Hochgeschwindigkeitsstrecke ist daher nicht nur ein glänzendes Zukunftsprojekt. Sie schafft zugleich eine Alternative zu einem Luftverkehr, dessen Verwundbarkeit durch den Krieg sichtbar geworden ist.

Normalität als strategische Ressource

Sobjanins Zukunftsentwurf für Moskau wirkt auf den ersten Blick ausgesprochen rosig: steigende Investitionen, Millionen Touristen, neue Arbeitsplätze und Hochgeschwindigkeitszüge, die große Metropolregionen miteinander verbinden.

Unter dieser Oberfläche liegt jedoch eine bemerkenswert ernste Botschaft. Der Moskauer Bürgermeister warnt davor, dass die militärische Mobilisierung ihre eigene Grundlage zerstören kann. Eine Wirtschaft, die nur noch für den Krieg arbeitet, verliert irgendwann Einkommen, Steuern, Konsum und politische Stabilität.

Sobjanin verlangt deshalb keine Rückkehr zum Frieden. Er beschreibt vielmehr eine Arbeitsteilung: Während an der Front gekämpft wird und Drohnen zeitweise den Luftverkehr lahmlegen, soll Moskau weiterhin bauen, reisen, konsumieren und investieren. Die zivile Normalität steht dabei nicht außerhalb des Krieges. Sie wird zu einer seiner wichtigsten wirtschaftlichen Ressourcen.

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