Die Zahl der Menschen in russischen Haftanstalten ist auf einen neuen Tiefstand gesunken. Nach Angaben des Direktors des Föderalen Strafvollzugsdienstes FSIN, Arkadi Gostew, befinden sich derzeit noch rund 282.000 Menschen in Einrichtungen des Strafvollzugs. Weitere 85.000 Verdächtige und Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft. 2021 hatte die Zahl der Gefangenen nach Gostews Angaben noch bei 465.000 gelegen.
Gostew erklärte den Rückgang vor Journalisten vor allem mit einer „Humanisierung“ der Strafpraxis. Gerichte verhängten demnach häufiger Strafen, die nicht mit einer Unterbringung in Strafkolonien verbunden sind – etwa Zwangsarbeit, Freiheitsbeschränkungen oder andere alternative Maßnahmen. Nach Angaben des FSIN-Chefs sei die Rückfallkriminalität bei Personen, die Zwangsarbeit leisten, drei- bis viermal niedriger als bei klassischen Freiheitsstrafen.
Zugleich räumte Gostew ein, dass auch die Anwerbung von Vertragssoldaten für die russischen Streitkräfte einen Einfluss auf die sinkende Zahl der Häftlinge habe. Damit bestätigte er zumindest indirekt einen Faktor, der seit Beginn des Ukraine-Krieges immer wieder diskutiert wird: Gefangene werden für den Kriegseinsatz rekrutiert und verlassen auf diesem Weg die Strafkolonien.
Der Rückgang ist historisch auffällig. Noch im März hatte der stellvertretende Vorsitzende des Obersten Gerichts, Wladimir Dawydow, erklärt, in russischen Kolonien und Untersuchungshaftanstalten säßen zusammen rund 308.000 Menschen – bereits damals sprach er von einem Rekordminimum. Zum Vergleich: 2001 lag die Zahl der Gefangenen in Russland noch bei rund einer Million, 2013 bei etwa 700.000. Für 2023 meldete die FSIN 433.000 Gefangene, 2025 waren es noch 313.000.
Der Rückgang der Häftlingszahlen bedeutet allerdings nicht, dass sich die Lage im russischen Strafvollzug entspannt hätte. Im Gegenteil: Die FSIN leidet nach Gostews Angaben unter einem massiven Personalmangel. Derzeit zählt der Dienst rund 304.000 Mitarbeiter, doch der Fehlbestand habe in vielen Bereichen kritische Ausmaße erreicht. Gostew sprach von einem „enormen Defizit“ und nannte als Hauptgrund die niedrige Besoldung.
Nach Angaben des FSIN-Chefs liegen die Bezüge im Strafvollzug unter denen der Polizei. Gleichzeitig sei der Anteil unbesetzter Stellen bei der FSIN höher als beim Innenministerium. Bereits im März hatte Gostew erklärt, der Personalmangel in seiner Behörde liege bei über 30,5 Prozent; in vielen Einheiten fehlten bis zu 50 Prozent der Offiziere. Die Folgen seien steigende Belastung, psychische und physische Erschöpfung sowie wachsende Spannungen in den Kollektiven. Mehr als 40 Prozent der Mitarbeiter verließen den Dienst, bevor sie einen Pensionsanspruch erreichten.
Um Personal zu halten, hat die FSIN nach Gostews Worten frühere Dienstgrade für bestimmte Positionen wieder eingeführt und Zulagen für staatliche und dienstliche Auszeichnungen überprüft. Zudem wandte sich die Behörde an das Finanzministerium. Für 2026 seien zusätzlich 3,6 Milliarden Rubel bereitgestellt worden, um den Betrieb des Strafvollzugs zu sichern.
Trotz sinkender Häftlingszahlen bleibt die FSIN auch wirtschaftlich eingebunden. Rund 16.000 Gefangene arbeiten nach Angaben Gostews derzeit an Produkten für die russischen Streitkräfte. Das Produktionsvolumen für die sogenannte „militärische Spezialoperation“ bezifferte er auf rund 5,5 Milliarden Rubel. Insgesamt habe die Produktion des Strafvollzugs im Jahr 2025 ein Volumen von 47 Milliarden Rubel erreicht.
Damit zeigen die neuen Zahlen ein widersprüchliches Bild: Russland sperrt deutlich weniger Menschen ein als noch vor wenigen Jahren, was offiziell mit milderen Strafen und alternativen Sanktionen begründet wird. Gleichzeitig wirken Krieg, Rekrutierung und Arbeitskräftemangel tief in das Strafvollzugssystem hinein. Während die Gefängnisse leerer werden, gerät der Apparat, der sie betreiben soll, personell immer stärker unter Druck.

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