Russland fühlt sich zu recht bedroht

Präsident Putin Foto: kremlin.ru

Die meisten westlichen Politiker und Medien sind, sich gegenseitig bestätigend und gar aufschaukelnd, der Meinung, dass Putin in der Ukrainekrise – insbesondere durch die Aufnahme der Krim in die Russische Föderation – das Völkerrecht gebrochen habe und dass Putin ein Aggressor mit großem Machthunger sei.

Letztlich wird hier erneut gedacht, wie im Kalten Krieg, was der heutigen Situation bei Weitem nicht gerecht wird und schon gar nicht zu einer Deeskalation beiträgt. Im Gegenteil, die Dämonisierung Präsident Putins wird ebenso wie die Absicht, Putin durch eine Sanktionspolitik (deren Auswirkungen sehr zweischneidig und auf russischer Seite längst nicht so effektiv wie erhofft sind) die Situation weiter verschärfen und sicher nicht zu konstruktiven Gesprächen führen.

Putin teilt die Sichtweise des Westens nicht – was sein gutes Recht ist, denn es gibt bekanntlich immer zwei Seiten einer Medaille – und fühlt sich durch die Aktionen des Westens angegriffen.

Viel schlimmer ist jedoch, dass der Westen mit seiner Handlungsweise die geschichtlichen Urängste und Bedrohungsszenarien Russlands bestätigt, die schon für den Ausbruch der Krise wesentlich verantwortlich waren. Es ist der berühmte Circulus vitiosus, aus dem ein Ausbrechen unmöglich erscheint.

Geradezu abstrus ist die wenig mit Presse- und Meinungsfreiheit zu tun habende Handlungsweise, Menschen, die sich in die russische Politik hineindenken wollen, als voreingenommene Kumpane Russlands zu diffamieren – sogenannte Putinversteher (schon die Umkehrung des positiv besetzten Wortes „Versteher“ ins Negative ist eine Absurdität).

Das Gegenteil ist richtig: Nur durch das Hineindenken – unabhängig davon, ob man die gegnerischen Handlungen gut heißt oder nicht – kann ein Konflikt einer Lösung zugeführt werden. Das sind eigentlich Binsenweisheiten und man muss sich wundern, warum sie derzeit in der Politik anscheinend keine Gültigkeit besitzen oder man muss vermuten, dass positive Lösungen nicht gewollt sind.

Andreas Bock hat in einem Gastbeitrag in Zeit-Online dieses Thema ausführlich hinterfragt.