russland.COMMUNITY: Seymour M. Hersh – Es gab keinen Giftgas-Angriff

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Helmut Scheben  – Der bekannte US-amerikanische Journalist Seymour Hersh hat beste Kontakte zu den Geheimdiensten und weiss mehr, als er wissen darf.

Einer der renommiertesten Investigativ-Journalisten der USA, Seymour Hersh, kommt zu dem Ergebnis, dass bei dem Angriff am 4. April 2017 im syrischen Khan Sheikoun kein Giftgas verschossen wurde. Unmittelbar nach einem Luftangriff Syriens auf Dschihadisten hatte US-Präsident Donald Trump behauptet, die syrische Luftwaffe habe chemische Waffen eingesetzt und dabei mehr als 80 Zivilisten getötet, darunter Frauen und Kinder.

Sowohl die Regierung in Damaskus als auch ihre russischen Verbündeten haben die Vorwürfe als propagandistische Falschinformation zurückgewiesen. Auch hochrangige ehemalige US-Geheimdienstleute haben starke Zweifel am Wahrheitsgehalt der Darstellung Trumps angemeldet. Die führenden Schweizer Medien ignorieren dies beharrlich und folgen routinemässig der in Washington verbreiteten Erzählung. Infosperber hat darüber ausführlich berichtet.

Seymour Hersh erhielt 1970 den Pulitzer-Preis, nachdem er das Massaker von My Lai aufgedeckt hatte, bei dem US-Soldaten in Vietnam 504 Zivilisten ermordet hatten. Die Armee versuchte zunächst, My Lai und zahlreiche ähnliche Verbrechen zu verheimlichen, und die grosse amerikanische Presse war Monate lang nicht bereit, den Bericht von Seymour Hersh zu publizieren. Seiner Beharrlichkeit war es zu verdanken, dass die Kriegsverbrechen schliesslich ans Licht der Öffentlichkeit kamen und die Unterstützung für den Krieg in Vietnam nachliess.

Hersh verfügt über solide Kontakte zu Whistleblowern in Washington und in den amerikanischen Geheimdiensten, seine Recherchen haben sich im nachhinein grösstenteils als zuverlässig erwiesen. Vom Einsatz der CIA beim Pinochet-Putsch in Chile über die israelische Atombombe bis hin zur Folterpraxis in Abu Ghraib hat Hersh unbequeme Wahrheiten aufgedeckt und sich damit nicht nur bei den Falken in Washington, sondern auch im Establishment der Ostküsten-Demokraten äusserst unbeliebt gemacht. Zeitungen wie die New York Times, bei denen er früher gearbeitet hat, drucken ihn nicht mehr.

Seit er nach 9/11 begonnen hat, die Politik der USA und ihrer NATO-Verbündeten im Nahen und Mittleren Osten kritisch unter die Lupe zu nehmen, stösst er zunehmend auf Ablehnung der Leitmedien und ist teilweise mit hasserfüllten Versuchen konfrontiert, ihn menschlich und professionell zu diskreditieren.

Bereits nach der ersten grösseren Sarin-Attacke 2013 im syrischen Ghouta kam Hersh zu dem Schluss, dass nicht das Assad-Regime dafür verantwortlich war, sondern die syrischen Aufständischen, die ein militärisches Eingreifen der USA provozieren wollten.

In Bezug auf den angeblichen Angriff mit Chemiewaffen am vergangenen 4. April legt Hersh erneut schwer zu widerlegende Argumente und Zeugenaussagen vor, die das von den grossen westlichen Medien verbreitete Narrativ als Fiktion entlarven. Hier zu Seymour Hersh’s Artikel im Original (englisch).

Und hier ein paar Ausschnitte aus Hersh’s Artikel, auf deutsch:

«Am frühen Morgen des 6. April 2017 befahl der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald Trump, einen Angriff mit Tomahawk-Raketen auf den syrischen Luftwaffen-Stützpunkt Shayrat. Dies, wie er sagte, als Vergeltung für den tödlichen Angriff mit Einsatz von Nervengas zwei Tage zuvor auf die von Rebellen gehaltene Stadt Khan Sheikhoun durch Truppen der syrischen Regierung. Trump erteilte den Befehl zum Angriff, obwohl er aus Kreisen des Geheimdienstes gewarnt worden war, dass es keine Beweise gibt, dass die Syrer chemische Waffen eingesetzt haben.

Das zur Verfügung stehende Informationsmaterial machte klar, dass die Syrer am 4. April eine Zusammenkunft der Dschihadisten angegriffen haben, wobei sie sich einer russisch gesteuerten Bombe mit konventionellem Explosivstoff bedient haben. Detailinformationen, inklusive zum Stellenwert des ins Auge gefassten Ziels, sind schon Tage zuvor von den Russen an die Amerikaner und allierte andere Militär-Vertreter in Doha übermittelt worden, wo die Luftwaffeneinsätze der Amerikaner, der Allierten, der Syrer und der Russen nach Möglichkeit koordiniert werden.

Etliche US-amerikanische Militär- und Geheimdienst-Beamte waren echt besorgt ob des Beschlusses des Präsidenten, die unsichere Beweislage einfach zu ignorieren. ‚Das macht überhaupt keinen Sinn‘, sagte ein hochstehender Beamter zu seinen Kollegen, als er vom Beschluss des Präsidenten hörte, jetzt einen Bombenangriff zu starten. ‚Wir WISSEN, dass da kein Angriff mit chemischen Waffen stattgefunden hat. Die Russen sind wütend. Zu behaupten, wir hätten die besten Erkenntnisse und kennten die Wahrheit – ich fürchte, es war einerlei, ob wir nun Clinton oder Trump gewählt haben… ‚

Bereits Stunden nach dem Bombenabwurf am 4. April wurden die Medien zugedeckt mit Fotos und Videos aus Khan Sheikhoun. Bilder von toten und sterbenden Opfern, die angeblich unter den Auswirkungen des Nervengas-Einsatzes litten, wurden von lokalen Aktivisten in die Sozialen Medien geladen, auch von den White Helmets, einer Erste-Hilfe-Gruppe, deren Nähe zur syrischen Opposition bekannt ist.

Die Herkunft der Photos war nicht klar und keine internationalen Beobachter konnten vor Ort recherchieren, aber die unmittelbare, weltweit verbreitete Vermutung war, dass dies ein absichtlicher Einsatz des Nervengiftes Sarin war, befohlen durch Syriens Präsident Bashar Assad. Trump unterstützte diese Vermutung, indem er innerhalb weniger Stunden nach dem Angriff eine Stellungnahme abgab mit der Behauptung, Assads abscheuliche Aktionen seien die Folge von Obamas Schwäche und zögerlicher Haltung nach dem letzten Einsatz chemischer Waffen durch Syrien.»

In der Folge beschreibt Seymour Hersh ausführlich und sehr detailliert, was in Khan Sheikhoun abgelaufen war: ein Angriff der syrisch-russischen Seite auf ein Meeting von höchsten IS-Führungsleuten, und dies nach genauer vorheriger Information des US-Geheimdienstes durch die Russen, um zusätzliche Komplikationen nach diesem Angriff zu vermeiden. Hersh beruft sich dabei auf direkt erhaltene Informationen von einem hohen Geheimdienst-Angehörigen:

«Russische und syrische Geheimdienstleute, die ihre militärischen Operationen direkt mit den amerikanischen Kommandos absprechen, machten klar, dass der bevorstehende Angriff auf Khan Sheikhoun wegen dem hohen Rang der anvisierten IS-Leute ein spezieller Angriff sein würde.»

Der amerikanische Geheimdienst wusste auch, so Hersh, dass in dem anvisierten Gebäude, wo das Meeting stattfinden würde, Lebensmittel, Munition, Gas, aber auch diverse Düngemittel und andere chemische Produkte lagerten. Nur, das alles interessierte Trump wenig. Hersh wörtlich: «Trump, ein regelmässiger Konsument der TV-News-Sendungen, sagte, während Jordaniens König Abdullah mit ihm im Oval Office sass, das, was jetzt geschehen sei, sei ’schrecklich, schrecklich‘ und ‚ein fürchterlicher Angriff auf die Menschheit‘. Danach befragt, ob er seine Politik gegenüber Assad nun ändern werde, sagte Trump: ‚Sie werden sehen.‘ Und an der Medienkonferenz mit Abdullah sagte er: ‚Wenn du unschuldige Kinder umbringst, unschuldige Babies, Babies, kleine Babies, und dies mit tödlichem Giftgas, dann überschreitet das sogar mehrere Linien jenseits der roten Linie. Dieser Angriff gestern auf Kinder hat eine grosse Wirkung auf mich, eine grosse Wirkung … Es ist sehr wohl möglich, dass sich meine Ansichten gegenüber Syrien und Assad dadurch stark verändert haben.’»

Und, so Hersh: «Innerhalb weniger Stunden, nachdem er die Fotos gesehen hatte, gab Trump dem nationalen Verteidigungsapparat die Anweisung, einen Vergeltungsschlag vorzubereiten. Er tat dies, gemäss dem Informanten aus dem Geheimdienst, ohne vorher mit irgend jemandem darüber gesprochen zu haben.»

Alle Versuche, Trump zu überzeugen, dass kein Angriff mit Nervengas stattgefunden habe, waren, so Hersh aufgrund seines Informanten, vergeblich.

Hersh kommt dann auf ein Meeting Trumps mit einigen Beratern in seinem Sitz Mar-a-Lago in Florida zu sprechen. Dort sei zwar das Militär mit dem Verteidigungsminister, dem Ex-General James Mattis, vertreten gewesen, aber es war kein Chef des Geheimdienstes anwesend.

«Nach dem Meeting, mit den Tomahawks auf ihrem Flug, hielt Trump von seinem Sitz Mar-a-Lago aus eine Rede an die Nation. Darin beschuldigte er Assad, Nervengas eingesetzt zu haben, um ‚das Leben von hilflosen Männern, Frauen und Kindern auszulöschen. Es war ein langsamer und brutaler Tod für so viele. Kein Kind Gottes sollte je wieder unter einem solchen Horror leiden müssen.’»

Hersh wörtlich: «Die nächsten paar Tage waren Trumps erfolgreichste, seit er Präsident war. Amerika stellte sich geschlossen hinter seinen Oberbefehlshaber, wie es das in Kriegszeiten immer tut. Trump, der sich zu Zeiten seiner Wahlkampagne gerne als jenen darstellte, der mit Assad Frieden schliessen würde, hat Syrien elf Wochen nach seinem Einsitz im Weissen Haus bombardiert und wurde dafür von den Republikanern, den Demokraten und auch von den Medien bejubelt. Ein sehr prominenter TV-Moderator, Brian Williams vom Sender MSNBC, brauchte sogar das Wort ’schön‘ (beautiful) bei der Beschreibung der Bilder der von den Zerstörern der US-Marine abgefeuerten Tomahawk-Raketen. Und Fareed Zakaria sagte auf CNN: ‚Ich denke, jetzt ist Donald Trump der amerikanische Präsident geworden.‘ Von den hundert meistgelesenen Zeitungen in den USA publizierten deren 39 redaktionelle Kommentare, in denen Trumps Bomben ausdrücklich gutgeheissen wurden, darunter auch die New York Times, die Washington Post und das Wall Street Journal.»

Erstveröffentlichung bei www.infosperber.ch

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