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10-02-2004 Kultur
Alexander Puschkins letzte Ruhestätte
"Warum wir Puschkin lieben und seiner gedenken sollen? Weil es in Russland keinen anderen Künstler gegeben hat, der sich in dieser reinsten und vollkommensten Art offenbart hätte." /G. Adamowitsch/

Der Trauerzug von Schlitten jagte aus Sankt Petersburg zum südlichen Rand des Landkreises Pskow und hielt nur, wenn die Pferde ausgewechselt werden mussten.


Der Sarg des Dichters versank im Stroh. Neben dem Sarg saß, das Gesicht an den kalten Deckel gelehnt, Puschkins persönlicher Diener seit seiner Kindheit, der Leibeigene Nikita Koslow; er hatte sich ohne behördliche Genehmigung auf den Weg gemacht und war auf den schon fahrenden Schlitten mit dem Sarg noch im letzten Moment gesprungen. Auf dem anderen Schlitten saßen Alexander Turgenew und ein Geleitoffizier der Gendarmerie.

Auf einer der Stationen sah die Ehefrau von Professor A. W. Nikitenko, die die Familie des Dichters kannte, zufällig den Trauerzug. "Was sind das für Fuhren?" fragte sie einen daneben stehenden Bauern. "Irgend so'ner Puschkin ist getötet, und die schieben ihn in Bast und Stroh ab, wie einen Hund, Gott vergebe es ihnen!" antwortete der Bauer.

Zar Nikolaus I. hatte alles getan, damit der Adlige aus einem alten Geschlecht, "die Sonne der russischen Poesie" Alexander Puschkin, auch noch nach seinem Tode erniedrigt und nach Möglichkeit gänzlich vergessen wurde. Übrigens versuchte man in Russland wiederholt, Puschkin zu "vergessen", seine Bedeutung umzuwerten. Er bekam das Gift der Kritiker schon zu seinen Lebzeiten, und zwar in den Jahren 1829 - 1830 zu spüren, als sein Poem "Poltawa" und das 7. Kapitel von "Eugen Onegin" erschienen. Mit einem Mal sprach man über den Dichter missgünstig und ließ durchblicken, er habe sich "erschöpft". "Mit dem Jahr 1830 endete die Puschkin-Periode, besser gesagt brach sie plötzlich ab, weil Puschkin selbst und zusammen mit ihm auch sein Einfluss zu Ende waren", behauptete Wissarion Belinski. Noch weiter ging Dmitri Pissarew, der zu beweisen bemüht war, wie "inhaltsleer" und "gegenwartsfremd" Puschkins Dichtung sei. Im Zusammenhang mit solchen Urteilen schrieb Iwan Rosanow, der für seine Forschungsarbeiten über das "goldene Zeitalter der russischen Poesie" bekannt ist: "Puschkins Ruhe, die Selbstbeherrschung des Künstlers wurde irrtümlich für eine gesellschaftliche Indifferenz gehalten. Die Puschkinsche Seelenklarheit war nicht mehr in Mode, die russische Poesie wurde von neuen Geschmacksrichtungen überflutet, die von seelischer Zerrissenheit, innerer Spaltung und der Suche nach neuen Formen gekennzeichnet waren." Die Rückkehr zu Puschkin begann erst 1880, als in Moskau ein Denkmal zu Ehren des Dichters eröffnet wurde und Fjodor Dostojewski seine berühmte Rede hielt, in der es u. a. hieß: "Der Dichter hat den Weg der russischen Geschichte mit einem neuen richtungsweisenden Licht beleuchtet und ihre weitere Entwicklung prophetisch vorhergesagt." ....Ohne etwas von den undankbaren und dankbaren Nachkommen zu ahnen, ruht Puschkin schon 167 Jahre lang auf dem hohen Hügel des altehrwürdigen Swjatogorski-Klosters. Um ihn dehnt sich die Siedlung Puschkinskije Gory aus. Das von einem gusseisernen Gitter umgebene bescheidene Grab schließt sich gleich einem Altarraum an die Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale, die Hauptkirche des Klosters, an. Am Fußende des Grabes erhebt sich eine Mauer des südlichen Nebenaltarraums, am Kopfende, unter dem steinigen, baumbestandenen Abhang, lärmt eine belebte Straße. Sie schlängelt sich durch die Siedlung, sich der Landschaft anpassend, führt aus dem Tal nach oben, krümmt sich um den Klosterhügel.

An der Biegung rascheln Autoreifen, quietschen Bremsen. Viele halten auf dem großen Platz vor dem Anastasjewski-Tor an, durch das einst auch Puschkin selbst das Klostergelände betrat. Zuerst als fröhlicher Lyzealschüler, der an "Gottesmutter Hodigitria", der Beschützerin der Reisenden, einer der wichtigsten Ikonen in der Kirche, so viel Gefallen fand. Dann als der Verbannte von Michajlowskoje, der unter geistlicher Aufsicht des Klostervorstehers Iona stand. Dieser erlaubte es ihm, in den alten Chroniken zu lesen, vor denen Puschkin, der damals an "Boris Godunow" schrieb, mit vor Andacht stockendem Herzen saß.

Im April 1836 ging Puschkin das letzte Mal durch das Anastasjewski-Tor, er geleitete den Sarg seiner Mutter, deren letzter Willen es war, an den Klostermauern beerdigt zu werden. Wie in Vorausahnung des nahen Endes kaufte der Dichter einen Platz auch für sein Grab.

An den Klostermauern verkaufen heute Frauen aus Swjatogorsk zu jeder Jahreszeit Blumen. Bis zum Abend wandert all diese Schönheit - in einzelnen Zweigen und kleinen Sträußen - hinauf, zum Denkmal des Dichters. Puschkin "ernährt" praktisch alle Bewohner der Siedlung. Das staatliche historisch-kulturelle und naturlandschaftliche Museumsreservat zum Andenken an Alexander Puschkin "Michajlowskoje" ist hier eine Art "städtebildendes Unternehmen", das über 2 000 Mitarbeiter verschiedener Berufe beschäftigt. Die Zahl der Museumsführer allein beträgt beinahe 700. Im örtlichen Restaurant bekommt man Schtschi "Hannibal" (so genannt nach dem Urgroßvater des Dichters), die Spezialität des Hauses "An der Lukomorje" (die märchenhafte Meeresbucht bei Puschkin), den Wodka "Puschkin" und eine "Konfitüre à la Larina" vorgesetzt. In den Souvenirkiosken werden zahlreiche Andenken feilgeboten, bis hin zu einer winzigen "Onegin-Gartenbank" oder etwa einer stilisierten Darstellung des Dichters selbst: in einem roten Hemd, einem weißen Hut und mit einem eisernen Spazierstock in der Hand. In dieser Aufmachung pflegte er durch die "Besitztümer der Ahnen" zu wandern, den Jahrmarkt an den Klostermauern zu besuchen, wo er gierig der Sprache der einfachen Menschen lauschte, oder nach Trigorskoje, auf das Landgut von Praskowja Ossipowa-Wulf, zu seinem Freundeskreis zu gehen.

bei Literatur.RU
Ein Herbst der Inspiration Puschkin und der „Boldino-Herbst"
Gerade vor der Freitreppe des Hauses in Trigorskoje fuhren am 5. Februar /nach dem alten Stil/ 1837, nach langen Irrfahrten durch die Schneeverwehungen um Pskow, die müden Pferde mit Puschkins Sarg vor. Turgenew und der Gendarmerieoffizier gingen ins Haus, um nach dem Weg zum Swjatogorski-Kloster zu fragen. Auf den Bock stieg der Kutscher der Ossipowa, und eine halbe Stunde später hielt der traurige Zug schon am Anastasjewski-Tor. Der Sarg wurde mühsam die vereiste Steintreppe zur Himmelfahrtskathedrale hinaufgetragen und im südlichen Nebenaltarraum aufgebahrt. Hier, nicht weit von seinem Bruder Platon, der als Säugling gestorben und neben dem Altar begraben worden war, lag der Tote in jener Nacht.

Am Morgen des 6. Februar gingen die Bauern von Michajlowskoje und Trigorskoje daran, den vereisten Grund mit Brecheisen aufzugraben. Es war ein grimmiger Frost, und die Arbeit kam nur schwer voran. Erst gegen Abend gelang es, eine Art Grab auszuheben, und darein wurde der Sarg gesenkt. Man schaufelte es mit Schnee zu und steckte ein Holzkreuz mit der Inschrift "Puschkin" auf.

Im Frühjahr wurde der Tote in ein tieferes Grab umgebettet, und nun stand das Holzkreuz hier. Das Denkmal des Dichters wurde erst 1841, auf Beharren seiner Frau errichtet. Die Spenden kamen aus allen Gegenden Russlands. Der Entwurf stammte vom Maler Alexander Permagorow: ein auf Granitplatten stehender weißer Marmorobelisk mit einer offenen Nische, in der eine Urne mit übergeworfener Decke - als Zeichen des frühen Todes - verborgen stand. Über der Urne war ein Lilienkranz, ein Symbol des Genies, angebracht. Das Denkmal bedeckt zwei Gräber - das des Sohnes und das der Mutter -, weil sie sehr nah aneinander beerdigt sind. Ebenda, unter anderen Platten, ruhen der Großvater und die Großmutter des Dichters: Ossip und Marija Hannibal. Auf diesem Friedhof hatte auch der Vater, Sergej Puschkin, seine letzte Ruhestätte gefunden, aber ihr genauer Ort ist unbekannt.

1899 kaufte das Schatzamt des Zaren dem jüngsten Sohn des Dichters, Grigori Puschkin, das Dorf Michajlowskoje ab und übergab es in die Verfügung des Adels des Landkreises Pskow. Auf dem Landgut lebten nun betagte Literaten, die eine Art Museum zustande brachten. Sie spielten auf Puschkins Billard, tranken Tee aus dem alten Samowar von Michajlowskoje und pflegten ihre Ruhe. Zu einem Pilgerort wurde diese Stätte erst zur Sowjetzeit. Am 2. März 1922 wurden die Dörfer Michajlowskoje, Trigorskoje und die Grabstätte Puschkins im Swjatogorski-Kloster zu einem Schutzgebiet erhoben (heute gehören noch das Dorf Petrowskoje, einst ein Besitz des Urgroßvaters Abram Hannibal, dazu). Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Schutzgebiet von den Faschisten ausgeraubt und verbrannt, die Gruft, in der Puschkin und seine Mutter ruhen, vermint.

Dank den unglaublichen Anstrengungen von Enthusiasten mit Semjon Gejtschenko an der Spitze wurde alles nach alten Skizzen und Zeichnungen wieder aufgebaut, aber viele unschätzbare Exponate - persönliche Sachen des Dichters, Gegenstände als Zeugen der Zeit - waren verloren. Semjon Gejtschenko widmete sein Leben dem Ziel, zu erreichen, dass die ganze mit dem Leben des Dichters verbundene Gegend, das ganze Schutzgebiet würdig aussahen und weitestgehend dem Geist der Puschkin-Zeit entsprachen. Er verwirklichte seinen Plan glänzend. Der erste Direktor des Schutzgebietes ist jetzt seinerseits auf dessen Territorium, auf dem Familienfriedhof der Ossipow-Wulf in der Nähe der uralten Siedlung Woronitsch, begraben. Die Tradition der liebevollen Pflege des nationalen Heiligtums wahrt heute der neue Direktor des Museumsreservats G. Wassilewitsch, Träger eines Staatspreises für die Tätigkeit auf dem Gebiet der Kultur.

....Wenn man durch die Alleen von Michajlowskoje spaziert, hat man den Eindruck, jede Minute werde ER selbst hinter einer Kiefer oder einer alten Eiche, die in seinen Versen verewigt ist, hervortreten. Und siehe da: ER ist wirklich da, allerdings in Bronze: als sorgloser Lyzealschüler, unter Apfelbäumen liegend. In dem Raum, der die beiden größten Schätze des Museums aufbewahrt - den eisernen Spazierstock Puschkins und Anna Kerns Gartenbank, an welcher der Dichter zu Füßen seiner "flüchtigen Vision" kniete -, brennt immer eine Lampe. Ihr Licht fällt auf drei rote Äpfel: Puschkin aß sie so gern bei der Arbeit. "Man hat das Gefühl, dass er hier gleich eintritt", sagte eine der Besucherinnen. "Auch wir warten ständig darauf", sekundierte ihr die Museumsführerin Jelena Sewastjanowa.

Nikolai Gogol schrieb: "Beim Namen Puschkin denkt man sofort an den russischen Nationaldichter.... In ihm haben sich die russische Natur, die russische Seele, die russische Sprache, der russische Charakter in ebensolcher Reinheit, ebensolcher gereinigten Schönheit gespiegelt, mit der sich eine Landschaft in der gewölbten Oberfläche eines optischen Glases spiegelt." Man sollte meinen, Puschkin sei hoch über jedes voreingenommene Urteil erhaben. Dennoch finden sich auch heutzutage Menschen, die sich gern darüber ausbreiten, dass Puschkin "nicht gegenwartsbezogen", "nicht aktuell" sei - und das erklären sie ohne auch nur einen Schatten von Verlegenheit, direkt vom Bildschirm aus. Was geht das aber das Genie an?! (Von Tatjana Sinizina,Komentatorin der RIA"Nowosti" )

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