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14-10-2008 Bücher
Von einem verlorenen Paradies
Die erste deutsche Übersetzung des Tagebuchs der Aralsee-Expedition des russischen Entdeckers Aleksej Butakov ist soeben in Mitteleuropa entschieden. Das Mitte des 19. Jahrhunderts verfasste Buch schildert ein Naturidyll, das durch die Umweltzerstörungen der Sowjetunion unwiderruflich verloren ging.

Durch einen Raubbau an seinen Wasserresourcen hat der Aralsee im 20. Jahrhundert 80 % seines Wasservolumens und 2/3 seiner Fläche verloren. Durch groß angelegten Baumwollanbau seiner Zuflüsse beraubt starb damit ein Großbiotop von meeresähnlichen Ausmaßen. Wo sich heute vertrockneter und versalzener Wüstenboden befindet, grasten einst Antilopen- und Viehherden usbekischer Nomaden an reich bewachsenen Ufern.

Ein Fenster in diese verlorene Welt des alten Aralischen Meeres, wie das Gewässer wörtlich aus dem Russischen übersetzt heißt, öffnet auch dem russisch-unkundigen Leser die deutschsprachige Veröffentlichung des Expeditions-Tagebuchs. Butakov reiste im Auftrag des Zaren vom fernen Orenburg an die dortigen Gestade. Im Alter von 32 Jahren umrundete und überquerte er mit zwei Schonern den damals – im Revolutionsjahr 1848/49 – in Europa noch weitgehend unbekannten See. Im nüchternen Ton eines Seemanns schilderte er Tag für Tag das Erlebte und macht gerade durch den sachlichen Stil den Umfang der verlorenen Naturresourcen begreifbar. Butakov beschreibt diese aus dem Blick des wissenschaftlich und geologisch interessierten Forschers seiner Zeit. Ebenso wie den Alltag der Seeleute von über 150 Jahren.

So vermaß die russische Mannschaft Stück für Stück das Ufer, entdeckte und benannte neue Inseln, litt unter Frischwasser- und Vitaminmangel und kämpfte gemeinsam gegen schlechtes Wetter und widrige Winde. An den Ufern befand sich zu dieser Zeit noch das den Russen feindlich gesinnte Khanat von Chiva, das die Zaren erst später bezwangen und so war auch mancher Landgang nicht ungefährlich. Nach der Reise wurde Butakov für seine Verdienste bei der Vermessung und Kartographierung des Gewässers auf Vorschlag von Alexander von Humboldt mit der Ehrenmitgliedschaft der Berliner Gesellschaft für Erdkunde geehrt.

Der Tagebuchtext wurde vom Herausgeber der deutschen Ausgabe Max-Rainer Uhrig noch um umfangreiches Zusatzmaterial ergänzt. So um eine Einleitung mit Informationen zu den Rahmenbedingungen und der Vorgeschichte der Expedition, eine kommentierte Bibliographie, mehrere historische und aktuelle Karten und Zeichnungen. Besondere Kleinodien sind vier weitere kürzere Berichte von Zeitzeugen, die den Aralsee im 19. Jahrundert erlebt haben.

Alles in allem eine außergewöhnliche Bucherscheinung, für historisch oder an Mittelasien Interessierte ebenso lohnenswert wie für Naturliebhaber. Das Buch bietet auf seinen 138 Seiten einen unverfälschten Blick in eine alte Zeit, der bei dieser Region noch wesentlich lesenswerter ist, als bei vielen anderen. Das verlorene Idyll, aus der Realität mittlerweile unwiderbringlich verschwunden, wird so wenigstens auf den Seiten des Buchs noch einmal lebendig.

Daten zum Buch: Aleksey Butakov: Tagebuch der Aralsee-Expedition 1848/49, übersetzt und herausgegeben von Max-Rainer Uhrig, Edition Buran, ISBN 978-3-000251870; weitere Russlandbücher unter www.russland-buecher.ru