Putin der Schreckliche tötet Berlin-Mitte

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[von Roland Bathon] Seine erste Schandtat auf deutschem Boden hat der russische Präsident Putin schon verübt, bevor er ihn überhaupt  betrat: „Putin legt das Regierungsviertel lahm“ titelte heute der Tagesspiel.

Offenbar waren also nach Informationen deutscher Journalisten all die Sicherheitsmaßnahmen, die zu einer weitgehenden Sperre der Berliner Innenstadt führten, nur durch Russlands Präsident verursacht. Wären Poroschenko und Hollande alleine gekommen, hätten sie wahrscheinlich einen Spaziergang durch eine jubelnde Menge gemacht. Wobei nicht die ganze Menge gejubelt hätte, da heute im Regierungsviertel laut unserer Reporterin Julia Dudnik nicht nur Putin-Hater, sondern auch Putin-Fans anwesend waren und die mögen Poroschenko wahrscheinlich nicht. Nein, die Sicherheitsmaßnahmen sind schlimmer als jemals zuvor, schreibt der Tagesspiegel. Außer vielleicht, als Obama da war, schreiben wir hinterher. Oder die G7 in Deutschland stattfand. Oder der Staatspräsident von Israel uns besuchte – ja schrieb man da auch die Israelis sind schuld, die G7-Gipfel-Teilnehmer oder der US-Präsident, dass die deutsche Hauptstadt zusammenbricht? Wahrscheinlich nicht.

Offene Gullideckel und verpfuschte Geburtstagsfeiern

Dafür ist die Atmosphäre, die der Tagesspiegel blumig ausschmückt, auf jeden Fall so, wie man sich als Unerfahrener Russland vorstellt – ein Hauch von Totalitatismus in Berlin. „In der Wilhelmstraße fahren Panzerwägen auf, Anwohner kommen kaum in ihre Häuser, Sicherheitsbeamte leuchten in jeden Gulli.“ lesen wir da – na Gott sei dank waren es noch nicht russische Panzer, die nach Berlin eingerückt sind, aber russischen Flair verbreiten Panzermeldungen ja immer. Es kommt noch schlimmer: “ Ein Tagesspiegel-Redakteur befürchtet, dass ihn wegen der ganzen Sicherheitsvorkehrungen sein Sohn an seinem heutigen Geburtstag gar nicht besuchen kann.“ Das ist die Höhe! Und Putin ist Schuld!

Hier ist es doch die Frage, wer all die Sicherheitsmaßnahmen veranlasst hat. Wahrscheinlich nicht die russische Regierung, eher deutsche Sicherheitsbehörden.  Denn noch reicht der „lange Arm Moskaus“ noch nicht soweit, Berliner U-Bahnausgänge zu blockieren und Straßen in unbekannten Zeiträumen zu sperren. Auch die Entscheidung, die Zeitdauer der Sperren geheim zu halten und damit heute einen weinenden Tagesspiegel-Redakteurssohn zu produzieren,  dürfte irgendwo in Berlin und nicht im Moskauer Kreml gefallen sein. Also muss man anscheinend zumindest so tun, als wäre es anders, ohne das direkt zu sagen. Unbekannte, mysteriöse Dinge klingen ja immer russisch und das ist cool, das schafft offenbar Leser.

Der Dämon ist da!

Wenn man die Meldung des Tagesspiegel und zahlreiche ähnliche liest, bekommt man allerdings einen anderen Eindruck. Schuld ist der, der immer schuld ist, der einzige, der in Nahost auch auf Zivilisten Bomben fallen lässt (entschuldigung, es muss heißen „mit zynischer Rücksichtslosigkeit in Schutt und Asche gebombt“ Hamburger Abendblatt), Putin der Schreckliche, Putin der Vernichter. Ein Dämon, der seine rechten Jünger in Deutschland um sich schart und die US-Wahlen per Hackerangriff entscheidet. Was ist da schon ein Tag tote Berliner Innenstadt dagegen? Wenn da nicht der weinende Junge an seinem leeren Geburtstagstisch wäre. Ein Junge, der zu einem neuen Symbol werden könnte. Für was, darf der Leser selbst entscheiden. Vielleicht verrät uns der Redakteur seine Adresse, damit sich ein paar wagemutige Fotografen durchkämpfen können für ein kleines Symbolbild.

Wer für oder gegen Putin demonstrieren will und sich wegen seiner dämonischen Macht nicht fürchtet: Er übernachtet laut Berliner Zeitung im Adlon. Unsere Julia war im Gewühl mitten drin und Infos gibt es in Kürze von ihr per Video. Vielleicht dauert es auch etwas länger. Wir wissen ja noch nicht, ob sie da lebend wieder raus kommt. Als Russin ist sie aber Panzer-Chaos natürlich gewöhnt.

Foto: Der Russe im Anflug auf die Reichshauptstadt (Symbolbild, Kremlin.ru Creative Commons, in echt irgendwo über Russland)

 

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.