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10-04-2007 Russland und der Vatikan
Russisch-Orthodoxe Kirche und Vatikan: Gibt es Aussöhnungschancen?
[von Pjotr Romanow] Die Nachricht, dass sich die Russisch-Orthodoxe Kirche und der Vatikan an den Verhandlungstisch setzen wollen, um ihre langjährigen Differenzen zu beseitigen, hat kein großes Interesse gefunden.

Das ist auch verständlich. Jeder der Leser hat schnell in Gedanken die Erfolgschancen überrechnet, sofort einen pessimistischen Schluss gezogen und die Neuigkeit auch schon vergessen.

Dennoch empfehle ich, besagte Information noch einmal zu lesen. Der Metropolit Tadeusz Kondrusiewicz, Vertreter der Römisch-Katholischen Kirche in Russland, erklärte: „In den neuneinhalb Jahrhunderten (die Aufteilung der Kirche in die katholische und die rechtgläubige erfolgte im Jahr 1054) haben sich nicht wenig Hindernisse aufgebaut: Da sind die geschichtliche Voreingenommenheit, die liturgischen Praktiken und die Erfahrungen des religiösen Lebens, und all das gilt es, nach Möglichkeit auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Doch ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem ersten Schritt. Wichtig ist, dass wir uns an den Verhandlungstisch gesetzt haben.“

Also einige Schlussfolgerungen. Die Erfolgschancen sind tatsächlich gering, aber heute sind sie wenigstens aufgekommen: Gestern noch gab es sie überhaupt nicht. Das Leben selbst drängt die sehr geehrten Kirchenväter auf beiden Seiten verstärkt zu einer Annäherung. Gemeint sind der zunehmende Einfluss des radikalen Islams, das offenkundige Nachlassen der fundamentalen moralischen Werte des Christentums unter den Gläubigen und - wenn man vom Vatikan spricht - ein nicht zu übersehender Versuch der europäischen Politiker, jene Rolle zu vergessen, die das Christentum beim Entstehen und Werden ihrer Staaten spielte. Der Hinweis mag genügen, dass die Europäische Union nicht einmal eine Erwähnung der christlichen Wurzeln der europäischen Zivilisation in ihre Verfassung aufzunehmen wünscht.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche hat ihrerseits zusätzlichen Probleme: Sie ist immer noch durch die Jahrzehnte der Repressalien geschwächt, zudem gezwungen, mit Menschen zu arbeiten, die durch die Sowjetzeiten sehr merklich verunstaltet wurden. Zwar tut die weltliche Macht in Russland, im Unterschied zur EU, wohl alles zur Annäherung an die Kirche, dennoch sind die Probleme, die sich in der Vergangenheit angehäuft hatten, bei weitem nicht völlig gelöst. Zudem haben die weltliche und die religiöse Macht in Russland nach der langen Unterbrechung noch nicht richtig wieder zueinander gefunden, so dass die Einflussgrenzen jeder davon nicht genau konturiert sind. Deshalb kommt es in der Gesellschaft immer wieder zu scharfen Diskussionen - von der Art der heutigen: über die Zweckmäßigkeit des religiösen Unterrichts in Russlands staatlicher Schule.

„Die Herausforderungen der Zeit sind heute in der Welt sehr stark“, wiederholt Kondrusiewicz besorgt immer wieder. Es werden Gesetze verabschiedet, die den moralischen Grundlagen und Traditionen des Christentums widersprechen. Und angesichts dieser Herausforderungen der Zeit sind wir (das heißt der Vatikan und die Russisch-Orthodoxe Kirche) Verbündete.“

Mit Rücksicht auf all die „Herausforderungen“ sagt die elementare Logik vor, dass es nicht im Interesse des weltweiten Christentums liegt, den Zustand der Spaltung zu verlängern. Aber es ist auch enorm schwierig, jene Hindernisse zu überwinden, die Tadeusz Kondrusiewicz erwähnt. Unter den wichtigsten theologischen Meinungsverschiedenheiten zwischen der rechtgläubigen Kirche und dem Vatikan nannte der Metropolit das „Primat des Papstes“ sowie das so genannte Filioque-Problem (aus dem Lateinischen: „auch vom Sohn“, die Behauptung der katholischen Kirche, dass der Heilige Geist nicht nur vom Gottvater, sondern auch vom Gottsohn ausgeht). Außerdem erwähnte Kondrusiewicz das „Dogma der unbefleckten Empfängnis“ (gemäß der Lehre der katholischen Kirche war die Jungfrau Maria vom Moment der Empfängnis an von der Erbsünde befreit).

Begreiflicherweise ist jeder der genannten Widersprüche unüberwindlich, es sei denn, die christlichen Hierarchen würden den Mut aufbringen, auf der Suche nach einem Kompromiss von den Kanons abzugehen. Es mag übrigens paradox wirken, aber heute ist die Erfolgschance dank dem Konservatismus des neuen Papstes Benediktus XVI. höher als früher. Je konservativer die Position des Vatikans ist, desto mehr nähert sie sich der orthodoxen Position der russischen Kirche an.

Bemerkenswert: Die Gläubigen selbst, Orthodoxe wie Katholiken, haben bereits (übrigens Jahrhunderte vor den Kirchenvätern) wiederholt versucht, einander entgegenzukommen, doch jeder dieser Versuche endete mit einem Fiasko. Bei weitem nicht jeder Katholik, der nach Russland kam, widmete sich dem Proselytentum. Man könnte sich an nicht wenige Namen auch jener Katholiken erinnern, die aufrichtig danach strebten, zwischen dem einen und dem anderen christlichen Ufer eine Brücke zu schlagen. Etwas Anderes ist, dass diese Menschen, die sich auf dem neutralen Streifen betätigten, zu beiden Seiten der „Frontlinie“ wenig Verständnis fanden.

Eine ähnliche Bewegung war auch seitens Russlands zu beobachten. Zar Pawel I., ein Mystiker, vereinte mit Leichtigkeit die Rechtgläubigkeit mit dem Katholizismus, unterhielt freundschaftliche Beziehungen zum Vatikan und stand de facto dem katholischen Malteserorden vor. In den Jahren seiner Zarenherrschaft wurde das Malteserkreuz sogar in das offizielle russische Wappen übernommen. Worunter übrigens die Rechtgläubigkeit in Russland auch nicht im Geringsten litt.

Es gab Zeiten, da in Russland unter Katharina der Großen und später, bis zur Zarenherrschaft von Alexander I., als unter der russischen Aristokratie die jesuitischen als die besten russischen Studieneinrichtungen galten. Das hing damit zusammen, dass Katharina dem Jesuitenorden gerade zu einer Zeit Zuflucht in Russland gewährte, da er in Europa für vogelfrei erklärt wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich bestand in Russland eine Gruppe der Anhänger des bekannten Philosophen Wladimir Solowjow, die direkt „russische Katholiken“ genannt wurden. Ihre Parole lautete: „Es sei eine einheitliche Herde und ein einziger Seelenhirt.“ Die „Solowjowzen“ erkannten formell die Obermacht des Papstes an, in allem Übrigen aber wünschten sie rechtgläubig und Russen zu bleiben. Die „russischen Katholiken“ sprachen von einer auf Liebe beruhenden Vereinigung und nicht von Unterordnung. Nach ihrer Meinung brauchte der russische Patriarch im Falle der Vereinigung den Papst „über seine Ordination durch eine schriftliche Mitteilung“ lediglich zu benachrichtigen. Sonst nichts. Wie Oberpriester Alexander Ustjinski in der Zeitschrift der Solowjow-Anhänger „Slowo Istiny“ (Das Wort der Wahrheit) schrieb, bleiben die römischen Katholiken und die östlichen rechtgläubigen Christen im Falle der Vereinigung „gänzlich, jeder Teil von ihnen, bei ihren Glaubensdogmen und ihren liturgischen, verwaltungsmäßigen und disziplinarischen Regeln“. Aber selbst diese sehr vorsichtige Bewegung zum Vatikan hin löste damals bei den rechtgläubigen Hierarchen eine äußerst negative Reaktion aus.

Der heutige Versuch, die Positionen einander näherzubringen, wird nicht mehr von den einfachen Gläubigen, sondern von der obersten Leitung der Russisch-Orthodoxen Kirche und des Vatikans unternommen. Sie sind natürlich viel freier in ihren Entscheidungen als die einfachen Gläubigen, doch die eingewurzelten Traditionen, Kanons und Vorurteile fesseln auch diese Menschen von hoher Autorität.

Die Erfolgschancen sind also, wenn man die Sache vernünftig betrachtet, nicht gerade groß. Doch gibt es sie, wie ich wiederholen möchte, wenigstens. Zudem sind die Wege des Herrn bekanntlich unergründlich. Schon die erste Verhandlungsrunde, die im Herbst in Italien stattfinden soll, wird die Situation in vielem klären. [ RIA Novosti  / russland.RU ]