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21-04-2005 Russland und der Vatikan
Benedikt XVI. - ein wertvolles Geschenk des Vatikan an die Russisch-Orthodoxe Kirche
Die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK), die in der christlichen Welt den orthodoxen Flügel vertritt, hat vom Vatikan ein wertvolles Geschenk bekommen - zum neuen Papst ist der konservativste katholische Kardinal, der Deutsche Joseph Ratzinger oder, wie er mit seinem neuen Namen heißt, Benedikt XVI., geworden.

In der Epoche von Johannes Paul II. hatte Ratzinger die wichtigste ideologische Struktur der katholischen Kirche, die Glaubenskongregation - die berühmt berüchtigte Inquisition der Vergangenheit -, geleitet.

Somit sind die Positionen beider "Schwesternkirchen" zweifellos einander näher gekommen, was Diakon Andrej Kurajew, Professor an der Moskauer Geistlichen Akademie, sofort mit der Äußerung bestätigte, er freue sich sehr über die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst. Nach Meinung Kurajews ist der neue Papst "ein redlicher, prinzipieller und kluger Mann, ... der für einen schöpferischen Dialog mit dem orthodoxen Gedanken offen ist. In der katholischen Kirche gibt es viele unterschiedlich ausgerichtete Bewegungsvektoren, und wenn zum Papst ein Mensch gewählt worden wäre, der vor allem eine gemeinsame Sprache mit Luther und nicht mit der Kirche von Johannes Goldmund und Sergi von Radonesch suchte, wäre das ein Hindernis auf dem Weg unseres weiteren Dialogs gewesen." Kurajew verwies ferner darauf, dass Kardinal Joseph Ratzinger "zumindest in den letzten zehn Jahren das geistige Zentrum des Vatikan war: Als Dekan des Heiligen Kollegiums und als Oberhaupt der Kongregation für Fragen der Glaubenslehre hatte er die theologischen Koordinaten der päpstlichen Politik in einem bedeutenden Maße ausgearbeitet. Johannes Paul II. war ein stiller geheimer Konservator: Er bekundete verbal sein Festhalten am Kurs des zweiten Vatikanums auf die Erneuerung des Lebens der katholischen Kirche, war jedoch stets bemüht, das Reformtempo zu hemmen und die traditionellen Grundfesten des Römischen Katholizismus beizubehalten", betonte Kurajew. "Und Kardinal Ratzinger war seine geistige Stütze", fügte der Diakon hinzu.

Beobachter konnten auch die Tatsache nicht übersehen, dass an der Spitze der beiden größten christlichen Kirchen der Welt - der Römisch-Katholischen und der Russisch-Orthodoxen - jetzt zwei gebürtige Deutsche - Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) und Alexej Ridiger (Patriarch Alexis II.) stehen, was - und das ist nicht ausgeschlossen - auch den beiden Kirchen helfen wird, einander besser zu verstehen.

All diese Betrachtungen haben vielleicht ihren Grund. Das Hauptproblem beider "Schwestern" ist jedoch ein anderes - je orthodoxer sie werden, desto schwerer fällt es beiden Kirchen, eine gemeinsame Sprache mit der modernen Welt zu finden.

In einem Interview mit der italienischen Zeitung "Repubblica" sagte Ratzinger eindeutig: "Europa, die Wiege und die Stütze des Katholizismus, verliert ihren christlichen Geist. Für die Römische Kirche ist das eine entscheidende Herausforderung. Die Kultur, die sich in Europa verbreitet hat, widerspricht nicht nur dem Christentum absolut und radikal, sondern auch den religiösen und moralischen Traditionen der gesamten Menschheit."

Das ist im Grunde genommen das Manifest des neuen Papstes. Benedikt XVI. setzt sich entschieden für den Schutz des Wertes des Lebens und die Unzulässigkeit von Abtreibungen ein. Noch 1986 hat er den Homosexualismus und die gleichgeschlechtlichen Ehen scharf verurteilt und 2004 den "radikalen Feminismus" als Ideologie gebrandmarkt, die die Grundfesten der Familie und die von Gott festgelegten Unterschiede zwischen Mann und Frau untergraben würden. Der neue Papst wendet sich entschieden gegen die Ehescheidungen, die Homoxesuellen-Ehen, das Klonen etc.

Es sei bemerkt, dass all diese Positionen von der ROK geteilt werden. Also betreffen die heutigen Widersprüche zwischen den "Schwestern" nur die innerkirchlichen Angelegenheiten und sozusagen die Differenzen zwischen "beiden wirtschaftführenden Subjekten" - vor allem die Teilung von Gotteshäusern in der Ukraine, was eigentlich mit Gott nichts zu tun hat.

Die Liberalen sind über die Wahl des neuen Pantificus enttäuscht, aber sie wollen auch eine gewisse Rechtlichkeit beider Kirchen nicht anerkennen, deren ganzer Konservatismus größtenteils nur die Einhaltung jener jahrhundertealten Kanone und christlichen Gebote betrifft, die sie einfach als unanfechtbar betrachten müssen. Anderenfalls würden sowohl die Katholiken als auch die Orthodoxen aufhören, Christen zu sein.

Der neue Papst schlägt der nach seiner Meinung verdorbenen modernen Welt "die Rückkehr zu den Anfängen" vor, aber es gibt natürlich auch keine Chancen, dass ein gleichgeschlechtliches Ehepaar seinen Aufruf ernst nehmen wird. Also kann der neue Papst höchstens damit rechnen, die innerkirchlichen Reihen noch enger zusammenzuschließen. Die katholischen Liberalen werden es unter dem neuen Papst offensichtlich nicht leicht haben, hatte doch der heutige Papst noch in seiner Eigenschaft als Kardinal den ausdrucksvollen Beinamen Panzerkardinal erhalten.

Viele verweisen auch auf das gerontologische Problem der Katholischen Kirche, deren Führungsspitze immer mehr dem Politbüro des ZK der KPdSU vor dem Zerfall der UdSSR gleicht. Der 78-jährige Papst gibt tatsächlich Anlass zu solchen Gedanken. Übrigens sind viele gerade deshalb der Ansicht, dass das neue Pontifikat nur eine Übergangszeit darstellt. Etwas in der Art der Reihe Breschnew - Andropow - Tschernenko.
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Diese Parallele mag auch sehr eindrucksvoll sein, aber es muss in Rechnung gestellt werden, womit diese Übergangszeit endete - mit dem Machtantritt eines jungen, tatkräftigen und auf Reformen eingestellten Gorbatschow und dem endgültigen Zusammenbruch der UdSSR.

Katholische Kirchen können in einem besonders extravaganten Stil gebaut werden, Rock- und Rap-Musik kann in einem Gotteshaus mit Nachsicht aufgenommen werden, aber die Kirche kann nicht von den grundlegenden Ideen des Christentums abweichen.

Sonst wird sie mit dem gleichen Schicksal rechnen müssen, wie die KPdSU, als sie auf ihre orthodoxe Ideologie verzichtete. Freilich gibt es da einen wesentlichen Unterschied: Während die liberalen Reformen für Russland als ein gesellschaftliches System sowohl Verluste als auch Fortschritt bedeuteten, würde der gleiche Weg für die Kirche höchstwahrscheinlich den Verzicht auf Christus und den Untergang bedeuten.

Der Atheismus hat nichts gegen diese Perspektive, und wie würden die echten Gläubigen das sehen? (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti)