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30-10-2004 Russland und der Vatikan
Russisch-Orthodoxe Kirche
Altrussland bekannte sich vor einem Jahrtausend, 988 unter dem Kiewer Fürsten Wladimir zum Christentum. Davor hatten die Kiewer Götzen und den Gott des Gewitters Perun angebetet. Die Götzen wurden ins Wasser gestürzt, die heidnischen Prediger - die Wolchwy - in die Wälder vertrieben und die Kiewer gewaltsam getauft.

Dieser Akt hatte mehr politische Berechnung als Streben nach Glauben. Altrussland wollte sich zu den zivilisierten Ländern Europas gesellen und sich in erster Linie mit dem alten Byzanz befreunden, von wo den barbarischen Völkern Impulse der Kultur gegeben wurden.

Das Christentum wurde von den Russen mit enormem Enthusiasmus und solcher Leidenschaft aufgenommen, die nicht nur die Byzantiner, sondern auch die Araber staunen ließen. Ein Jahrhundert später wurden in den Städten von Altrussland Dutzende hölzerne Kirchen erbaut, die Bibel und das Evangelium dienten als Grundlage für die junge nationale Kultur. Ganz besonders gewannen aber die Klöster, darunter in erster Linie das Kiewer Höhlenkloster, das sich am Stadtrand von Kiew befand, an Bedeutung. Die Rolle dieses Klosters lässt sich durchaus mit der der zukünftigen Pariser Sorbonne oder der englischen Universität Oxford vergleichen. Hier reifte ein elitäres religiöses Denken heran, entstanden handgeschriebene Bücher, wurden griechische Folianten übersetzt. Hier wurde in den Chroniken zum erstenmal die Geschichte aufbewahrt, die rationelle Wirtschaft entwickelt und eine strenge sittliche Lebensweise gestaltet, die dem einfachen Volk verständlich war.

Auch heute noch spielt diese klösterliche Lebensweise in Russland eine außerordentliche Rolle als geistiges Musterbeispiel.

Über mehrere Jahrhunderte hinweg wurde die junge Kirche geistig von Konstantinopel betreut, wo das Oberhaupt der russischen Gläubigen - der Patriarch von ganz Russlands - ernannt wurde.

Die Eroberung des Landes durch die Tataren im 12. Jahrhundert verstärkte lediglich die Rolle der Kirche, die beim Zusammebruch des Staates die einzige Kraft für den Zusammenschluss des Volkes blieb. Im erorberten Land wurden in zwei Jahrhunderten 180 neue Klöster gegründet. Zu jener Zeit wurde das neue Dreieinigkeits-Sergius Kloster, das weit nördlich von Kiew in den undurchdringlichen Wäldern Zentralrusslands entstanden war, führend im geistigen Leben der Russen. Sein Gründer - der Mönch Sergius von Radonesch - demonstrierte zum ersten Mal in Altrussland das Phänomen der exaltierten Heiligkeit, denn er besaß die Gabe der Vorahnung, heilte hoffnungslos Kranke und ließ durch einen Schlag mit dem Hirtenstab, gleich Moses, eine Wasserquelle aus dem wasserlosen Boden hervor sprudeln. Er segnete den Moskauer Fürsten Dmitri Donskoi zum Krieg gegen die Tataren, und das russische Heer vermochte es zum ersten Mal seit zwei Jahrhunderten, die tatarische Reiterei in der Schlacht auf dem Kulikowo-Feld zu bewältigen.

Ohne das Dreieinigkeits-Sergius-Kloster hätte Moskau nie seine Macht erworben. Die Konzentration der Russen rings um Moskau im 13. Jahrhundert ermöglichte das Aufkommen der großen Kultur. Und wiederum trug das Phänomen des Mönchslebens staunenswerte Früchte, nämlich die Ikonen der Mönche Andrej Rubljow, die Fresken von Theopan dem Griechen und von Dionis, die ersten Meisterwerke der russischen Kultur, die weltweite Bedeutung erlangte.

Die Eroberung von Byzanz durch die Türken und der Fall von Konstantinopel 1453 beließ Russland ohne geistlichen Lehrer, dessen Rolle bis dahin das Patriarchat von Konstantinopel gespielt hatte. Die russische Kirche, die den Zusammenbruch des Byzantinischen Reiches vorahnte, entschloss sich 1448 dazu, den ersten Metropoliten von Moskau und ganz Russland zu ernennen. Das war der Metropolit Iona. Der Fall von Byzanz machte Russland endgülting zum Erbe der östlichen Orthodoxie und zum Führer der orthodoxen Weltkirche.

Moskau erklärte sich zum Dritten Rom.

Der Patriarchenhof und die Residenz des Patriarchen richteten sich endgültig im Moskauer Kreml gegenüber dem Zarenpalast ein.

An diesem historischen Punkt hört die russische Kirche auf, als besondere geistige Kraft zu existieren und vereinigt sich mit der Staatsmacht. Von nun an wird der Kreml zu einer Variante des Vatikans in Rom, wo das Oberhaupt der Kirche eine sehr wichtige Rolle spielt, die manchmal wichtiger als die Rolle des Zaren ist. Die Kirche gerät in eine gefährliche Nähe zu den entfesselten Leidenschaften des Hofes. Zu einer besonders schlimmen Periode der russischen Kirche wurde die Zeit Iwan des Schrecklichen und des Patriarchen Nikon. Iwan der Schreckliche verlagerte die geistliche Hauptstadt aus Moskau nach Alexandrowskaja sloboda, wo er zum Oberhaupt des militanten Ordens der rasenden Waffenträger, der Opritschniki, wurde, mit deren Hilfe er praktisch die ganze regierende Schicht des damaligen Russlands - das Bojarentum - vernichtete.

Der Patriarch Nikon setzte die Tradition des bedingungslosen Gehorsams gegenüber der Zarenmacht fort, wobei er den Schlag aus dem weltlichen Bereich auf die Kirche übertrug. Er hob einen Teil der traditionellen Riten auf und korrigierte einige theologische Bücher.

Nikons Reformen spalteten die früher einheitliche Russische Kirche in zwei Flügel - die offizielle Orthodoxie und die Altgläubigkeit. Diese Spaltung währt auch heute noch an. Die Zahl der Altgläubigen ist relativ gering, sie genossen und genießen aber in der Gesellschaft auch noch deshalb ein großes Ansehen, weil sie die offizielle Kirche einer ständigen Kritik unterziehen.

Peter der Große setzte der engen Verschmelzung des Kreml mit der Kirche ein Ende. Er errichtete im Norden die neue Hauptstadt - St. Petersburg, verbot die Wahl des Patriarchen und stellte an die Spitze der Kirche einen Apparat in Gestalt des Hochheiligen Regierenden Synods, setzte die Kirche der Verspottung und dem Ostrakismus aus und trennte sie endgültig vom Staat. Von nun an erstreckte sich die Macht des Glaubens nur auf die Gläubigen.

Die Schwächung und zugleich auch die Sanierung der Kirche hatten zur Folge, dass in Russland neue Zentren der Heiligkeit, in der Regel weit von Moskau entfernt, entstanden. Unter den ersten das Opta-Kloster, wo sich das Institut des erneuerten Mönchtums, das sogenannte Altmönchtum, heraus bildete. Gerade dorthin verlagerte sich die geistige Kraft der Orthodoxie aus dem Kreml. Große russische Schriftsteller, unter ihnen Gogol und Tolstoi, unternahmen Pilgerfahrten dorthin.

Zum neuen Titanen der russischen Orthodoxie wurde der Mönch Seraphim von Sarow, der die Kraft von Franciscus von Assis und zugleich auch die Gabe von Nosterdamus besaß. Augenzeugen seiner Heiligkeit konnten wiederholt beobachten, wie sich Bären seiner Zelle im Wald näherten und der Altmönch eines der furchtgebietenden Tiere streichelte. Vor dem Tode hatte Seraphim einen Brief für Nikolaus den Zweiten hinterlassen, lange bevor dieser den Thron bestieg. In diesem Brief hatte er die Revolution voraus gesagt.

Die Revolution wurde zum schrecklichsten Kapitel in der russischen Kirche im ganzen Jahrtausend ihrer Existenz.

Zu jener Zeit hatte Russland die Gestalt eines Kirchenstaates, allein Moskau zählte mehrere Tausend Kirchen. Praktisch gab es in jedem großen Dorf eine steinerne Kirche. In den ersten zwanzig Jahren der Revolution wurde die gesamte kirchliche Struktur Russlands praktisch beseitigt. Tausende Geistliche wurden erschossen, unter ihnen der geniale Philosoph Pawel Florenski. Die Gesamtzahl der Opfer wird immer noch ermittelt, es liegen keine genauen Angaben vor.Das Paradoxe der Verfolgungen der Kirche bestand auch noch darin, dass Stalin als einziger in der Führungsspitze der kommunistischen Partei eine geistliche Bildung besaß und in der Jugend davon träumte, Geistlicher zu werden. Er studierte nämlich an einem Seminar in Tiflis und sang als Kind in einem Kirchenchor.

Die Kriegskatastrophe in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges zwang Stalin dazu, auch die Kirche als moralische Kraft zur Hilfe zu mobilisieren. Im September 1943 empfing der Diktator die Metropoliten, die bei den Verfolgungen verschont geblieben waren.

So begann die allmähliche Rückkehr der Kirche in den Schoß des Staates.

Der Zerfall der UdSSR 1991 wurde zum Jahr eines neuen Aufstiegs der russischen Orthodoxie. Die Last des Wiederaufbaus der Kirche hatte der heutige Patriarch Alexis der II. zu tragen. Unter ihm wurden Tausende Kirchen und Hunderte Klöster wieder aufgebaut. Die Traditionen der Bildung, Aufklärung und Wohltätigkeit der russischen Kirche wurden wieder aufgenommen.

Heute werden in der Russisch-Orthodoxen Kirche 133 Eparchien und mehr als 23 000 Gemeinden gezählt. Es funktionieren 635 Klöster - 312 Mönchs- und 325 Nonnenklöster. Außerdem gibt es 167 Klösterhöfe und 45 Einsiedeleien. An fünf Geistlichen Akademien, 33 geistlichen Seminaren, 44 geistlichen Schulen, einer Theologischen Hochschule und zwei Orthodoxen Universitäten wird Unterricht erteilt. Es bestehen mehrere Schulen für Ikonenmalerei.

Die Hälfte der 140 Millionen Einwohner Russlands bezeichnet sich als gläubig. (RIA)