russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



18-04-2005 Russland und der Vatikan
Russland, Vatikan und der polnische Faktor
Die erste Welle des Interesses für die Ereignisse im Vatikan hat sich gelegt. Die zweite wird, wie nicht schwer anzunehmen ist, folgen, wenn der Name des Nachfolgers von Johannes Paul II. bekannt wird.

Dieses Ereignis hat für Russland einen besonderen Sinn. Der neue Pontificus wird offensichtlich kein Pole sein, wobei der polnische Faktor schon immer in nicht geringem Maße das Verhältnis zwischen dem Vatikan und Moskau bestimmt hat.

Dafür gibt es mehrere Gründe, aber der wichtigste davon liegt wohl darin, dass die bei weitem nicht einfachen historischen Beziehungen zwischen den Russen und den Polen die polnischen Geistlichen im Laufe vieler Jahrhunderte in Politiker verwandelt haben. Nicht nur einmal in der Geschichte wurde ein polnisches Gotteshaus zu einem russlandfeindlichen revolutionär-politischen Klub, wobei die Geistlichen die einem Gottesdiener nicht eigenen Funktionen politischer Führer übernahmen. Schließlich vergaß ein Geistlicher, der nach Russland gelangt war, nicht selten seine eigentlichen geistigen Aufgaben und unterwarf sie den nationalpolitischen Interessen. Das Mitglied des französischen Himmelfahrt-Ordens, Vater Quenard, schrieb einmal im Zorn: "Was die Polen anbetrifft, so setzen sie die Interessen des Katholizismus mit ihren eigenen von Warschau bis Wladiwostok gleich." Auf einem anderen Zettel notierte er enttäuscht: "Die Polen wollen in der Regel kein Proselytentum unter den Russen betreiben, wenn dieses nicht zur Verstärkung des polnischen Einflusses führt." Es liegt auf der Hand, dass die globalen strategischen Pläne des Himmelfahrt-Ordens für das Eindringen des Katholizismus in Russland auf die, wie den Franzosen schien, rein egoistischen Pläne der Polen stießen. Ein anderer Franzose, Vater Baurin, meinte gereizt: "Die Polen sind erfahrene Intriganten." All das sind nebenbei gesagt Zitate aus dem Buch "Rom und Moskau" des großen Experten für russische Angelegenheiten, Byzanzhistorikers und orthodoxen Katholiken Antoine Wenger.

Die Wahl eines Polen zum Pontificus hatte für den Vatikan und Moskau von Anfang an sowohl Vorteile als auch Nachteile. Einerseits erhielt der Vatikan zusätzliche und für die katholische Kirche so notwendige multinationale, ja universelle Züge. Und Moskau konnte damit rechnen, dass der neue, slawische Papst sich in den russischen Angelegenheiten viel besser auskannte, als seine Vorgänger.

Andererseits war der Vatikan seit langer Zeit erstmals wieder nicht der italienischen, sondern einer anderen "Nationalisierung" ausgesetzt, als die Ressourcen und die Autorität der Kirche in Vielem zugunsten eines Landes - Polens - genutzt wurden. Anders konnte es offenbar auch nicht gehen. Selbst wenn sich Johannes Paul II. dem widersetzt hätte, hätte Polen nicht die Chance versäumt, sein politisches Gesicht über den Polen auf dem Heiligen Stuhl zu vergrößern. Solange das kommunistische Regime in Warschau erhalten blieb, das übrigens unter sehr aktiver Beteiligung der katholischen Kirche zusammenbrach, war die "Nationalisierung" des Vatikan durch die Polen nicht so sichtbar. Aber das heutige Polen hat seine "Verwandtschaft" mit dem Vatikan aktiv genutzt. Ob Polen in der EU im Namen der jungen Mitglieder dieser Organisation auftrat oder mit Moskau verhandelte, ob Herr Kwasniewski sich in die orange Ukraine begab, um sie zu "besänftigen", - immer wurde es wie von einem unsichtbaren Schatten von der Autorität des Pontificus begleitet. Ist Polen daran schuld? Das glaube ich nicht. Wenn ein gebürtiger Lateinamerikaner beispielsweise zum neuen Papst wird, wird auch Lateinamerika an Gewicht gewinnen. Und im Vatikan wird Spanisch öfter zu hören sein.

In den langen Jahren des letzten Pontifikats wurden viele im Vatikan der polnischen Rede ziemlich müde, und der polnische Einfall in Rom im Zusammenhang mit dem Ableben des Papstes hat diesen Effekt nur noch verstärkt. Daher ist es nicht schwer, den Rückgang des polnischen Einflusses in der Kirche und folglich auch in der Welt vorauszusagen. Selbstverständlich ist es unmöglich, genau festzustellen, wieviel Polen im Zusammenhang mit dem Ableben von Karol Woityla an Gewicht verlieren wird, aber es steht außer Zweifel, dass das keine geringen Verluste sein werden. Leicht vorauszusehen ist auch, dass die Polen im Vatikan Nachhut-Kämpfe um ihren Einfluss führen werden, aber eine Niederlage ist unvermeidlich. Denn sie verloren den Heerführer.

Was Russland anbetrifft, so werden auch hier Veränderungen eintreten. Keine raschen, aber fast unvermeidliche. Nicht ausgeschlossen ist, dass der Pole Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, der Hauptvorsteher des Katholizismus in Russland, in sein Heimatland zurückkehren und sein Amt quasi von einem Franzosen übernommen wird. Auch viele Herangehensweisen des Vatikan hinsichtlich des Dialogs mit der Russisch-Orthodoxen Kirche werden sich vielleicht ändern. Ob zum Besseren oder zum Schlechteren, wird erst mit der Zeit klar. Die Polen haben Russland gekannt, aber vieles übermäßig politisiert, was dem Dialog offensichtlich nicht zugute kam. Die neuen Vertreter bei den Verhandlungen werden der Russisch-Orthodoxen Kirche wohl eher passen.

Auch der Kreml wird beim Etablieren einer neuen Macht im Vatikan mit keinen ernsten Problemen konfrontiert sein. Apropos, die weltliche Macht in Russland war in den vergangenen Jahrhunderten weitaus toleranter gegenüber dem Katholizismus, als die Russisch-Orthodoxe Kirche. Diese Macht schützte natürlich vor allem die Interessen der orthodoxen Gläubigen, zeigte aber auch Verständnis für die Interessen der Katholiken. Zumindest aus dem Grund, dass sie die Hilfe der in Russland lebenden ausländischen Fachleute nach Gebühr zu schätzen wusste, und viele von ihnen waren Katholiken.

Indessen war die letzte Frage, die Pjotr Stolypin, einer der bedeutendsten Staatsmänner des vorrevolutionären Russland, in seinem Leben prüfte, die Frage der Beziehungen zwischen den Orthodoxen und den Katholiken. Am Tag seiner Ermordung durch einen Terroristen in Kiew empfing der Premier eine französische Delegation, die ihn bat, Vater Evrard in Schutz zu nehmen, der von der Polizei irrtümlicherweise der Mitgliedschaft im Jesuitenorden verdächtigt wurde. Stolypin klärte die Situation und nahm Evrard sein Ehrenwort ab, nur unter seinen Landsleuten zu predigen, und erlaubte dem Geistlichen, in Russland zu bleiben. Evrard schreibt in seinen Memoiren: "Ich werde ihm immer ein ehrendes Andenken bewahren, denn er war... ein ehrlicher, aufrichtiger, uneigennütziger und sehr prinzipieller Mann, was Politik und Religion anbetraf."

Wenn Rom "einen neuen Vater Evrard" nach Russland schickt und das Engagement der polnischen Geistlichen etwas einschränkt und wenn der Kreml genauso wie Stolypin die Interessen des russischen Staates, der Rusisch-Orthodoxen Kirche und der Katholiken geschickt miteinander verbindet, werden Moskau und der Vatikan auch bei einem künftigen, neuen Pontifikat durchaus zivilisiert existieren. (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).