russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



15-04-2005 Russland und der Vatikan
Was erwartet man in Russland vom Nachfolger von Johannes Paul II.?
Nach den Publikationen zu urteilen, ist das Thema des Todes von Johannes Paul II. unendlich, es ändern sich lediglich Nuancen. Je näher zum Beispiel die Stunde des Begräbnisses des Papstes kam, desto öfter werden Vermutungen darüber angestellt, wer sein Nachfolger und wie der neue Papst sein werde.

Nach Meinung vieler Geistlicher eilen die Journalisten in ihrer Ungeduld den Ereignissen voraus. Doch sind ja auch sie zu verstehen. Schließlich und endlich: Wenn selbst das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Alexi II. von Moskau und ganz Russland, die Lebenszeit des Papstes "eine ganze Epoche in der gesamten Gegenwartsgeschichte von starkem Einfluss auf den Verlauf der Weltereignisse" genannt hat, ist klar, wie wichtig die Frage nach dem Nachfolger Karol Wojtylas und seinem neuen Kurs ist. Und dies, wie wir sehen, nicht nur für die Katholiken.

Was wünscht sich also Russland vom künftigen Papst?

Keine leichte Frage, schon deshalb nicht, weil die russische Gesellschaft vielschichtig ist und Strömungen in sich einschließt, die bisweilen einander polar gegenüberstehen. Auf der einen Seite gibt es die Russisch-Orthodoxe Kirche, die bei all den Worten des Beileids, selbst bei den tief gefühlten, mit dem Vatikan in der Tiefe ihrer Seele nur davon träumt, dass ihre nächste "Schwesternkirche" wenigstens für ein paar Jahrzehnte die orthodoxen Gläubigen in Ruhe lasse. Das heißt, bis zu der Zeit, bis die orthodoxe Kirche selbst die durch das sowjetische Regime untergrabenen Kräfte wiederherstellt und im Stande ist, gleichwertig um die Seelen der Gläubigen zu rivalisieren.

Man kann annehmen, dass der Leitung der Russisch-Orthodoxen Kirche jeder beliebige Nachfolger von Johannes Paul II., der für seinen beharrlichen Kampf für den Ökumenismus bekannt ist und dessen persönliche Ausstrahlung sogar größer war als der Einfluss der katholischen Kirche als solcher, schon deshalb willkommen ist, weil er schwächer als sein Vorgänger sein wird. Schließlich wird man mit ihm die zahlreichen Streitpunkte von neuem erörtern und, faktisch auf der Stelle tretend, die Zeit hinziehen können.

Auf der anderen Seite sind da zahlreiche russische Atheisten, die über die wachsende Rolle der orthodoxen Kirche in Russland beunruhigt und gereizt sind. So paradox es auch ist, aber viele von ihnen sehen gerade im Vatikan eine Art von künftigem Mitstreiter, und zwar schon deshalb, weil die katholische Kirche ihrer Ansicht nach toleranter und den modernen Realien adäquater als die rechtgläubige, vor allem aber von ihnen weit entfernt sei. Vom Standpunkt vieler Atheisten festigt ein offener und auch verborgener Kampf zwischen dem Vatikan und der Russisch-Orthodoxen Kirche nur die Positionen eben der Atheisten. Und das ist natürlich wahr. Je länger beide "Schwestern" ihre gegenseitigen Beziehungen klären werden, desto weniger Zeit und Kraft wird ihnen für die neue Evangelisierung bleiben, von deren Notwendigkeit Johannes Paul II. stets sprach.

Es gibt da noch eine dritte Seite. Obwohl praktisch in Vergessenheit geraten, wartet sie ebenso aufmerksam auf Neuigkeiten aus dem Vatikan. Wir meinen die so genannten "russischen Katholiken" - bitte nicht mit den gewöhnlichen katholischen Gläubigen in Russland verwechseln.

Das ist eine kleine, aber an ihre Ideale fest glaubende Gruppe von Menschen, die schon seit langem nach einer praktischen Vereinigung beider Kirchen streben. Bereits seit der Zeit des russischen Philosophen Wladimir Solowjow leben seine Nachfolger auf einem neutralen, aber - seien wir offen! - verminten Feld zwischen beiden Kirchen. Einerseits setzen sie sich für das Recht auf den Gottesdienst nach dem rechtgläubigen Ritus und in russischer Sprache ein, andererseits erkennen sie die Macht des Papstes von Rom als Oberhaupt der christlichen Kirche an.

Mit dem Kommen des neuen Papstes verknüpfen die "russischen Katholiken" die Hoffnung darauf, dass sich ihre Lage in gewisser Hinsicht verbessern werde. Und dass sie auf dem neutralen Feld, auf dem sie mit Mühe existieren, endlich eine eigene Insel mit einem festen und sicheren Boden finden würden, so winzig diese Insel auch sein mag. Vorläufig stören sowohl die russisch-orthodoxe Kirche als auch der Vatikan ihr Leben gleichermaßen. Nicht von ungefähr versuchten die "russischen Katholiken" noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, sich wenigstens als Altgläubige registrieren zu lassen.

Und schließlich noch eine wichtige interessierte Seite: die russische Intelligenz, die alles in allem auf die Beseitigung aller, darunter auch der religiösen Grenzen, auf die volle Gewissensfreiheit und die Annäherung an die westliche Kultur orientiert sind, und die katholische Kirche ist nun einmal ein fester Bestandteil dieser Kultur. Für sie muss der neue Papst wenigstens einen Teil der Vorzüge haben, die dem Vorgänger gegeben waren, nämlich: tolerant sein und der ganzen Welt offen stehen, auch Russland.

Russland ist ein Bestandteil der demokratischen Welt. Russland ist ein Bestandteil der christlichen Welt, und schließlich lebt es wie alle im 21. Jahrhundert. Deshalb geht alles, was heute in Rom geschieht, auch Moskau direkt an. (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)