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08-04-2005 Russland und der Vatikan
Streit um Johannes Paul II. - Reale und vermeintliche Probleme
Die Beisetzung von Johannes Paul II. hat noch nicht stattgefunden, Millionen seiner Verehrer streben immer noch nach dem Vatikan, um ihrem Abgott das letzte Geleit zu geben, auf den Ex-Pontificus werden aber bereits Pfeile der Kritik abgeschossen.

Die englische Zeitung "The Guardian" hat zum Beispiel ohne auch nur einen Hauch von Zweifel den Artikel "Blut an den Händen des Papstes" veröffentlicht, dessen Verfasser Terry Eagleton ist. Der Schlusssatz dieses Artikels lautet: "Er /gemeint ist Karol Wojtyla/ ist einer der größten Unglücksfälle für die christliche Kirche nach Charles Darwin gewesen." Ich habe lange in dem Artikel nach der Antwort darauf gesucht, woher das "Blut" an den Händen des seligen Pontificus stammte, und sie schließlich doch gefunden. Wie es sich herausstellte, handelt es sich hierbei darum, dass die katholische Kirche gegen Präservative auftritt. Aus Terry Eagletons Sicht hätte der Pontificus auf diese Weise die Verbreitung von AIDS auf unserem Planeten gefördert. Im schärfsten Ton schreibt Eagleton auch über die angebliche Intoleranz des Papstes, der die linken Strömungen im Katholizismus verfolgt hätte.

Ich bin zwar kein Katholik, will aber trotzdem bemerken, dass der Verstorbene doch kein AIDS-Überträger gewesen ist, sondern lediglich die Worte des Himmlischen Vaters "Mehret euch und seid fruchtbar" strikt befolgt hat. Jeder hat auf der Erde seine Mission zu erfüllen: Für den Papst besteht sie darin, die Menschen über Gottes Gebote aufzuklären, was er gerade getan hat. Herr Eagleton ist aber seinerseits berechtigt, Präservative unter den Begierigen zu verteilen. Oder auch zum Beispiel zu beginnen, die eheliche Treue zu predigen. Die Ärzte behaupten nämlich, dass auch solche Predigten gegen AIDS wirksam sind.

Unglaubwürdig ist auch die These über die angebliche Intoleranz von Karol Wojtyla. Um die linke "Theologie der Befreiung" sind in der Welt desKatholizismus viele hitzige Streite ausgetragen worden, aber über keinen einzigen Vertreter dieser Strömung ist der Kirchenbann verhängt worden. Mehr noch, ich kann bezeugen, dass der Papst bei seinem Besuch in Peru die sogenannte Kommune "Villa El Salvador", eine der bekanntesten materiellen Früchte der "Theologie der Befreiung" besucht und die Gründer und Bewohner dieser Kommune, die es vermocht hatten, nicht mit Marx, sondern mit dem Evangelium in der Hand die Armut zu besiegen, herzlich gesegnet hat.

Man sollte eigentlich über etwas anderes sprechen, nämlich darüber, in welchem Maße die katholische Kirche, wie übrigens auch alle anderen christlichen Kirchen, der Welt von heute adäquat sind. Die Menschen, die homosexuelle Ehen begrüßen, werden Karol Wojtyla selbstverständlich als konservativ im Gedächtnis behalten, wenngleich auch sein Konservatismus lediglich die Befolgung der grundsätzlichen christlichen Kanons bedeutete.

Viel genauer ist meiner Ansicht nach ein anderer Standpunkt. Die Wahl eines Polen nach den unzähligen italienischen Päpsten war bereits das erste Anzeichen einer kirchlichen Reform. Und der Aufruf des neuen Papstes zum Ökumenismus, dem konsequenten Kampf gegen den Kommunismus und auch gegen die Armut, seine Toleranz gegenüber den einander direkt entgegen gesetzten Strömungen im Katholizismus und selbst die bekannte Reiselust von Johannes Paul II. - all das legte ein Zeugnis dafür ab, dass der Pontificus einen viel besseren Sinn für die Zeit hatte als seine Vorgänger.

Dem Papst ist vieles gelungen. Er hat vor allem zweifellos die katholische Kirche gefestigt. Zum Teil dank dem persönlichen Ansehen, zum Teil dank "Opus Dei" - der sogenannten Eparchie ohne Grenzen, die auf Anregung des Papstes den Katholizismus nicht nur organisatorisch zementiert, sondern auch in die Kirche viele neue Ideen hinein getragen hatte.

Dem Papst ist es auch gelungen, alles, was er wollte, in seiner Heimat Polen durchzusetzen. Nicht ohne seine Hilfe war dort zunächst die "Solidarnosc" entstanden und wurde später das kommunistische Regime gestürzt.

Johannes Paul II. konnte als Reformer nur eine einzige seiner Hauptaufgaben nicht erfüllen, nämlich sich der "Schwesternkirche", das heißt der Russisch-Orthodoxen Kirche, anzunähern. Daran ist aber nicht nur der Verstorbene schuld.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche kritisierte die katholische Kirche im Verlaufe von vielen Jahrhunderten wegen des Proselytismus auf russischem Boden. Und das nicht ohne Grund. Ich möchte ein einziges charakteristisches Zitat aus der Rede des Herrn d'Alzon, Gründer des Ordens der "Augustiner von der Aufnahme Mariens", die er im September 1873 gehalten hat, anführen: "Meine Brüder, habt ihr nicht den Wunsch, Russland zu bezwingen und auf diese Weise eine reiche Ernte zur Kornkammer des Vaters beizusteuern?... Die Ernte wird mit Gottes Hilfe erfolgreich sein". Damals hat Gott der katholischen Kirche, ebenso wie in vielen anderen Fällen, nicht geholfen, die Versuche wurden jedoch auch später fortgesetzt.

Die Welt hat sich aber geändert. Das Streben der Russisch-Orthodoxen Kirche, die sogenannten kanonischen Grenzen zum Vatikan in ihrer alt hergebrachten Form zu ziehen, was, wenn auch mit Bedauern, so doch formell auch von Rom akzeptiert wurde, wirkt heute, nach der Beseitigung des "Eisernen Vorhangs", in der Epoche des Internets und des intensiven Ideenaustausches zumindest wie ein Anachronismus.

Im demokratischen Russland ist jeder Bürger, ebenso wie in einem beliebigen anderen demokratischen Land, berechtigt, selbst darüber zu entscheiden, in welcher Kirche er beten oder überhaupt nicht beten solle. Hierbei sind also beliebige Grenzen fehl am Platze, und das Streben der Russisch-Orthodoxen Kirche, sie trotz alledem zu erhalten, bedeutet so viel, wie die eigene Schwäche zuzugeben. Die orthodoxe Kirche hat sich von den Schlägen, die das sowjetische Regime in der Vergangenheit gegen sie geführt hatte, noch nicht erholt. Sie ist noch nicht bereit, mit dem Vatikan als gleich mit gleich um die menschlichen Seelen zu rivalisieren. Der Vatikan ist aber offensichtlich nicht abgeneigt, die Schwäche des Konkurrenten für sich auszunutzen.

Im Ergebnis besteht die größte ökumenische Errungenschaft der beiden "Schwesternkirchen" in den gesamten letzten Jahren darin, dass sie vor kurzem über die gemeinsame Herausgabe der Werke von Theologen von Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts übereingekommen sind. Eine zwar nützliche Sache, es ist aber schon an der Zeit, weiter fortzuschreiten. Denn man schreibt bereits das 21. Jahrhundert.

Leider wird es den beiden "Schwestern" ohne Karol Wojtyla noch schwerer fallen, fortzuschreiten. Dem Vatikan wird es an der Toleranz von Johannes Paul II. und auch an seiner Kenntnis der slawischen Seele, der orthodoxen Kirche aber einfach am Wunsch danach mangeln. Ihre Genesung liegt, wie die orthodoxen Geistlichen selbst zugeben, noch in der weiten Ferne. (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti)