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08-04-2005 Russland und der Vatikan
Ein herausragender Vertreter des Glaubens
Das Schicksal von Karol Wojtyla liefert einen weiteren Beweis für die bekannte Regel: Ein großes Schicksal beginnt mit dem Verzicht auf das Leben um der Pflicht willen. Der junge Pole dachte gar nicht daran, Geistlicher zu werden.

Die ganze Energie seiner Seele strebte nach der Kunst, er träumte davon, Dichter, Dramatiker oder zumindest Schauspieler zu werden. Dabei entschied er sich in der Kunst für den Weg radikaler Novitäten: War Anhänger der Avantgarde und des Experiments, verachtete den Realismus und führte ein bohemeartiges Leben. Die Grundlage seines Lebens bildete zwar der tiefe Glaube an Christus, Karol war aber vor allem ein Ästhet. Er spielte im Schauspielerensemble "Studio 38" und verfasste avantgardistische Bühnenstücke. Sogar in den Jahren der Okkupation Polens spielte er in einem illegalen Theater und schrieb das Stück "König Geist" /1940/.

Sein Schicksal erinnert irgendwie an das Schicksal des jungen Buddhas, des Prinzen Gautama, der von der Welt abgeschnitten war und in einem Palast lebte, ohne zu wissen, dass es in der Welt Krankheiten, Hunger und Tod gibt. Eine plötzliche Begegnung mit einem Trauerzug wandelte sein Leben von Grund auf um.

Karol Wojtyla hat eine ähnliche Erschütterung erlebt: Anfang des Jahres 1944 wurde er von einem Auto angefahren und schwebte zwischen Leben und Tod. Hier, im Bett, erlebte er Buddhas Erschütterung, verfiel in einen äußerst tiefen Trancezustand und wurde sich dabei über die Vergänglichkeit und Nutzlosigkeit des irdischen Lebens klar. Aus dem Krankenhaus wurde er als Heiliger entlassen.

Karol verstand, dass Gott ihm nicht jenes Schicksal gegeben hat, das er zu leben versucht, dass es kein Zufall gewesen war, dass der frühe Tod des Vaters, der Mutter und später auch des älteren Bruders ihn zur Einsamkeit verdammt hatte. Das war eine Aufforderung zu etwas anderem.

Karol Wojtyla brach entschlossen mit der Boheme und seinen Schauspielerträumen und wählte den Weg des Geistlichen, machte zur Hauptlinie seines Lebens die Reue und Sühne für die Sünden. Gerade dieses Streben, alle Sünden der Welt auf sich zu nehmen, seinen Leib um des Triumphes des Glaubens willen zu kreuzigen, machten ihn letzten Endes zum Papst. Dazu führte ihn der Weg der Vorsehung.

Papst Johannes Paul II. vollbrachte Unvorstellbares!

Kein einziger Papst vor ihm hatte in den zwei Jahrtausenden des Christentums so etwas vollbringen können: Am 11. Dezember 1983 wurde er zum ersten Pontificus, der eine lutherische Kirche besuchte und um Christi willen die kirchliche Spaltung missachtete.

Drei Jahre später, am 13. April 1986, besuchte der Papst zum erstenmal seit den apostolischen Zeiten eine Synagoge und begrüßte die Juden, die er als ältere Brüder bezeichnete. Durch diesen Akt hob er die Beschuldigung der Juden aller Generationen, den Tod Christi verursacht zu haben, auf.

Am 21. Mai 1995 ersuchte der Papst öffentlich um Vergebung für das Übel, das die Katholiken in der Vergangenheit den Vertretern anderer Konfessionen zugefügt hatten. Dadurch nahm er das Blut der Kreuzzüge, die Hinrichtungen der heiligen Inquisition, die Verfolgungen der Wissenschaft auf sich. Am 12. März 2000 spricht der Pontificus das "Mea culpa" - ersucht um Vergebung für die Sünden der Söhne der Kirche. Am 20. März 2000 betet der Papst in Jerusalem an der Klagemauer und erleuchtet die Stadt des Todes Christi mit dem Licht des Gebetes. Schließlich betritt der Papst am 6. Mai 2001 barfuß die Moschee in Damaskus und wird somit zum ersten Papst in der Geschichte der Menschheit, der ein muslimisches Gotteshaus besucht hat.

Vor ihm suchte nur der große Inder Ramakrischna, durch seine Worte und Taten die Welt davon zu überzeugen, dass es nur einen Gott gibt, wenngleich auch die Menschen seinen Namen verschieden aussprechen.

Vor drei Jahren hatte ich die Gelegenheit, einem öffentlichen Empfang beizuwohnen, der vom Papst im Audienzpalast im Vatikan gegeben wurde. In dem riesigen Saal versammelten sich Tausende Gläubige aus aller Herren Länder. Ich geriet zufällig unter die Mitglieder einer Delegation polnischer Flieger. Als die Kardinäle den Papst im "Papstmobil" in den Saal brachten, sprangen sie schluchzend auf.

Ein junger Italiener, der neben mir an der Barriere im Durchgang des Palastes stand, schob sein Kind in die Richtung, wo sich der Papst befand. Das Mädchen brach, durch die glänzenden weißen Gewänder des Papstes erschrocken, in Tränen aus. Der Papst hörte im Lärm und Gesang von Tausenden Gläubigen das Weinen des Kindes heraus und gab das Zeichen, das Papstmobil zu wenden, streckte seine schöne Hand aus und streichelte den Lockenkopf des Mädchens. Das Mädchen hörte auf zu weinen.

Dann begann der Vater zu schluchzen, den der Papst mit der berühmten Geste - dem unsichtbaren Kreuz in der Luft - gesegnet hatte.

Darin liegt wohl das Hauptgeheimnis des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. - er vermochte es nämlich, im Lärm der Welt das leise Weinen eines erschrockenen Kindes zu hören. (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA-Nowosti)