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06-04-2005 Russland und der Vatikan
Das Opus Dei ist verwaist - Ist das für Russland und die Welt von Bedeutung?
Mit dem Tod von Johannes Paul II. sind in der Welt viele verwaist, aber am meisten wohl das Opus Dei, das der Papst so hoch schätzte, die einzige katholische Eparchie ohne Grenzen, mit deren Vertretern ich wiederholt die Gelegenheit hatte, sowohl im Ausland als auch in Moskau in Kontakt zu kommen.

Gerade Johannes Paul II. verwandelte den Außenseiter und spezifischen Revolutionär der katholischen Welt in eine überaus mächtige Organisation, die, je nach den Sympathien oder Antipathien, "heilige Menschen", "Soldaten des Papstes" oder auch "heilige Mafia" genannt wird.

Das Opus Dei war die Hauptantwort des verstorbenen Papstes auf die für das Christentum beunruhigenden Veränderungen in der Welt von heute. Bereits in seinem apostolischen Schreiben von 1995 schrieb der Papst: "Es werde Christi Kreuz nicht beseitigt, denn nach seiner Beseitigung bleiben dem Menschen weder Wurzeln noch Aussichten, er ist nichts. Das ist der Schmerzensschrei vom Ende des 20. Jahrhunderts, der Schrei von Rom, Konstantinopel und Moskau." Der dermaßen verzweifelte Aufruf war nicht nur dadurch bedingt, dass die christliche Welt begann, ihre Positionen aufzugeben und sie zum Beispiel an den Islam mit seiner aktiven Missionstätigkeit abzutreten, sondern auch einfach dadurch, dass die Welt des Geldbeutels und der sozialen Ungerechtigkeit - eine für den Christen amoralische Welt - die Oberhand zu gewinnen begann.

Ein Kollege von mir schrieb in seinem Material über das Ableben von Johannes Paul II., dass er den Russen als ein Kämpfer gegen den Kommunismus im Gedächtnis bleiben werde. Das ist wahr. Aber hätten meine Mitbürger etwas mehr über den Papst gewusst, so würden sie an ihn nicht nur als an einen Kämpfer gegen den Totalitarismus zurückdenken, sondern auch als einen nicht weniger konsequenten Kämpfer für soziale Gerechtigkeit.

Gerade unter diesem Papst entwickelte sich am anderen Pol des "Opus Dei" mit dem vollen Segen Karol Wojtylas der linke Flügel des Katholizismus: die "Befreiungstheologie", deren Urheber der Padre Guttierrez war. Karol Wojtyla, der als Kind vom Beruf eines Torwarts und später dem eines Schauspielers träumte, woran man sich jetzt oft erinnert, arbeitete als Theologiestudent unter anderem in einem Steinbruch, so dass er sehr wohl weiß, wie es am sozialen Boden aussieht und wie schwer eine Spitzhacke ist.

Er vertrat die Ansicht, dass das Elend zu bekämpfen ist, wenn natürlich auch nicht mit bolschewistischen Methoden. Und eben hier half dem Papst die Eparchie Opus Dei, deren Begründer, Monseigneur Josemaria Escriva, schon 1928 im konservativen katholischen Spanien eine für das Christentum grundsätzlich neue Auslegung des Begriffs Heiligkeit, eines der wichtigsten Dogmen jeder Kirche und Religion, formulierte. Von seinem Standpunkt aus könne jedermann auf Heiligkeit Anspruch erheben und für sie kämpfen, wozu man sich nicht unbedingt in ein Kloster zurückzuziehen, das Fleisch abzutöten und sich mit Heuschrecken zu ernähren brauche. Ganz im Gegenteil. Wenn man sich in einer Zelle abkapselt, fällt es weit leichter, der Welt der Versuchungen zu entgehen, als mitten in der Welt zu leben und hierbei Anständigkeit und Glauben zu bewahren. Versucht es, forderte Escriva die Menschen auf, im Leben heilig zu sein, das heißt als Familienmitglied, Geschäftsmann oder meinetwegen Jurist. Die Doktrin ist zwar von einem Katholiken ausgearbeitet, in der heutigen Welt von Russland jedoch durchaus angebracht, wie sie auch viele andere Länder, die von Korruption und sonstigem Schmutz durchtränkt sind, ganz gut gebrauchen könnten.

Während Escriva einen Großteil seines Lebens ein Außenseiter war, legte der Begründer des Opus Dei unter Johannes Paul II. rasch den Weg von einem Enfant terrible des Vatikans bis zu einem durch die Kirche offiziell anerkannten Heiligen zurück. In seinen Ideen sah der Papst ein neues Banner, das zur Evangelisierung der heutigen Welt beitragen könnte.

Selbstverständlich war sich der Papst sehr wohl dessen bewusst, dass der Weg von einem Geschäftsmann oder Juristen bis zur Heiligkeit schwer und lang ist, doch kam es auf den Impuls an. Zu Lebzeiten Karol Wojtylas stieg die Zahl der Kardinäle, Bischöfe und einfachen Geistlichen, die dem Opus Dei angehörten, stürmisch an. Als zum Beispiel 1991 der Papst zu Pfingsten 61 Geistliche zu Priestern weihte, waren 20 von ihnen Mitglieder seiner Lieblingseparchie. Es ist nicht ausgeschlossen, dass beim jetzigen Konklave, das den neuen Papst wählen wird, das Opus Dei nichts unterlassen wird, um gerade den eigenen Mann auf den päpstlichen Stuhl zu setzen. Die Eparchie hat Erfolgschancen.

Ob all das Russland tangiert? Doch, unbedingt. Ideen haben schon mehr als nur einmal bewiesen, dass sie zu einer materiellen Kraft werden können. Und dass Ideen keine Grenzpfähle anerkennen. Zudem war das Opus Dei von Anfang an als eine "Eparchie ohne Grenzen" gedacht. Denken wir auch an vergangene Zeiten zurück. Es steht noch absolut nicht fest, wer auf russischem Boden mehr Atheisten hervorbrachte, ob der Kommunismus oder das Voltairianertum. Dabei wurden auch sie aus dem Ausland nach Russland eingeschleppt.

Sind die ideologischen Ansichten des Opus Dei zu befürchten? Das glaube ich nicht. Es ist absolut nicht notwendig, Katholik in einem überwiegend rechtgläubigen Land zu werden, ebenso wie es im 21. Jahrhundert absolut nicht notwendig ist, sich vor den Versuchungen des Lebens in ein Kloster zu flüchten. Dagegen würde es keinem Menschen zum Schaden gereichen, anständig zu sein oder wenigstens einen solchen Versuch zu unternehmen, ganz gleich, ob man Geschäftsmann, Jurist oder schließlich ein Neurusse ist.

Demnach und deshalb: Es ist sehr traurig, dass Karol Wojtyla gestorben ist. Denn vielleicht wäre aus seinem hochsinnigen Vorhaben doch noch etwas geworden! (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti.)