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05-04-2005 Russland und der Vatikan
Das Ableben des Papstes und die Perspektiven des Katholizismus in Russland
Wohl die einzige Stadt, die der Papst besuchen wollte, aber nicht konnte, ist Moskau. Seine Geduld war unbegrenzt, ihm reichte einfach das Leben nicht dazu aus, Zeuge der Veränderungen in der Russisch-Orthodoxen Kirche zu werden.

Er selbst war für die ganze Welt, darunter auch für den russischen Menschen, offen. Es erwies sich für ihn jedoch als viel einfacher, Kontakte zu der weltlichen Macht des neuen Russland als zu den Hierarchen der Russisch-Orthodoxen Kirche herzustellen. Bei sich zu Hause empfing er sowohl Gorbatschow und Jelzin als auch Putin, der übrigens an den Vatikan ein nicht ganz gewöhnliches, nicht protokollarisches, sondern tief empfundenes Beileidsschreiben gerichtet hat, in dem sich leicht die große Achtung vor Johannes Paul II. erkennen lässt.

Der Pole Karol Wojtyla, der als erster nach den Aposteln eine Synagoge betreten, der die Juden als ältere Brüder der Christen bezeichnet und an der Klagemauer gebetet, der nahezu alle Länder der Welt, einschließlich orthodoxe, besucht hatte, wurde nur an einem einzigen Ort zum Gebet nicht zugelassen - in Moskau. Der Papst achtete die christlichen Kanons und wartete darauf, dass die Entscheidung der Russisch-Orthodoxeh Kirche geändert werde. Er wartete bis zu seinem Tode darauf.

Ich kann nicht über die Gründe für die Unnachgiebigkeit der Führung der Russisch-Orthodoxen Kirche urteilen, aber die von ihr vorgebrachten formellen Vorwände, nämlich die Besetzung von rechtgläubigen Kirchen durch Katholiken, sind eigentlich nicht überzeugend. Schon deshalb, weil auch der Vatikan in vielen Fällen die gleichen Ansprüche erheben kann, denn die Geschichte des 20. und auch einer Reihe vorangegangener Jahrhunderte hatte sich nämlich so gestaltet, dass viele Kirchen wiederholt ihre irdischen Besitzer wechselten, dabei aber demselben Herrn im Himmel dienten. Schon die Ankunft des Papstes in Moskau hätte die Hälfte der zwischen den beiden Kirchen bestehenden Widersprüche beseitigen können.

Ich bin fast sicher, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche eine Begegnung des ersten Papstes slawischer Herkunft mit ihren Anhängern aus dem gleich Grunde verhinderte, aus dem das Politbüro des ZK der KPdSU die westlichen Stimmen gedämpft hatte: Aus Angst vor einem Vergleich.

Die katholische Kirche hatte nämlich großes Glück: Den Heiligen Stuhl bestieg ein Mensch von höchstem moralischen Ansehen und von einem immensen Charisma, dessen Einfluss den Einfluss der katholischen Kirche selbst mehrfach überstieg. Die kranke Russisch-Orthodoxe Kirche, die sich von den Jahrzehnte langen Verfolgungen noch nicht erholt hat, konnte beim besten Willen keine gleich bedeutsame Figur präsentieren. Der Papst auf einem Moskauer von Menschen gefüllten Platz, geschweige denn in der Christus-der-Erlöser-Kathedrale - so etwas konnten die russisch-orthodoxen Hierarchen einfach nicht ertragen. Denn auch sie sind Menschen.

Daraus resultiert die empfindsame, nicht so sehr religiöse als vielmehr menschliche Reaktion auf jede Bewegung der katholischen Kirche in Russland, wenngleich auch die Konkurrenz sich nicht um Erdöl- oder Aluminiumgewinnung, sondern um menschliche Seelen entfaltet, die in einem demokratischen Land, wie angenommen wird, frei bei ihrer Wahl sind. Die Worte "Hirt" und "Herde" sind lediglich Bilder, denn dabei handelt sich doch um Menschen, nicht aber um Schafe. Um Menschen, die das Recht auf eine Wahl, das heißt darauf besitzen, jede Kirche zu betreten, die ihnen anziehender erscheint.

Ich glaube, dass Russland seine historische Chance auf eine Annäherung an den Katholizismus und folglich auch in erheblichem Maße an die westliche Kultur versäumt hat.

Der letzte Mensch, der die Macht besaß und tatsächlich den Ökumenismus predigte und sich für die Annäherung an den Katholizismus einsetzte, war Paul I. Der letzte Papst, der ein so feines Gefühl für Russland, seine Widersprüche und seelischen Erlebnisse hatte, war Johannes Paul II. Es war doch kein Zufall, dass gerade er unter anderem auch vor einer russischen Ikone betete.

Es bestehen praktisch keine Chancen dafür, dass der Mensch, an dessen Tür noch in seiner Studienzeit Spaßvögel ein Schildchen mit der Aufschrift "Angehender Heiliger" gehängt hatten, auf dem Heiligen Stuhl von einer auch nur ungefähr gleichwertigen Persönlichkeit abgelöst wird.

Dem unerschütterlichen Menschen, der sich ermutigte, öffentlich um Vergebung der alten Sünden der katholischen Kirche zu bitten, wird ein gewöhnlicher katholischer Ersthierarch folgen. Ein ganz bestimmt gebildeter und verdienter Mensch, der aber jene Eigenschaften, die Karol Wojtyla besessen hat, nicht besitzt. Es gibt Menschen, die niemand ersetzen kann.

Der neue Papst wird ganz bestimmt kein Slawe sein, und die Beziehungen zwischen Moskau und dem Heiligen Stuhl werden daher in die übliche bürokratische Ebene übergehen. Es werden Delegationen ausgetauscht, die irgendwelche Vereinbarungen treffen und Papiere unterzeichnen, dabei aber auf der Stelle treten werden.

Mit anderen Worten, an die Stelle des Menschen des 21. Jahrhunderts, wie es der selige Johannes Paul II. gewesen ist, wird ein Mensch aus dem vergangenen 20. Jahrhundert treten, von dem wohl kaum irgendwelche Durchbrüche in die Zukunft zu erwarten sein werden.

Im Ergebnis werden alle verlieren: Der Vatikan, dessen Ansehen unvermeidlich und ungestüm sinken wird, der Katholizismus als Ganzes und die Katholiken in Russland. Und selbstverständlich auch die Russisch-Orthodoxe Kirche, die einen großen Anreiz für die Selbstvervollkommnung verlieren wird. Darum ist es aber sehr schade, weil, wie viele rechtgläubige Geistliche zugeben, der Weg zur vollen Genesung lang ist.

Einmal wurde Johannes Paul II. gefragt: „Weinen Sie manchmal?" Seine Antwort lautete: „Nie nach außen hin".

Heute weint der Großteil der Menschheit, unabhängig von dem Glaubensbekenntnis sowohl nach außen als auch nach innen hin. Jeder auf seine Art und Weise. Gemeinsam und für sich allein. Karol Wojtyla hat das verdient. (Pjotr Romanow, politischer Kommentator der RIA Nowosti)