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04-04-2005 Russland und der Vatikan
Ableben des Papstes: In Moskau nachdenkliche Worte der Aussöhnung
Johannes Paul II. hat diese Welt verlassen. Kerzen für sein Seelenheil brennen in Russland sowohl in katholischen als auch in rechtgläubigen Kirchen.

In seinem Kondolenzschreiben nennt Wladimir Putin den Papst Johannes Paul II. eine "hervorragende Persönlichkeit der Gegenwart" und schätzt seinen Dienst an einem edlen Ziel - "die Gesellschaft nach den Prinzipien der Humanität und Solidarität zu formen" - hoch ein.

Der Kreml hat sich weit von jenem Herbst 1978 entfernt, als der Erzbischof von Krakow zum Oberhaupt der Katholiken der ganzen Welt gewählt wurde. Die Ideologen Leonid Breschnews, der damals an der Macht war, verdächtigten den polnischen Senkrechtstarter sofort, ein neues Instrument des Imperialismus zu sein, berufen, das sozialistische Lager zu lockern.

Abgesehen von der Verschwörungstheorie, hat ihr politisches Gespür sie alles in allem nicht betrogen. Schon in einer seiner ersten Predigten stritt Johannes Paul II. mit einer Attacke gegen den "eisernen Vorhang". Er forderte die Menschheit auf, "Christus Tür und Tor zu öffnen". "Öffnet Seiner rettenden Kraft die Grenzen der Staaten, der politischen und ökonomischen Systeme, die weiten Räume der Zivilisationen und Kulturen", rief der Papst auf. "Habt keine Angst!"

Gerade das nun flößte den totalitären Machthabern in Russland noch mehr Angst ein. Der Katholizismus wurde wie irgendeine mittelalterliche Geißler-Sekte in die Illegalität getrieben. Die in den 20er Jahren zerstörten Pfarrämter der römisch-katholischen Kirche wurden ihr erst im April 1991, mitten in der Perestroika, zurückgegeben, als Russland von der einst verbotenen Frucht der Demokratie schon genügend genossen hatte.

Zwei Jahre zuvor, unmittelbar nach dem Fall der Berliner Mauer, erteilte der Papst erstmals in der Geschichte des Vatikans dem Führer einer kommunistischen Partei Audienz - Michail Gorbatschow.

Viele westliche Theologenbeeilten sich damals, dieses Treffen als lang erwartete Kapitulation des wissenschaftlichen Atheismus vor der Religion auszulegen und als Ende in der Rivalität um die Anerkennung als der Hauptweg für die Entwicklung der Menschheit.

Auf Russland bezogen, war dieser Schluss natürlich irrig. Die sieben Jahrzehnte des kommunistischen Regimes setzten den Menschen ein "Gen der Gottlosigkeit" ein. Bemerkenswert ist, dass heute, unter den Bedingungen eines bis zur Unkenntlichkeit veränderten Landes, die atheistische Weltanschauung sehr sensibel als ein weiteres Anzeichen für Gewissensfreiheit aufgenommen wird.

Was war der historische Besuch Gorbatschows beim Papst in Wirklichkeit? Er bedeutete den Beginn einer Wiedergeburt der römisch-katholischen Kirche in Russland. Gerade in den Jahren des Papsttums von Johannes Paulus II. stellte Moskau offizielle diplomatische Beziehungen zum Vatikan her. Im Februar 2002 erhöhte der päpstliche Stuhl den Status der katholischen Missionen in Russland: Früher Apostolische Administratoren, das heißt im Grunde nur zeitweilige Strukturen, wurden sie zu vollwertigen Eparchien erhoben.

Der Bischof Josef Werth, der heutige Vorsitzende der Konferenz der katholischen Bischöfe von Russland, ist der Seelsorger von 300 Gemeinden, die über eine halbe Million Gläubige zählen. Unter ihnen befindet sich der höchste katholische Beamte des Landes: German Gref, Minister der Russischen Föderation für Wirtschaftsentwicklung und Handel.

Werth ist heute im Kreml ein ebenso gern gesehener Gast wie auch der orthodoxe Patriarch Alexij, der Mufti Gajnutdin, der Rabbiner Lazar und der Metropolit der Altgläubigen Andrian. Die russischen Behörden sehen in der gegenseitigen Toleranz der Konfessionen ein Unterpfand der Einheit Russlands und ein Gegengift gegen den religiösen Extremismus.

"Die gegenseitigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat haben sich dank dem Präsidenten von Russland Wladimir Putin merklich verbessert, der nicht selten die katholische Kirche vor Ausfällen verteidigt", gibt Joseph Werth zu.

Verteidigen müssen sich die Katholiken hauptsächlich gegen die im Lande vorherrschende rechtgläubige Kirche. Diese wirft den katholischen Brüdern in Christo ein unwürdiges Proselytentum, das heißt, das Abwerben der orthodoxen Gläubigen, vor, und das zudem auf dem Territorium der einheimischen Kirche.

Ein anderer Zankapfel zwischen Vatikan und russischer Orthodoxie sind die seit Jahrzehnten zunehmenden Spannungen um die Griechisch-Katholischen (Unierten) in der Ukraine. Die Unierten beabsichtigen, in Kiew ihr eigenes Patriarchat einzurichten, und wünschen sich dafür Roms Segen.

In hohem Grade hinderten eben diese Kontroversen Johannes Paul II. daran, noch zu seinen Lebzeiten seinen Traum von einem Besuch in Russland und einem Treffen mit dem Patriarchen Alexij II. von Moskau und ganz Russland zu verwirklichen. Das geistige Oberhaupt der 800 Millionen Katholiken, der 250 internationale Reisen unternahm, ist gestorben, ohne auf dem Roten Platz in Moskau einen Gottesdienst zelebriert zu haben.

Aber der Kummer hat eine lichte Seite: Er bringt uns einander näher. Der Hingang des Papstes bewog die russisch-orthodoxen Hierarchen zu nachdenklichen Aussöhnungsworten. In seinem Beileidsschreiben bringt Alexij II. die Hoffnung zum Ausdruck, dass "die anbrechende neue Periode im Leben der römisch-katholischen Kirche helfen wird, zwischen unseren beiden Kirchen die Beziehungen der gegenseitigen Achtung und der brüderlichen christlichen Liebe zu erneuern".

Angesichts der neuen Übel, die die Menschheit bedrohen, sind die beiden größten Weltkirchen nicht berechtigt, auf einen Dialog, auf die Idee der Einigung des Christentums zu verzichten. Das ist eines der ungeschriebenen letzten Gebote des großen Gerechten, der von uns gegangen ist. (Wladimir Simonow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).