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04-04-2005 Russland und der Vatikan
Das christliche Russland zwischen Vatikan und Polen
Papst Johannes Paul II. hat die letzten Stunden vor seinem Tod im Kreise seiner engsten polnischen Vertrauten verbracht. Seine beiden polnischen Privatsekretäre, ein polnischer Kardinal, ein polnischer Erzbischof und fünf polnische Prälaten waren neben medizinischem Personal zum Zeitpunkt seines Todes in der Nähe.

Das unterstreicht den nationalen Humus, auf dem Karol Wojtyla sein globales Freundesimperium aufgebaut hat. Wie folgender Rückblick zeigt, ist das Gewebe der Rivalitäten zwischen dem Ersten Rom im Vatikan und dem Dritten Rom in Moskau ist von polnischen Fäden durchzogen.

Als vor über tausend Jahren der Kiewer Fürst Wladimir Boten nach Konstantinopel schickte, schwärmten diese nach ihrer Rückkehr: "Wir wussten nicht, ob wir im Himmel oder auf Erden waren." Der Fürst und sein Volk bekehrten sich im Jahre 988 spontan zum orthodoxen Glauben.

Damit war ein religiöses Bündnis zwischen Slawen und den mit dem Vatikan konkurrierenden Byzantinern entstanden - Nordwesteuropa gehörte ab damals zu Ostrom, wie der Vatikan eifersüchtig zur Kenntnis nehmen musste. Schon im 9. Jahrhundert hatte die Frage der klerikalen Zugehörigkeit Bulgariens zu einer vorübergehenden Kirchenspaltung gesorgt. Gut fünfzig Jahre nach der religiösen Übergabe von Kiew kam es zwischen dem christlichen Abendland und Morgenland zum "Großen Schisma". Das Zweite Rom war endgültig installiert, das Erste Rom in Glaubensfragen endgültig geteilt.

Der Aufstieg des eigenständigen Moskauer Patriarchats unter dem russisch-orthodoxen Kanon begann im 14. Jahrhundert. Nach dem überstandenen Tatarensturm brach die aufstrebende Metropole erst die kirchliche Eigenständigkeit von Nowgorod und dann die vom in Polen-Litauen gelegenem Kiew.

Damals lebten viele Ostkatholiken in Russland, die sich 1596 zu Rom bekannten. Katholisch zu sein wurde derzeit in Moskau mit polnischer Geistlicher zu sein gleichgesetzt. Die polnischen Eroberungsfeldzüge waren noch nicht vergessen, die Zaren vor Peter I. zogen sich überwiegend protestantische Engländer, Holländer und Deutsche aus dem Baltikum in ihre Nähe.

Die Zarin Sophia und danach ihr berühmter Bruder Peter machten die Katholiken allmählich salonfähig. Mit einem Ukas aus dem Jahre 1705 durften "die Polen" Kirchen bauen und sogar Schulen eröffnen. Fast überall in Russland, wo sich Ausländer konzentrieren konnten, entstanden katholische Gotteshäuser.

Die russisch-orthodoxen Geistlichen waren entsetzt und reagierten mit Verdächtigungen. Als viele namhafte Adlige zum jetzt angesagten Katholizismus übertraten, gerieten die Jesuiten ins Visier der Moskauer Kirchenbehörden: Spionage für Wien. 1709 verwies man die Jesuiten des Landes.

Da aber Katharina II. die junge Tradition übernahm, musste die Orthodoxie mit den verwirrten Schwestern und Brüdern pragmatisch umgehen. Freie Ausübung der Religion bei Missionierungsverbot und Einheitsbischof.

Katharinas Sohn, Zar Paul I., hatte noch weniger Berührungsängste und übernahm den Job eines Großmeisters des Malteserordens. In Rom rieb man sich erfreut die Hände, da es berechtigte Hoffnungen gab, die Trennung in Westrom und Ostrom mit Hilfe Moskaus und St. Petersburg zugunsten des Vatikans zu beenden.

Paul I. war ein Quergeist. Er mochte niemand und machte Alles anders, er wurde gefürchtet und gehasst. Nach vielen Morddrohungen geschah das Unvermeidliche im Jahre 1801 - der unbeliebte Zar wurde im Schlafzimmer per Hand und Schlinge hingerichtet.

St. Petersburg als junge Machtzentrale hatte damals wieder und wieder Probleme mit den neuen Untertanen im Reich - den Polen. Diverse polnische Aufstände wurden an der Newa mit Aktivitäten des Vatikans verknüpft. Da man sich aber mit Rom in der Ablehnung der französischen Revolution einig war, kam es 1845 sogar zu einem Besuch von Nikolaus I. bei Gregor XVI. in Rom. Drei Jahre später unterzeichneten sie ein Konkordat. Das hielt ganze achtzehn Jahre - bis zum nächsten Aufstand in Polen. Schon 1877 brachen Russland und der Vatikan ihre Beziehungen ganz ab, wenn auch nur kurzfristig, da Nikolaus II. sie wieder aufnahm.

Die russische Akte Katholizismus war endgültig im Innenministerium gelandet - unter den Rubriken "Ausländische Glaubensbekenntnisse" und "Mischehen". Vor 1917 lebten in Russland knapp zwei Millionen Katholiken mit knapp tausend Priestern verteilt auf knapp siebenhundert Gemeinden.

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Schwerpunkt – Russland und der Vatikan
Die sich gegenseitig misstrauenden Christen saßen nach der bolschewistischen Revolution plötzlich im selben Boot. Die Macht der Allianz zwischen Zar und Orthodoxie hatte sich in Rauch aufgelöst. Lenin fackelte nicht lange. Erst wurde der Erzbischof von Mogilew verhaftet - ein Staatsbürger des inzwischen wieder freien Polens. Wegen konterrevolutionärer Tätigkeit für Polen wurde 1923 der Generalvikar Budkiewicz zum Tode verurteilt.

Mit dem sowjetischen Religionsdekret von 1929 verschlechterte sich die Lage beider Kirchen zunehmend. Mit Schließungen, Umnutzungen und Bränden reduzierte sich die Zahl der Bethäuser. Der wohl selbst nicht ganz ungläubige Stalin sah im Vatikan eher eine politische Knetmasse, mit der er die Amerikaner bei Laune hielt. Dennoch, Geistliche aller Art waren gefährliche Gegner unter standen unter Observation. Ein Jahr vor Kriegsende beauftragte Stalin den NKWD-Chef Berija, die Dekonstruktion der katholischen Kirchen aufzulisten. Standen noch 1914 zweihundertzehn, waren es 1941 nur noch zwei.

In Rom hatte man derweil zum "Kreuzzug des Gebets" gegen die Sowjets aufgerufen und Moskau des Terrorismus beschuldigt. Noch fünfzig Priester waren 1936 tätig, im nächsten Jahr waren es nur noch zehn. Geschickt nutzte Stalin die als „Bollwerk des Vatikans“ verschrieenen polnischen Geistlichen, um auf die vielen Exilpolen in Nordamerika Einfluss zu gewinnen Zwischen 1937 und 1938 hatte es in der Sowjetunion zielgerichtete Kampagnen gegen polnischstämmige Sowjetbürger gegeben und Polen war nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn nicht gut auf den großen Bruder zu sprechen.

Die russischen Patriarchen waren zwischen 1918 und 1990 in Sagorsk bei Moskau eingefroren worden. Der Vatikan und sein polnisches Gefolge waren für die russisch-orthodoxenChristen angesichts der gottlosen Sowjetunion zum Randproblem geworden. Wie schon gesagt, man saß im gemeinsamen Boot.

Mit der Berufung eines polnischen Staatsbürgers zum Papst brach der schlummernde Konflikt zwischen Moskau und Rom wieder auf. Besonders, als sich Wojtyla der Solidarnosc und dem Antikommunismus verschrieb.

Die der damals noch nicht abzusehenen Öffnung Russlands folgenden neuen Kirchengespräche waren schon vor ihrer Aufnahme gründlich vergiftet. Die Chance einer friedlichen Koexistenz zwischen Katholiken und Orthodoxen war mit einem polnischen Papst nicht machbar, besonders nicht mit einem betont polnischen. Das religiöse Moskau war zum selbstbewussten Ostrom aufgestiegen, quasi vom alten Dritten zum neuen Zweiten Rom befördert worden.

Wie der russisch-orthodoxen Kirche die Nähe zur zaristischen Macht zum Verhängnis geriet, fesselte dem modernen Kreml die sowjetische Verquickung von Polen- und Glaubensfrage die Hände. Solange Moskau nicht dem katholischen Polen über seine Kontakte zum Vatikan die versöhnende Hand gibt, ist Polen für Russland verloren.

Wenn der russische Präsident Putin es nicht als seine Aufgabe ansieht, die Ankunft des Papstes in Russland zu sichern, folgt er augenscheinlich falscher Bescheidenheit. Er will nur zu dem Vereinigungsschritt beitragen und verkennt damit die immense Bedeutung der christlichen Aussöhnung zwischen Russland und Polen bei der russischen Annäherung an europäische Kultur und europäische Identität.

Nicht nur die Italiener sondern fast die ganze Welt wartet darauf, dass ein Papst nach Moskau reisen kann. Wer auch immer die Rolle des neuen Papstes übernehmen wird, ein Pole wird der Globalisierung der Christen nicht wieder im Wege stehen. [ hub / russland.RU – die Internet - Zeitung ]