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25-11-2003 Russland und der Vatikan
Öffnet die Russisch-Orthodoxe Kirche die Tür?
( MOSKAU )Der Dialog zwischen den Orthodoxen und Katholiken wie auch den Christen anderer Konfessionen verläuft nicht immer gleichmäßig, aber konstant. Als bemerkenswert erschienen zwei November-Ereignisse:

Das zweite Treffen von Präsident Wladimir Putin mit Papst Johannes-Paul II. und der am 18. November begonnene Russland-Besuch einer Delegation der "Russisch-Orthodoxen Auslandskirche", die sich in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die revolutionären Atheisten an die Macht im Lande gekommen waren, gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche abgrenzte.

Diese Ereignisse sind aber in Wirklichkeit nicht jene Geste, mit der die Tür weit geöffnet wird. Der Sinn des Besuchs von Putin lag am wahrscheinlichsten darin, die politische Etikette zu wahren. Es sei daran erinnert, dass auch der erste (und letzte) Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, und der erste Präsident Russlands, Boris Jelzin, Johannes-Paul II. Besuche abstatteten, was ein Zeugnis von der Anbahnung staatlicher, aber nicht religiöser Beziehungen ablegte. Wenngleich auch das in unserer wahnsinnigen Welt gut ist.

Das zweite Ereignis: Die hypothetische Vereinigung der beiden russisch-orthodoxen Kirchen, auf die ihre Kontakte hinweisen, kann hingegen zu einer Verstärkung ihrer Isolierung von der übrigen christlichen Welt führen. Die Russisch-Orthodoxe Kirche im Ausland bezieht eine konservative Position. Sie erklärte den Ökumenismus zur Ketzerei und verhängte den Kirchenbann darüber.

Nach Ansicht einiger Beobachter führt der Weg zu einer Annäherung der russischen Orthodoxie an die heutigen Realien über einen breiteren Dialog mit der Römisch-Katholischen und der Protestantischen Kirche.

Warum zieht aber die Russisch-Orthodoxe Kirche den Isolationismus und die Annäherung an die Russisch-Orthodoxe Auslandskirche einem breiten Dialog mit anderen christlichen Konfessionen vor? Der Geistliche der Kirche zu den Heiligen Kosma und Damian /in der Moskauer Stoleschnikow Gasse/ und Vorsteher der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte in der Republikskinderklinik, Georgi Tschistjakow, Vorstandsmitglied der Russischen Biblischen Gesellschft, Rektor der Allgemeinzugänglichen Orthodoxen Universität, bekannter Historiker, Theologe und Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, meint, dass eine der Hauptursachen dafür in den zahlreichen russischen Phobien liege, vor allem darin, dass die Römisch-Katholische Kirche bestrebt sei, die Orthodoxie aufzusaugen.

Seiner Meinung nach neigen die höchsten Hierarchen der russischen Orthodoxie doch dazu, einen Dialog zu führen, obwohl sie auch beharrlich ihre Interessen verteidigen. Ein aktuelles Beispiel ist das Treffen des Vertreters des Vatikans in Russland Antonio Mennini mit dem Metropoliten Kirill, Chef des kirchlichen Außenamtes der Russisch-Orthodoxen Kirche, das am 10. November in Moskau stattfand. Im Ergebnis wurde die Vereinbarung getroffen, den Verhandlungsprozess, um einer Verbesserung der Situation in den Beziehungen zwischen den beiden Kirchen willen, fortzusetzen, und es wurden die Perspektiven der Zusammenarbeit bei sozialen Projekten markiert. Es sei daran erinnert, dass Metropolit Kirill erst vor einem halben Jahr der Römisch-Katholischen Kirche vorwarf, gegen die Ethik verstoßen zu haben, als sie ihre Struktur in Russland veränderte. Die Ursache liegt auf der Hand - der Kampf um Einflusssphären.

Es nimmt nicht wunder, dass es sich dabei um eine äußerste Verwickeltheit und Uneindeutigkeit der Beziehungen zwischen den beiden Kirchen handelt. Einerseits sind die Mitglieder des Heiligen Synods und der Patriarch Alexi II. selbst Kinder jener Epoche, in der sich die Religion in Russland in vieler Hinsicht dank der massierten Unterstützung seitens der Römisch-Katholischen Kirche überlebt hatte. Das Bild wird dadurch abgerundet, dass es im vorrevolutionären Staat viel mehr katholische Gemeinden und Katholiken als heute gegeben hat, aber keine Auseinandersetzungen zwischen den Kirchen bestanden.

Andererseits kann man auf der Ebene der Durchschnittsbürger schwer auf eine jähe Verbesserung der Beziehungen zwischen den orthodoxen Einwohnern Russlands und den Katholiken hoffen. „Die starke Ablehnung des Katholizismus durch die Gemeindemitglieder besteht gerade auf der psychologischen Ebene", behauptet Georgi Tschistjakow.

Es gibt auch noch einen dritten Aspekt, der, wie sonderbar es auch scheinen mag, in keinem Widerspruch zum ersten und zum zweiten steht. Und zwar: Laut soziologischen Angaben meinen 75 Prozent der Einwohner Russlands, dass die Katholiken und die orthodoxen Christen friedlich koexistieren können; 60 Prozent der Befragten bewerten die Perspektive eines Russland-Besuchs von Papst Johannes-Paul II positiv.

Bei der Betrachtung des Problems aus psychologischer Sicht vertritt der Geistliche Georgi Tschistjakow den Standpunkt, dass die Orthodoxie nach ihrer Ordnung und ihren Orientierungspunkten der Vergangenheit zugewandt ist. Sie fasst den heutigen Tag als eine Epoche der Herabminderung des Glaubens auf, da sich die Welt von Gott entfernt. In dieser Religion sind die persönliche Askese, persönliche Fasten und das persönliche Gebet wichtig. Darum werden die aktiv gläubigen Menschen, die versuchen, die Grundsätze des Christentums zum Bestandteil ihres Lebens zu machen, der Meinung des Geistlichen nach unwillkürlich die katholischen Erfahrungen auszuwerten suchen, weil in der Orthodoxie so etwas so gut wie nicht vorhanden ist.

In Russland entstehen die ersten Gruppen von jungen Familien, die sich als Bewegung von Kana in Galiläa bezeichnen und auf die Erfahrungen der ähnlichen katholischen Vereinigung in Frankreich stützen. Es entstand auch die Bewegung "Mütter im Gebet", die ebenfalls der katholischen ähnlich ist. Das weltliche Mönchtum wird in der Orthodoxie faktisch nicht praktiziert, und hierbei sind die Erfahrungen anderer Konfessionen unschätzbar. „Die Kontakte zwischen den Orthodoxen und Katholiken werden gerade dort aufgenommen, wo das lebendige Leben sprudelt, wo der Mensch im Wirbel von heute gläubiger Christ bleibt", behauptet Georgi Tschistjakow. Im weltlichen Leben wählt das Land westliche Orientierungspunkte, fasst Boden in internationalen Organisationen, in der Religion dominieren aber antiwestliche Stimmungen. Darin besteht der ernste Widerspruch zur Gegenwart selbst.

bei russland.RU
Treffen mit Papst nicht nur um des Treffens willen (20.11.2003)
Unter den Religionsforschern greift die Meinung um sich, dass sich die orthodoxe Kirche wird umorientieren müssen, sonst wird sie das Vertrauen der Gesellschaft verlieren. Nach Ansicht von Sergej Filatow, Leiter des Projekts „Enzyklopädie des heutigen religiösen Lebens Russlands", werden die heutigen Prozesse in der Gesellschaft zur Herabminderung der Bedeutung des religiösen Ritus führen, aber die Rolle des sozialen Dienstes der einen oder anderen Religion erhöhen. Es sei betont, dass in der Orthodoxie das Rituelle des Kultes äußerst stark ist, und sogar Atheisten sind oft bestrebt, es einzuhalten.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche reihte sich in die Ökumenische Bewegung 1961 ein. Sie unterstützt aktiv die Friedensaktionen des Weltkirchenrates, führt mit dessen Mitgliedern einen Dialog auch zu anderen Fragen. „In Russland besteht ein Verständnis dafür, dass sich die Christen verschiedener Konfessionen in Opposition zur heutigen religionslosen Welt befinden", erklärt Georgi Tschistjakow. Bei der Ausarbeitung der Europäischen Verfassung bestanden die Katholiken, Orthodoxen und Protestanten gemeinsam auf der Erwähnung des Christentums als geistige Quelle der europäischen Zivilisation. In der Epoche des heutigen sekularisierten Bewusstseins, meint der Geistliche, gilt es, einander zu unterstützen, weil „wir alle für feste Familien, gegen Abtreibungen, Drogen und Popkultur sind, die den Menschen zu einem Sklaven der Konsumgesellschaft macht".

„Das Leben des Christen besteht nicht darin, während der Fasten kein Fleisch zu essen, sondern darin, Träger der christlichen Ideale zu sein, damit diese Ideale nicht nur im privaten, sondern auch im gesellschaftlichen Leben triumphieren", sagt Georgi Tschistjakow. „Wenn ein orthodoxer russischer Mensch das begreift, so wird ihm klar, dass der Ökumenismus und die Zusammenarbeit der Gläubigen verschiedener Konfessionen den einzigen Weg darstellen, den die Christen gehen müssen".

Öffnet also die Russisch-Orthodoxe Kirche die Türen? Wohl, ja. Aber dieser Prozess geht, sowohl kraft der interkonfessionellen als auch der nationalen Besonderheiten schwierig und sehr langsam vor sich. Ihn voranzutreiben, ist sinnlos. Wie ein russisches Lieblingssprichwort besagt: Wer langsam fährt, kommt weiter. ( Jelena Schachowa, Kommentatorin der RIA „Nowosti“ )