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17-02-2004 Russland und der Vatikan
Oberster Hirte von ganz Russland - Patriarch Alexij II. wird 75
Für orthodoxe Verhältnisse wirkt der Mann, der das geistliche Oberhaupt von Millionen Menschen ist und den offiziellen Titel «Patriarch von Moskau und ganz Russland» trägt, oft geradezu bescheiden.

Am 23. Februar wird der russische Patriarch Alexij II. 75 Jahre alt. Eine Feier wird es erst im Sommer geben, denn der Geburtstag fällt genau in die strenge Fastenzeit vor dem Osterfest.

Seit der Inthronisierung Alexijs, der sich 1990 knapp gegen zwei Gegenkandidaten durchsetzen konnte, erlebte die orthodoxe Kirche Russlands eine eindrucksvolle Wiedergeburt. Auf den Kuppeln vieler zu Sowjetzeiten als Lagerschuppen oder Kulturhäuser zweckentfremdeter Kirchen thronen heute wieder goldene Kreuze. Das Moskauer Patriarchat ist wieder eine der einflussreichsten gesellschaftlichen Kräfte Russlands. 80 Prozent der größtenteils unter massiver atheistischer Propaganda aufgewachsenen Russen bezeichnen sich heute als orthodox. «Mir scheinen die Beziehungen zwischen Staat und Kirche nahe am Idealzustand zu sein», sagte Alexij unlängst in einem Interview.

In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen, dass Alexij für seine Kirche auch formell die Führung der weltweiten Orthodoxie übernehmen will, eine Rolle, die bislang noch das Patriarchat von Konstantinopel spielt. Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung ist die angestrebte Wiedervereinigung mit der mehrheitlich aus russischen Emigranten bestehenden orthodoxen Auslandskirche, die sich nach der Oktoberrevolution von Moskau abgespalten hatte.

Das 15. Kirchenoberhaupt seit der Einrichtung des Moskauer Patriarchats wurde 1929 mit dem bürgerlichen Namen Alexej Ridiger in Tallinn, der Hauptstadt des damals unabhängigen Estland geboren. Der Sohn eines orthodoxen Priesters wurde kurz vor Kriegsbeginn Diakon. Nach dem Studium am Leningrader Priesterseminar wurde er innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit bereits mit 32 Jahren zum Bischof geweiht und stieg dann zum Metropoliten des bereits sowjetischen Estland auf.

Seine Kritiker behaupten, Alexij sei in dieser Zeit vom sowjetischen Geheimdienst KGB angeworben worden, was die steile Karriere in der von Agenten und Spitzeln unterwanderten orthodoxen Kirche erkläre. Entsprechende Akten über einen KGB-Mitarbeiter «Drosdow», der Alexij sehr ähnele, sollen nach der Wende angeblich aus den Panzerschränken der Geheimdienstler aufgetaucht sein.

Als Kirchenoberhaupt befindet sich Alexij auf einer steten Gratwanderung zwischen den konservativen und gemäßigten Teilen der Hierarchie. Mit der Heiligsprechung der letzten Zarenfamilie kam die Kirche den Konservativen und Monarchisten entgegen. Gleichzeitig hält das Patriarchat gegen heftige Widerstände an der Mitarbeit im Weltkirchenrat fest. So konnte das Kirchenoberhaupt bislang nicht nur eine neue Kirchenspaltung verhindern, sondern sich auch die Loyalität der überwältigenden Mehrheit aller Kirchenhierarchen und Gläubigen sichern.

In den angespannten Beziehungen der orthodoxen Kirche zum Vatikan gelang dagegen auch Alexij kein Durchbruch. Eine Ende der 90er Jahre bereits detailliert geplante Begegnung des Patriarchen mit Papst Johannes Paul II. in Wien platzte kurzfristig. Die historische Versöhnung beider Kirchen rückte wieder in weite Ferne.

Ende 2002 verschwand der Patriarch nach einem Kreislaufzusammenbruch für Monate nahezu vollständig aus der Öffentlichkeit. In der Kirchenhierarchie begann ein nur schlecht verdeckter Kampf um seine Nachfolge. Inzwischen nimmt Alexij wieder intensiv am kirchlichen Leben teil. Russlands oberster Hirte hält zumindest für die breite Öffentlichkeit seine Schäfchen wieder fest zusammen. Von Karsten Packeiser (epd)