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18-02-2004 Russland und der Vatikan
Der Kardinal und der Metropolit über ein Entweichen der Seelen
In Moskau hält sich ein bevollmächtigter Emissär des Papstes zu einem Besuch auf. Offiziell ist der Kardinal Walter Casper von seinen Glaubensgenossen, den katholischen Bischöfen Russlands, eingeladen worden.

Er soll durch seine Anwesenheit eine Jubliläumskonferenz beehren, die dem 40. Jahrestag des berühmten Dekrets des Zweiten Vatikanischen Konzils gewidmet ist. Dieses Dokument, in den theologischen Kreisen als „Unitatis Redintegratio" bekannt, fordert zum Beginn eines energischen Dialogs der römisch-katholischen Kirche mit anderen Konfessionen auf.

Doch die Teilnahme an der Konferenz ist in hohem Grade nur ein äußerer Vorwand für den Besuch. Die Hauptmission von Kardinal Casper, der dem Rat des Pontifikus zur Förderung der christlichen Einheit vorsteht, ist es, mit der Moskauer Patriarchie die überaus akute Frage zu erörtern: Ob es einen Ausweg aus der tiefen Krise gibt, die heute die Beziehungen zwischen beiden größten Weltkirchen durchmachen. Zu diesem Zweck ist, wie verlautet, für den Donnerstag ein Treffen von Kardinal Casper mit Metropolit Kyrill von Smolensk und Kaliningrad, einem Vertreter des kirchlichen Außenamtes, geplant.

Das katholische Rom und das rechtgläubige Moskau haben nie besonders miteinander sympathisiert. Aber in den letzten Jahren hat sich diese Entfremdung zu einer offensichtlichen, oft an die Oberfläche ausbrechenden Feindseligkeit ausgewachsen. So möchte Kardinal Walter Casper möglicherweise zu klären versuchen, ob die Chancen für die Wiederherstellung eines interkonfessionellen Dialogs wirklich so hoffnungslos seien. Solche Chancen verminderten sich im Februar 2002 wieder einmal stark. Damals beschloss der Vatikan plötzlich, ohne die Hierarchen der russisch-orthodoxen Kirche in Kenntnis davon zu setzen, den Status der katholischen Missionen in Russland zu erhöhen. Die so genannten apostolischen Verwaltungen, d. h. im Grunde provisorische Gebilde, wurden mit einem Male zu vollwertigen Eparchien erhoben. Nach Ansicht der Moskauer Patriarchie sei man mit Russland umgegangen, als wäre es ein weiteres westliches Land und nicht das traditionelle Bollwerk der Orthodoxie.

In den Weiten Russlands qualifizierte man den Schritt des katholischen Rom als einen Proselytentum reinen Wassers, d. h. als eine unwürdige Abwerbung der Anhänger der einheimischen Kirche, und das obendrein auf ihrem angestammten Territorium.

Analog zum intellektuellen Brain Drain hält man den Vatikan für daran schuld, eine Art „Entweichen" der Seelen zu organisieren.

Hierbei verurteilt die rechtgläubige Kirche, wie ihre Diener erläutern, nicht einmal das Proselytentum als solches. Letzten Endes wählt der Mensch sich selbst seinen Gott, und die Konfessionen sind bis zu einem gewissen Grade berechtigt, auf dem Markt der Glaubensbekenntnisse zu konkurrieren, um es einmal in der Sprache von heute auszudrücken. Es geht um jene Rücksichtslosigkeit, mit der die Abgesandten des Vatikans es als möglich erachten, die religiöse Bearbeitung der Gläubigen auf russischem Boden zu betreiben. „Die Ablehnung des Proselytentums hängt in keiner Weise mit unseren eventuellen Befürchtungen zusammen, eine andere Kirche werde eine Gruppe unserer Gläubigen entführen", erläuterte mir Vater Igor Wyschanow, Vertreter des kirchlichen Außenamtes der Moskauer Patriarchie. „Es geht um etwas anderes. Einwände ruft hervor, dass all diese Handlungen ohne jede Anerkennung der Rechte der russisch-orthodoxen Kirche unternommen werden. Als bestünde die Rechtgläubigkeit in Russland nicht heute und als hätte sie nicht jahrhundertelang bestanden." Ein weiterer Zankapfel in den Beziehungen zwischen dem Vatikan und der russischen Orthodoxie sind die seit Jahrzehnten wachsenden Spannungen um die Griechisch-Katholischen in der Ukraine. Die Uniaten, wie sie anders genannt werden, haben vor, in Kiew ihr eigenes griechisch-katholisches Patriarchat zu schaffen, und möchten Roms Segen zu diesem Schritt erwirken.

Indes sieht die Moskauer Patriarchie darin etwas wie Ketzerei, die dazu angetan ist, das Leben der Katholiken und der Rechtgläubigen in der ganzen Welt zu vergiften und sie zu einer frontalen Kollision miteinander zu führen, anstatt dass sie gemeinsam an Christus glauben.

Die russische Kirche hat die Unie von Brest von 1596 nicht vergessen, die die Orthodoxie in Polen und Litauen dem Vatikan unterstellte. Seitdem habe der Apostolische Stuhl nach Meinung der russischen Theologen danach gestrebt, seine geistliche Herrschaft auf die Ukrainer, Weißrussen und Russen zu erstrecken, die Entwicklung ihrer nationalen Kultur zu stören und sie sogar „unter das Joch der katholischen Feudalherren" zu beugen.

Nach allem zu urteilen, legt die Moskauer Patriarchie keinen Wert darauf, dass der Vatikan den Zerfall der UdSSR dazu benutze, auf den Territorien der ehemaligen Sowjetrepubliken, vor allem in der Ukraine, das Experiment jener Zeiten zu wiederholen.

In diesem Sinne war es wohl etwas riskant von Kardinal Walter Casper, seinem heutigen Moskau-Besuch ausgerechnet ein Memorandum über die Frage der Einrichtung eines uniatischen Patriarchats in der Ukraine auszuschicken. Das kann nicht umhin, bei dessen Verhandlungen mit Metropolit Kyrill beträchtliche Schwierigkeiten zu verursachen.

Der Metropolit ist mit einem mächtigen Arsenal von Argumenten gegen die Schaffung eines ukrainischen griechisch-katholischen Patriarchats bewappnet. Er bekam sie von den Oberhäuptern der orthodoxen Kirchen vieler Länder, an die das Memorandum von Kardinal Casper vorsorglich verschickt wurde. So schreibt beispielsweise der Heilige Patriarch Warfolomej von Konstantinopel in seinem Antwortbrief warnend: „Die Schaffung eines uniatischen Patriarchats in der Ukraine ... wird als ein überaus feindlicher Akt gegen die gesamte Orthodoxie betrachtet werden..." Viele Theologen erinnern an Folgendes: Das Zweite Vatikanische Konzil gelangte selbst zu dem Schluss, dass „der Uniatismus nicht mehr als eine Methode zur Erreichung der Kircheneinheit betrachtet wird". Im Ergebnis wird die Idee, mit der Kardinal Kasper nach Moskau gekommen ist, von ausnahmslos allen Oberhäuptern der rechtgläubigen Kirchen als „eine zwischen den Christen unannehmbare Methode des Proselytentums und der Abgewinnung von Gläubigen" beurteilt.

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Die Moskauer Verhandlungen, genauer informellen Arbeitsgespräche zwischen dem katholischen Kardinal und dem rechtgläubigen Metropoliten werden wohl nicht einfach werden. Vorläufig ist unbekannt, ob der Patriarch Alexij II. von Moskau und ganz Russland den Abgesandten des Vatikans, der zurzeit nicht in der Hauptstadt ist, empfängt. „Die Frage eines möglichen Treffens des Kardinals mit seiner Heiligkeit dem Patriarchen wird geprüft", sagte in einem Interview für die RIA „Nowosti" Oberpriester Wsewolod Tschaplin, stellvertretender Vorsitzender des kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats.

Erfreulich aber ist schon die Tatsache, dass das Schweigen gebrochen ist. Angesichts der neuen Übel, die die Menschheit bedrohen, halten es die beiden größten Weltkirchen nicht für möglich, auf einen Dialog zu verzichten. . (Politischer Beobachter der RIA „Nowosti" Wladimir Simonow.)