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19-02-2004 Russland und der Vatikan
Probleme der Beziehungen zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche
( Geistlicher Ioann Lapidus ) In der westlichen Argumentation, wenn man die Beziehungen zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Römisch-Katholischen Kirche analysiert, überwiegen recht stabile Schablonen.

Es gibt eine „nicht gute" Russische Orthodoxe Kirche, ein gewisses Bollwerk des Konservatismus, der Trägheit, der mittelalterlichen Wildheit und der Xenophobie und eine „gute Römisch-Katholische Kirche", die den russischen Bürgern die hilfreiche Hand reicht und versucht, ihnen die „fortschrittliche" westliche Geistigkeit beizubringen und sie an die Schätze der westlichen Kultur heranzuführen. Den Orthodoxen legt man den Unwillen, frühere Beleidigungen zu vergessen, ständige Nörgeleien an der Führung des Vatikans und fehlende Kompromissbereitschft zur Last. Wenn man aber das Pathos solcher Anschuldigungen nicht in Betracht zieht und sich den Fakten zuwendet, so kann man sich ein wirkliches Bild von den orthodox-katholischen Beziehungen machen. Es gibt zwei ernsthafte Probleme, die die Russische Orthodoxe Kirche schon mehrmals erklärt hat, und zwar den katholischen Proselytismus in Russland und der GUS sowie den Konflikt zwischen den Orthodoxen und den Griechisch-Katholiken in der Westukraine. Die Position der Römisch-Katholischen Kirche zu diesen beiden Fragen ist, gelinde gesagt, zweideutig. Einerseits versichert uns die katholische Seite bei zahlreichen Treffen mit Vertretern der Russischen Orthodoxen Kirche, auf gemeinsamen Konferenzen und in bilateralen Kommuniques ständig ihre Liebe, die brüderlichen Gefühle und die aufrichtige Achtung gegenüber der „Schwesterkirche". Andererseits bestehen in Russland Dutzende katholische Missionsorden, die sich mit aktiver Werbung der Bevölkerung für den Katholizismus befassen. Besonders unverhohlen wird das in den durch diese Orden eingerichteten Waisenhäusern getan. Warum kann man aber die Wohltätigkeit und das soziale Dienen nicht in enger Zusammenarbeit mit der Orthodoxen Kirche verwirklichen, um so mehr, als entsprechende Anordnungen für derartige Situationen durch den Vatikan noch Anfang der 90er Jahre (Dokument der Papstkommission Pro Russia 1992) erteilt wurden? Aber das gibt es nicht. Anscheinend erweist der Westen Russland die brüderliche Hilfe nicht uneigennützig, und für die Linsensuppe werden bedürftige Menschen zum Verzicht auf ihre orthodoxe „Erstgeburt" genötigt.

Nicht minder ernsthaft ist es auch um die Lage der orthodoxen Gläubigen in der Westukraine bestellt. Nach der in ihrem Ausmaß beispiellosen gewaltsamen Einnahme der Tempel der Orthodoxen Kirche Anfang der 90er Jahre stellte sich die Führung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche anscheinend die Aufgabe, mit Unterstützung durch die dortige Administration das ukrainische Territorium von der Anwesendheit orthodoxer Gläubiger für immer zu befreien. So bestehen heute zum Beispiel in Lwow nur noch zwei orthodoxe Kirchen. Die Prouniatenadministration trifft ungeachtet der Proteste der orthodoxen Gemeinde die Entscheidung, einen davon abzutragen. Im Gebiet Iwanowo-Frankowsk weigert sich die Administration, Grundstücke für den Bau von zwei orthodoxen Kirchen bereitzustellen (die bestehenden Tempel sind besetzt und werden von Uniaten gehalten). Es gibt zahlreiche Verletzungen dieser Art. Aber in keinem Fall wurden die Rechte der orthodoxen Gläubigen geschützt. Außerdem beansprucht die Griechisch-Katholische Kirche, der höchstens 10 Prozent der ukrainischen Bevölkerung angehören, gesamtnationale Befugnis und fordert beim Vatikan den Status eines Patriarchats, obwohl die überwiegende Mehrheit der Ukrainer Orthodoxe sind.

Es entsteht die Frage, worauf der beharrliche Unwille des Vatikans zurückzuführen ist, die Tätigkeit der Missionsorden in Russland und der GUS zu regeln und die Offensive des Uniatentums auf den orthodoxen Süden und Osten der Ukraine zu beenden. Im Juli 2003 veröffentlichte die Nachrichtenagentur ENI interessante Angaben, die in vieler Hinsicht helfen, die Motive der Führung der Römisch-Katholischen Kirche zu begreifen. In den letzten zehn Jahren wurden in dem traditionell katholischen Irland sieben von acht Seminaren im Zusammenhang damit geschlossen, dass nach der Beendigung des Studiums Interessenten fehlten, Priester zu werden. In den Jahren 2002-2003 gab es in 28 Seminaren Spaniens keine Abiturienten (in diesem katholischen Land gibt es insgesamt 68 Seminare). In sieben katholischen Seminaren der Slowakei werden nur 606 Studenten ausgebildet. Und ihre Zahl verringert sich jährlich. In vier Seminaren Englands und Wales gab es im abgelaufenen Jahr nur 48 Priestercheirotonien. Im katholischen Belgien ging die Zahl der Seminaristen in den letzen fünf Jahren um die Hälfte zurück und umfasst nur 26 Personen. In Frankreich mit einer Bevölkerungszahl von über 60 Millionen Einwohnern wurden 111 Personen Priester, und die Zahl der Seminaristen verringerte sich in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent. Nach Angaben per Anfang 2003 gab es keine Abiturienten in den katholischen Seminaren in Genf, Freiburg und Lausanne (Schweiz). Von allen europäischen Ländern mit traditionell katholischer Bevölkerung wächst nur in Italien und Polen die Zahl der Seminaristen und der Priestercheirotonien an.

All diese traurigen Angaben bringen auf den Gedanken, dass Russland in den Augen des Vatikans ein „ungepflücktes Feld" ist, durch dessen Anbau die Römisch-Katholische Kirche die tiefe Kaderkrise in Europa zu überwinden hofft. Angesichts der angeführten Zahlen ist es durchaus angebracht, sich an die Vatikan-Führung mit der Frage zu wenden: Aus welchem Grunde sind Sie sich eines Erfolges der katholischen Mission in Russland sicher, wenn Sie nicht in der Lage sind, in Ihrem eigenen Land die Jugend für die Kirche zu gewinnen? Vor diesem Hintergrund ist die Lage in der Russischen Orthodoxen Kirche recht aufschlussreich, die 1988 insgesamt 68 Eparchien, etwa 70 Bischöfe und etwas mehr als 7000 Geistliche zählte. Es bestanden 21 Klöster, nur 3 Seminare und 2 geistliche Akademien. Heute hat die Russische Orthodoxe Kirche über 130 Eparchien, mehr als 150 Bischöfe und über 16 000 Gemeinden, in denen etwa 20 000 Geistliche tätig sind. In mehr als 600 Klöstern ersteht das Mönchsleben wieder. Eine geistliche Ausbildung erhält man an fünf geistlichen Akademien, 33 geistlichen Seminaren, theologischen Universitäten, Hochschulen und in zahlreichen geistlichen Schulen. Allein die Moskauer geistlichen Schulen entlassen jährlich etwa 200 Absolventen, von denen die meisten Priester werden.

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Ausgehend davon, kann man sehen, dass die Russische Orthodoxe Kirche eine Konkurrenz mit der Römisch-Katholischen Kirche durchaus nicht befürchtet, wie das Vertreter des Vatikans in Russland oft erklärten (siehe zum Beispiel das Interview des Erzbischofs T. Kondrusewitsch, Oberhaupt der russischen Katholiken, mit der italienischen Zeitung Avvenire am 18.03.2002). Wir möchten, dass sich die erste Schwester aus der anfangs angeführten Geschichte anders besinnt, sich in ihren Gefühlen auskennt und sich zu ihrer genesenden Schwester wirklich christlich verhält. Die Orthodoxe Kirche wurde im Laufe von 70 Jahren grausamsten Verfolgungen durch die gottlosen Behörden ausgesetzt. Aber in den letzten 15 Jahren wies sie ihre Lebensfähigkeit und ihr kolossales Potential nach. Viel logischer wäre es für die beiden größten christlichen Kirchen, ihre Anstrengungen zu vereinigen, um die sekuläre Welt über das Zeugnis Christi gemeinsam zu informieren und die unnötige Konfrontation einzustellen. Aber für die Einstellung des Konflikts sind nicht Worte über Freundschaft und Zusammenarbeit, sondern konkrete Taten erforderlich, die vom wirklichen Streben des Vatikans zeugen, die Situation zum Besseren hin zu ändern. (RIA)