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28-08-2004 Russland und der Vatikan
Russische Ikone - Tür in den Himmel
Am 28. August kommt die wundertätige Ikone der Gottesmutter von Kasan nach Moskau, die der Papst Johannes Paul II. Russland zurückzugeben beschlossen hat. Ihre Geschichte hatte im 16. Jahrhundert begonnen, als der Moskauer Zar Iwan der Gestrenge Kasan, die Hauptstadt des tatarischen Khanats, eingenommen und die Stadt niedergebrannt hatte.

Das Mädchen Matrjona hatte diese Ikone an der Brandstätte gefunden. In jenen Tagen hatte sich die ganze Stadt in einen heißen Aschenhaufen verwandelt. Aber das auf der glühenden Kohle gefundene und auf einer nicht großen Holztafel mit Farben gemalte Bild der Gottesmutter war durch das Feuer vollkommen nicht beschädigt worden.

Dieser Fakt hatte damals die Zeitgenossen derart frappiert, dass man die Ikone gleich als ein Heiligtum anerkannt hatte.

Das Gerücht über das Wunder ging in ganz Russland um.

Die Wallfahrer zogen sich zur Ikone nach Kasan. Bald bemerkte man, dass die nicht verbrannte Ikone Wunder vollbringt, dass ein Gebet vor ihr den kranken Menschen die Heilung bringt, den wirklich gläubigen Menschen die Erfüllung ihrer reinen Wünsche schenkt und den reuenden Sündern hilft, sich vor der Versuchung zu retten.

Seit jener Zeit ist die Ikone der Gottesmutter von Kasan eine der besonders geachteten in Russland geworden. Aber plötzlich geschah das Unfassbare. Im Vorfelde einer Epoche von Revolutionen wurde sie 1904 aus der Kirche von einem gewissen Tschaikin gestohlen, der bald darauf ergriffen wurde und der während der Untersuchung gestand, dass er den wertvollen Beschlag der Ikone verkauft, das Geld versauft und die Ikone selbst verbrannt hatte.

Der Verlust der Ikone frappierte das Land. Den Kirchenraub erachtete man für ein schreckliches Zeichen für das Reich und für ein Zeichen des nahen Unterganges des Staates und der Kirche.

Die ganze Hoffnung setzte man auf zwei Kopien, die Ikonenmaler noch im 17. Jahrhundert vom wundertätigen Bild gemacht hatten. Sie erkannte man auch als wundertätige Ikonen an. Es galt, dass die eine Ikone Moskau vor der Invasion von Polen in den Jahren der Regierung des falschen Demetrius des Ersten und die andere Ikone Russland im Krieg gegen Napoleon gerettet hatte.

In den Jahren der Revolution gingen auch diese Heiligtümer verloren. Aber kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde eine der Kopien im Ausland entdeckt. Zunächst wurde sie im Nonnenkloster in Fatimi aufbewahrt und dann feierlich dem Vatikan übergeben.

Letzten Ende wurde sie zur Lieblingsikone des heutigen Papstes Johannes Paul II., vor der er in seinen persönlichen Gemächern im Papstpalast im Vatikan betete.

Wenn man in Betracht zieht, dass die Ikone der Gottesmutter von Kasan in der altrussischen Tradition der Ikonenmalerei angefertigt ist und den katholischen Gestalten vollkommen nicht gleicht, so ist die Anbetung dieser Ikone durch das Oberhaupt der römischen Kirche schon an und für sich ein erstaunlicher Fakt.

Die russische kanonische Ikone ist der volle Gegensatz zum Geist des Katholizismus. In Rom wird ein malerisches Bild zum Thema der Bibel und des Evangeliums hoch geschätzt. Der Christus und die Heiligen sind real. Sie werfen einen Schatten von der Sonne oder vom Mond. Über das Kruzifix rinnt das dichte Blut. Das Paradies gleicht einem Pastorale oder einem Ball im königlichen Palast. Im allgemeinen ist das Hauptprinzip des katholischen Bildes das emotionale Erlebnis der biblischen Ereignisse. Bei der Betrachtung des Bildes sieht der Katholik die belehrende Geschichte seines Glaubens.

Die kanonische russische Ikone stellt ein System von symbolischen Zeichen dar.

Hier ist alles Konvention. Jerusalem bedeutet Stufen für den Heiligen Geist, Golgatha ist ein Berg von gleichmäßigen Pinselstrichen. Das sind Gottes Spuren, keineswegs aber richtige Steine. Christi Blut ist nicht blutiges Gerinnsel, sondern Tropfen des erlösenden Lichtes. Es ist unmöglich, sich auf einer russische Ikone Christus mit ausgeschlagenen Zähnen und einer Haut voller Holzsplitter und Blauflecken vorzustellen, wie das zum Beispiel im genialen Isenheimer Altar von Grünewald zu sehen ist. Dort ist Christus durch Folterungen in ein Stück blutiges Fleisch verwandelt, das die Peiniger an ein Kreuz geschlagen haben.

Auf der russischen Ikone zeigt Christus am Kreuz absolut keine Spuren von den Peitschen der Römer oder den Folterungen der Henker. Er ist nicht an ein Holz angenagelt, sondern schwebt über der Welt. Und seine Arme sind ausgebreitet, um das Weltall zu umarmen. Hier gibt es keinen Platz für Gefühle, hier herrscht nicht die Wahrheit des Faktes, vielmehr die höchste Wahrheit des Geschehens, es leuchtet der eigentliche Sinn der Ereignisse.

Die Sixtinische Madonna von Raffael hält ein Kind in den Armen - und man sieht, dass das Kind ein bestimmtes Gewicht hat.

Auf dem Arm der Muttergottes des russischen Meisters Dionysios ist das Kind heilig und scheint gewichtlos zu sein.

Eine kanonische russische Ikone ist nicht leicht zu verstehen.

Der Theologe Fürst Jewgeni Trubezkoj nannte die Ikone eine "Kontemplation in Farbe".

"Eine Ikone stellt nichts dar, sie erscheint", schreibt der zeitgenössische große russische Ikonenmaler Vater Sinon.

Ihr Sinn ist es, die Anwesenheit von Gott wiederzugeben, nicht ein Bild fürs Auge, sondern den Blick Gottes darzustellen.

Die rechtgläubigen Mystiker vertreten die Auffassung, dass ein Ikonenmaler nicht Gott durch das eigene Können verdecken darf, dass er sich im Akt der Ikonenmalerei aufzulösen habe. Dann werde eine Ikone echt. Sie transliere die Allmacht des Herrn vom Himmel herab. Eben diese Eigenschaft, Gottes Allmacht zu translieren, mache aus einer Ikone einen wundertätigen Engel, der, vom Himmel in die Kirche, direkt zum Betenden herabgestiegen, sein Gebet höre, seine Gedanken lese und seinem Flehen das Ohr leihe.

Dieser Glaube an die Verschmelzung mit Gott unterscheidet eben eine rechtgläubige von einer katholischen Ikone.

Die Katholiken pflegen einen Kult der Distanz zwischen sich und Gott, einen Kult der Kirche als Mittelpunkt von Malerei und Musik, Schönheit und Predigt. Darin liegt eine eigene Warheit und Kraft.

Die Rechtgläubigen haben einen Kult der Nähe zu Gott, einen Kult eines sich vollziehenden Sakraments. Und auch das ist unschätzbar.

Die römische Kathedrale ist ein Gespräch mit Gott, die russische Kathedrale ist das Schweigen, bei dem kein Dialog, keine Plauderei mit Gott auch nur denkbar sind. Die katholische Malerei richtet sich an Herz und Hirn des Menschen, sie lässt einen zum Himmel aufsteigen wie mit einem Aufzug. Die russische Ikone richtet sich nur an Gott, sie selbst aber muss zu nichts werden, zur Leere, zu einer Serie von Zeichen, sie muss sich öffnen wie eine Tür zum magischen Tunnel, auf dass Gott vom Himmel hinabsteige und in dich eingehe. Der Betrachter einer russischen Ikone muss gleichsam erblinden vom göttlichen Licht.

"Nicht wir sehen eine Ikone an, die Ikone sieht uns an", sagte Trubezkoj.

Beide Traditionen, die katholische und die rechtgläubige, haben ihre Vorzüge, doch scheint es unmöglich, sie ohne gegenseitige Verluste einander anzunähern. Und doch ist die aufregende Odyssee der rechtgläubigen Ikone, die durch schmutzige und saubere Hände gegangen und von den Brandstätten der Revolution in die privaten Gemächer des Papstes gekommen ist und nun von ihm der rechtgläubigen Welt zurückgegeben wird, schon an sich eine gegenseitige Annäherung. (Anatoli Koroljow, politischer Kommentator der RIA Nowosti).