Deutschland hat einen neuen Botschafter in Russland. Clemens von Goetze trat am 20. Juli die Nachfolge Alexander Graf Lambsdorffs an. Eine Personalie auf einem der derzeit schwierigsten Posten der deutschen Diplomatie – die in Deutschland bislang dennoch kaum Beachtung findet.
Von Goetze ist kein Neuling für diplomatische Krisengebiete. Der 63-Jährige war bereits deutscher Botschafter in Israel, China, Japan und zuletzt Mexiko. Im Auswärtigen Amt leitete er zuvor die Politische Abteilung 3, die für Afrika, Asien, Lateinamerika sowie den Nahen und Mittleren Osten zuständig ist. Russische Medien bezeichnen ihn als erfahrenen Krisendiplomaten.
Dass Berlin ausgerechnet einen Diplomaten mit dieser Laufbahn nach Moskau entsendet, ist zumindest bemerkenswert. Die deutsch-russischen Beziehungen befinden sich auf ihrem Tiefpunkt. Botschafter werden regelmäßig einbestellt, Diplomaten ausgewiesen, Vorwürfe wegen Cyberangriffen und Sabotage ausgetauscht. Russland wiederum wirft Deutschland eine zunehmende Beteiligung am Krieg in der Ukraine und neuerdings sogar mögliche Ambitionen auf eigene Atomwaffen vor.
Von Goetzes Vorgänger Lambsdorff hatte den Moskauer Posten seit August 2023 inne. Kurz vor seiner Abreise wurde er am 13. Juli noch einmal ins russische Außenministerium einbestellt. Lambsdorff wechselt nun als deutscher Botschafter nach Israel – ebenfalls kein ruhiger Dienstort.
Der neue Mann in Moskau dürfte zunächst wenig Spielraum besitzen. Die offiziellen Kontakte zwischen beiden Regierungen sind stark eingeschränkt, und eine grundlegende politische Kursänderung ist weder in Berlin noch in Moskau erkennbar. Die Aufgabe eines Botschafters besteht unter solchen Bedingungen weniger darin, große Abkommen auszuhandeln, als überhaupt noch Gesprächskanäle offen zu halten.
Gerade deshalb ist die Besetzung nicht bedeutungslos. Erst vor wenigen Tagen bestätigte der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew, dass sich deutsche und russische Vertreter in Baku zu vertraulichen Gesprächen getroffen hatten. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte anschließend, von dem Treffen nichts gewusst zu haben, zeigte sich aber grundsätzlich offen für Kontakte mit Moskau.
Ob von Goetze bei solchen vorsichtigen Annäherungsversuchen eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten. Seine Ernennung allein ist noch kein Signal für eine politische Entspannung. Sie zeigt jedoch, dass Berlin den Moskauer Botschafterposten trotz aller Konfrontation weiterhin mit einem besonders erfahrenen Diplomaten besetzt.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Nachricht: Während öffentlich fast nur noch über Aufrüstung, Sanktionen und gegenseitige Drohungen gesprochen wird, wird die diplomatische Verbindung nicht gekappt. Sie wird neu besetzt.
Dass dies kaum jemanden interessiert, sagt möglicherweise mehr über den Zustand der deutsch-russischen Beziehungen aus als die Ernennung selbst. Diplomatie wird heute erst dann zur Nachricht, wenn sie scheitert.

COMMENTS