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01-09-2004 Metroanschlag 31.8.2004
Unsere Gelassenheit - unsere Antwort den Terroristen, sagen die Moskauer
Auf dem Gehweg an der Metrostation Rischskaja in Moskau sieht man Kerzen und Blumen... Noch am Dienstagabend, als die Tragödie bekannt wurde, brachte man die ersten.

Die Detonation nahe dem Kaufhaus Krestowskij ist ein neues Glied in der Kette von Terroranschlägen, zu denen auch der Absturz von zwei Passagierflugzeugen gehört. Doch schon am Mittwochmorgen ereilte uns die Nachricht von einer neuen Tragödie: In Nordossetien wurde eine Schule besetzt. Nach vorläufigen Angaben befinden sich in Beslan etwa 200 Kinder und Eltern als Geiseln in der Hand von Terroristen.

"Ziel all dieser Terroranschläge ist es, Angst zu schüren, Panik zu verbreiten, Hysterie in der Gesellschaft zu entfachen. Das gelang nicht, und das ist ein Zeichen, welches Hoffnung gibt", sagte in einem Gespräch mit RIA Nowosti Gleb Pawlowskij vom Fonds für effektive Politik.

Das Leben in der russischen Hauptstadt geht unterdessen weiter. Schüler mit Blumensträußen, die scharenweise in die Schulen strömen, weisen darauf hin: Es ist der Tag des Schulbeginns und der Tag des Friedens.

"Wir schulen unsere kleine Tochter Schura ein; wir haben so lange auf diesen Tag gewartet. Doch war natürlich die Stimmung der Eltern bei der Feier gedrückt. Alle verstehen, dass über uns die Gefahr neuer Terroranschläge schwebt", so schildert Jelena Trojanowa aus Moskau ihre Eindrücke. "Es war fürchterlich und ungewohnt, den wachsam um sich blickenden Polizisten in der Schule vorzufinden, als wir unsere Erstklässler ablieferten".

Die Straßen und Metrostationen Moskaus zeigen sich wie üblich: Keine verstärkten Überwachungen der Silowiki fallen einem ins Auge. Und doch, die Leute sind angespannt und hören die Extraausgaben der Nachrichtensendungen aufmerksam.

"Was haben ihnen die Kinder getan?! Und das sind gottesgläubige Menschen?", so bringt eine ältere Verkäuferin von Ansichtskarten ihre Sorgen um das Schicksal der Geiseln auf einen Nenner.

Die Moskauer sagen, man darf sich nicht mit den Tragödien abfinden, aber man muss lernen, mit diesem Krieg und dem unsichtbaren Feind zu leben.

"Gewöhnliche Straßen, Ströme von Autos, in den Cafes trinken die Leute ein Tässchen ... Ich denke, so fühlen auch meine Freunde in Jerusalem. Sie sagen, die Gefahr von Terroranschlägen wurde zu einer Gewohnheit im Alltagsleben. Und das ist ihre Antwort auf den Terrorismus. So ist es sicherlich auch. Wir leben, und auf diese Weise fordern wir sie heraus", sagte Vika, eine junge Künstlerin.

Diejenigen, die einen Terroranschlag überlebten, haben Angst vor der Metro und leiden an Klaustrophobie, erfuhr RIA Nowosti im Gesamtrussischen Zentrum für Katastrophenmedizin.

"Natürlich ist jeder Fall eine individuelle Angelegenheit. Doch ich weiß, viele, die einen Terroranschlag überlebten, fürchten sich vor der Metro und leiden an Klaustrophobie", berichtete der Chefarzt des Krankrenhauses dieses Zentrums, Valeri Schabanow.

Ihm zufolge fuhren gestern zwei Teams des Krankenhauses zur Metrostation Rischskaja. "Unter den Traumaerscheinungen trat der Schock wegen der Detonation und wegen Verbrennungen in den Vordergrund", so sein Bericht.

"Der psychische Schock tritt bei den Leuten in dieser Situation verschieden auf: die einen werden nervös und laufen hin und her; andere heulen", so fügte er hinzu.

Der Arzt hebt hervor, dass es sehr wichtig ist, die Opfer rechtzeitig psychologisch zu betreuen. "Stress kann sich auf die physischen Werte auswirken: Druck und Kreislauf. Möglicherweise ruft er chronische Krankheiten hervor", so Schabanow.

"Günstig wirkt sich schon allein der Umstand auf den Zustand der Leute aus, dass sie medizinisch betreut werden. Wenn alles gut organisiert ist, sowohl von Seiten der Polizei wie auch von Seiten der Ersten Hilfe, dann fühlen sich die Menschen nicht allein gelassen und beruhigen sich", stellt der Gesprächspartner von RIA Nowosti fest.

"Vor 10 Jahren hätte noch niemand gewusst, wie man schnell auf eine solche Tragödie reagieren soll. Von ärztlicher Seite her werden wir immer besser. So bitter es auch ist, davon zu sprechen, aber wir mussten Erfahrungen sammeln", so Schabanow.

Nach Angaben der Pressestelle des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) kamen bei dem Terroranschlag 10 Menschen ums Leben, und 51 Personen trugen Verletzungen davon. Der Chef des Moskauer Departements für Gesundheitswesen, Andrej Selzowskij, teilte mit, dass bei dem Anschlag insgesamt 9 Menschen ums Leben gekommen sind, darunter die Selbstmordattentäterin. (RIA)