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13-01-2005 Komi
Boomregion Republik Komi - Last oder Stütze des Geldregens?
Stimmen die Zahlen des Staatlichen Amtes für Statistik in Komi, die es letzte Woche für die ersten zehn Monate des vergangenen Jahres veröffentlichte, dann geht es der Industrie des Oblastes sehr gut. Mit einer Deutschland vergleichbaren Größe und mit der Einwohnerzahl Hamburgs steigerte das waldreiche Land an den westlichen Ausläufern des Nordurals seine Gewinne im Vergleich zum selben Zeitraum im Jahre 2003 um neunzig Prozent auf 400 Millionen Euro.

Die Wachstumsraten bei den Gewinnen beeindrucken. Hersteller von Papier und Zellulose verdienten 11 Prozent mehr, Pipeliner 23 Prozent. Das Baugewerbe steigerte den Profit um 42 Prozent, der Energiesektor um 120 Prozent. Die Ölindusrie machte ein Plus von 140 Prozent und die Ölverarbeiter eins von 180 Prozent. Die Forstindustrie prosperierte um beachtliche 230 und der Kommunikationsbereich um 240 Prozent. Die Explorateure der Erdkruste kamen auf satte 1100 Prozent.

Unter der guten Walderde und der gefrorenen Tundra liegen nicht nur riesige Mengen an Kohle, Erdöl und Erdgas sondern auch profitable Mengen der unterschiedlichsten Mineralien und Erze. Die Minenbetreiber, hauptsächlich fünf große Unternehmen, entnahmen in den ersten neun Monaten des Jahres 2004 gut 50 Prozent mehr als im vergleichbaren Zeitraum des Jahres 2003




















Für die Wirtschaft des Landes segensreich erweist sich ebenfalls, dass Komi zwischen Europa und der Halbinsel Jamal liegt. Dort schlummern Russlands riesige Erdgasblasen. Fast 90 Prozent allen russischen Erdgases sollen dort gefördert werden - global gesehen wäre das jeder vierte Kubikmeter Erdgas. Durch die Bauarbeiten an der 5000 Kilometer langen Jamal-Europa-Pipeline wird viel Geld im Transitland Komi hängen bleiben. Besonders der Erdgasmonopolist Gazprom investiert dort hohe Summen in die Zukunft des eurasischen Gasmarktes.

Auch die regionalen Goldminen eröffnen Komi neue Perspektiven, wie vor Tagen Gouverneur Wladimir Torlopow mitteilte. Nicht zu vergessen, der sichtbare Reichtum des Landes, die Bäume, holt Kapital in den Oblast Komi. Eine der größten russischen Banken, die Wneschtorgbank, will in den nächsten zwei Jahren 650 Millionen Dollar in die Forstindustrie investieren.

Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung blickt also auf ein prosperierendes Jahr 2005. Zwei Szenarien werden gehandelt. Das moderate sieht den Wachstum der Wirtschaft Komis bei 3,5 Prozent, das optimistische Szenario geht von 6 Prozent aus.Bei den Investionen rechnet man mit einer Zunahme von 17 Prozent und die Durchschnittseinkommen sollen auf etwa 320 Euro steigen. Langfristig gesehen rechnet die Regierung von Komi allein wegen der Nähe zum Jamal-Gas mit Investionen von 12 Milliarden Dollar.

Gerade gab die regionale Lukoil-Komi Gesellschaft bekannt, dass sie dieses Jahr minimal 10 Millionen Tonnen Öl fördern will. Wladimir Muljak, der Chef der Firma, werde in Komi massiv investieren. Letztes Jahr förderte sie 8,7 Millionen Tonnen, was der Menge entspricht, die alle Ölgesellschaften zusammen in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres den Böden entnahmen.

Wären da bloß nicht die unrentablen Kohlebergwerke und die 39,5 Prozent aller in Komi arbeitenden Firmen, die Defizite produzieren - das waren 2,2 Prozent mehr als im Jahre 2003, in dem auch die Förderung von Erdgas um 4,5 Prozent höher ausfiel als im vergangenen Jahr.

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Der Rückstand in sozialen und medizinischen Belangen fordert einen hohen Preis. Gesundheitsministerin Swetlana Krawtschuk mahnte zu Begin des Jahres an, in diesen Bereichen Schwerpunkte zu setzen. Komi brauche Perspektiven für die vielschichtige Bevölkerung.

Die im letzten Jahr um 12 Prozent gestiegene Arbeitslosigkeit - insgesamt 2,8 Prozent - betrifft hauptsächlich den Agrarsektor, die Transportindustrie und die Kohlebergwerke. Ferner kriselt es auf dem Energiemarkt. Seit Monaten versucht der Stromerzeuger Komienergo eine Gebührunganhebung politisch vorzubereiten. Rund zehn Prozent der Stromverbraucher könnten ihre Rechnung nicht begleichen, so eine Sprecherin der Firma. Allein in der nördlich gelegenen Stadt Workuta hätten sich Schulden von 35 Millionen Euro aufgehäuft.

Da die Regierung ausgerechnet hat, dass Komienergo mit den jetzigen Preisen im Jahre 2005 einen Gewinn von 16 Millionen Euro machen wird, weigert sie sich bisher, mit dem für Tarife zuständigen United Energy Systems (RAO UES) zu verhandeln. Die von Anatoli Tschubais geleitete Behörde will die Preise für die Wirtschaft um knapp 6 Prozent anheben, für normale Endverbraucher um circa 22 Prozent. Gouverneur Topolow dagegen will die Preise für die Industrie senken, die Bevölkerung soll nicht mehr als 5 Prozent drauflegen.

Dennoch verfügt die Republik Komi ohne Zweifel über die finanziellen Mittel, um seiner Bevölkerung ein soziales Netz knüpfen zu können, das in Relation zu den immensen Bodenschätzen steht. Moskau bietet sich an der nordeuropäischen Grenze zu Sibirien eine einmalige Gelegenheit zur weiteren Klärung einer Jahrhunderte alten Frage - ob es eher einer Stütze oder eher einer Last der Regionen Großrusslands gleicht.(hub/russland.RU)