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16-07-2013 Kaliningrad
Kulturaustausch an der Basis – der Kaliningrader Trefftisch


[von Michael Barth] Kaliningrad – Wer den lebendigen Kulturaustausch lieber im persönlichen Gespräch sucht, anstatt sich auf maßgeschneiderten Kulturaustausch-Events berieseln zu lassen und gerade in Kaliningrad weilt, sollte sich die Möglichkeit nicht entgehen lassen, einmal beim Trefftisch Deutschsprachiger vorbeizuschauen. Eine Institution, die sich durch ihre aktiven Teilnehmer nährt.


Das „Zötler“ am Leninskiy Prospekt in Kaliningrad ist das, was man hier in Russland unter einem typisch deutschen Wirtshaus versteht. Aber wie schaut ein „typisch deutsches“ Wirtshaus eigentlich aus? Zweckmäßigerweise bedient man sich dann gerne der bayrischen Touristenfolklore. Das hat Lebensart, verspricht Urgemütlichkeit und ist durch seine Traditionspflege tief im Deutschlandbild verankert. Und dann ist ja auch noch das deftige bayrische Essen und das berühmte Bier. Damit spätestens lockt man noch immer jeden Russen hinter dem Ofen vor. Passend dazu ist das „Zötler“ natürlich auch im bayrischen Folklorestil aufdekoriert. Das Auge isst ja schließlich mit.

Deutsches und Deutsche

Da passen Hopfen und Malz, die sich an der Wand die Hand reichen, doch recht gut ins rustikale Ambiente. Von kleinen Stilbrüchen, weil schon wieder allzu bayrisch-kitschig, einmal abgesehen, würde das „Zötler“ durchaus auch am Tegernsee so durchgehen. Apropos Hopfen und Malz: Natürlich wird auch ganz stilgerecht bayrisches Bier ausgeschenkt. Sie haben es vielleicht schon geahnt, „Zötler“ Bier aus Rettenberg im Allgäu, der nach eigenen Angaben ältesten Familienbrauerei in Deutschland. Auch die Küche versucht sich an der bajuwarischen Haute Cuisine. Bemüht sich, wohlgemerkt, denn die Karte ist ein fröhlich-mutiges Crossover der russischen Küche mit bayrischem Touch, beziehungsweise andersrum.

Nun findet schon seit geraumer Zeit im „Zötler“ jeden Mittwochabend eine Veranstaltung der etwas anderen Art statt. Zwei Deutsche, die jetzt in Kaliningrad leben und arbeiten, beschlossen im Jahre 2007 einen Kommunikationstreff für Deutschsprachige zu gründen. Die Initiatoren dieses „Trefftischs“, in Bayern würde man Stammtisch dazu sagen, Wolfgang Sauer, seit 2006 in Kaliningrad und Uwe Niemeier, bereits seit 1995 vor Ort, wollten damit einen zwanglosen Rahmen für den deutsch-russischen Gedankenaustausch schaffen. Die stattliche Zahl, im Schnitt etwa 15, der illusteren Teilnehmer gibt der Idee durch die Bank recht. Quer Beet decken sie sämtliche Bereiche der Gesellschaft ab.

Der Mix macht’s

Touristen, Studenten, Geschäftsleute, Diplomaten – jeder darf mitmachen. Da mag es durchaus einmal passieren, dass man sich als zufällig vorbeikommender Reisender mit dem Herrn Generalkonsul in legerer Atmosphäre austauscht. Garantiert nicht nur über Politik. Bei unserem Besuch des Trefftischs bekamen wir so die Gelegenheit mit einem russischen Notar zu sprechen, der sich um Auslandsangelegenheiten kümmert und mit einer Angestellten der schwedischen Botschaft, natürlich aus Schweden. Eine russische Choreographin und Turniertänzerin bereicherte die Gesellschaft und ein Freigeist hatte sich rechtzeitig um Immobilien an der Samland-Küste bemüht.

Heinrich, ein Landwirt aus Niedersachsen, hat sich dagegen zur Aufgabe gemacht mit deutscher Gründlichkeit Kaliningrads Felder neu zu bestellen. Für den dazu benötigten Biodiesel wiederum engagiert sich Valeri als Project Manager. Axel aus Bayern hingegen instruiert die russischen Mitarbeiter einer deutschen Imbisskette, damit die deutsche Bratwurst auch nach deutscher Bratwurst schmeckt. Denn, so sehr die Kaliningrader alles Deutsche und die Deutschen auch schätzen, gerade beim Essen ist Vertrauen gut, jedoch Kontrolle noch viel besser. Und dann war da noch die Künstlerin, die sich in Baltisk, dem früheren Pillau, auf die Suche nach den Wurzeln ihrer Familie machte.

Zu erzählen hatte jeder etwas in der geselligen Runde. Wohlgemerkt jeder etwas anderes und aus seiner Sicht. Aber genau dieser gesellschaftliche Mix verleiht dem Trefftisch seine besondere Würze. Fremd und alleine gelassen wird sich hier sicherlich niemand fühlen. Sie sehen, wenn sie tiefer in den Oblast und die Stadt Kaliningrad eintauchen wollen, erfahren möchten, wie sich das Leben vor Ort gestaltet oder einfach nur neugierig geworden sind, kommen Sie doch einfach an einem Mittwochabend ab 19.00 Uhr in den „Zötler“ am Leninskiy Prospekt No. 3 und gönnen Sie sich die netten Gespräche bei (fast) bayrischem Essen.

Photo: M. Barth

[russland.RU]
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