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20-02-2013 Kaliningrad
Heinrich Heine über das Generalkonsulat Kaliningrad
[Informationsagentur-Agenturpost] In etwas aktualisierter Form könnte der erste Absatz von Heines Loreley-Gedicht von 1824 wie folgt lauten:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein unklarer Vorgang in Kaliningrad,
der kommt mir nicht aus dem Sinn.

Im Jahre 2004 komplettierte sich die Anzahl ausländischer diplomatischer Vertretungen in Kaliningrad. Eine deutsche, langerwartete und allseits mit großer Freude begrüßte Vertretung begann seine Tätigkeit zu organisieren.



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Für das «Vorkommando», bestehend aus dem Generalkonsul Dr. Sommer und dem Konsul Michael Scholz, eine nicht einfache, aber bestimmt interessante Aufgabe. Ein Jahr später war die erste «Mannschaft» dann komplett. Man arbeitete vorübergehend im «Albertina» - nicht ideale Arbeitsbedingungen, aber immerhin ein Dach über dem Kopf. 2005 entschied man sich dann für den Kauf eines alten deutschen Hauses in der Thälmannstrasse 14 – eine «erste Adresse» wie man auf Deutsch sagen würde. Die Genehmigung zur Nutzung des Gebäudes als diplomatische Vertretung wurde seitens des russischen Staates auch sehr schnell gegeben. Man wählte den Vorabend der Anreise von Präsident Putin, Bundeskanzler Schröder und Präsident Chirac, anlässlich des 750jährigen Stadtjubiläums. Danach trat dann eine Pause in der Arbeit mit dem Gebäude ein – zumindest war für die Kaliningrader nichts zu sehen. Der Umzug in das Provisorium «Leningradskaja 4» deutete aber schon darauf hin, dass die Arbeit mit dem neuen Gebäude wohl doch etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen würde.

Das Gebäude ist kein ganz einfaches Gebäude und so ist es verständlich, dass sowohl die Bauzeit wie auch die Kosten nicht im Rahmen «des Üblichen» liegen. Zum einen handelt es sich um ein denkmalgeschütztes Gebäude und zum anderen um eine diplomatische Vertretung mit besonderen Sicherheitsanforderungen. Internationale Erfahrungen bei der Einrichtung solcher Objekte hat Deutschland ausreichend. Aber jeder Ort, so auch Kaliningrad, hat wohl so seine Besonderheiten.

Vor ein paar Tagen veröffentlichten Massenmedien einige Interna aus dem Baugeschehen.

«Nowye Koljosy – Neue Räder» Nr. 330 vom 20.02.213 begann mit den Veröffentlichungen unter dem Titel «In Geiselhaft bei den Jungs». Diese Zeitung gehört Igor Rudnikow, Abgeordneter der Gebietsduma und zuständig für internationale Fragen.

«Dima, Slawa und Gena bauen deutsches Konsulat», tituliert «Regnum» seine Presseschau (http://regnum.ru/news/tourism/1626150.html)

NewsBalt formuliert: Familie eines Abgeordneten baut das Gebäude der deutschen DipMission in Kaliningrad mit groben Verstößen (http://www.newsbalt.ru/detail/?ID=8603)

Rugrad.ru tituliert: «Firma des Sohnes von Andrej Shumilin schuldig an den Verzögerungen der Rekonstruktion des deutschen Konsulates in Kaliningrad.» (http://rugrad.eu/news/575125/)

und so weiter – viele haben sich jetzt in die Meldung eingeklingt.

In den Veröffentlichungen geht es um Anschuldigungen an die Adresse des russischen Auftragnehmers. Bauverschleppung, unklare Geldzahlungen, usbekische Bauarbeiter ohne Gehalt, Qualitätsfragen und letztendlich sogar um Anschuldigungen, dass die beauftragte Firma gar keine Lizenz für solche Bautätigkeiten haben soll. Mit gewissen süffisanten Untertönen berichten einige von den «doch sonst so oft als gründlich, pedantisch, organisatorisch veranlagten Deutschen, die nun aber der russischen (Kaliningrader) Realität zum Opfer gefallen sind. Insgesamt lesen sich alle diese Veröffentlichungen wirklich etwas abenteuerlich und es kommt einem automatisch in den Sinn: «... ich weiß nicht, was soll es bedeuten.»

Es werden einige interne Dokumente zitiert, zu denen nur ein sehr begrenzter Kreis Zugang haben kann. Wo gab es hier die «Diskretionslücke», wie kamen die Dokumente in die Hände von «Nowye Koljosy»? Und die immer stehende Frage: Wer profitiert jetzt von diesen Veröffentlichungen?

Die Baufirma, der Duma-Abgeordnete, das Generalkonsulat, der deutsche Architekt und die Zeitungen ganz bestimmt nicht. Diese Angelegenheit ist in erster Linie für Kaliningrad Imageschädigend. Alle Genannten werden erst einmal «den Kopp voll» haben, wie man so schön sagt. Wer profitiert also dann?

Nun hat sich am 18.02. auch der angesprochene Gebietsduma-Abgeordnete Andrej Shumilin zu Wort gemeldet und wird von exclav.ru (gekürzt) zitiert:

http://exclav.ru/sobyitiya/oblast/deputat-zastroyschik-o-rekonstruktsii-konsulstva-frg-v-kaliningrade-net-ne-tolko-mezhdunarodnogo-no-dazhe-prosto-skan-2.html

«Das ist nicht nur ein internationaler Skandal, das ist einfach nur ein Skandal. Der Auftragnehmer, eine Firma die mein Sohn leitet, erfüllt alle Vertragsverpflichtungen. Die Bauarbeiten gehen aktiv. Die deutsche Seite muss nun das notwendige Baumaterial liefern (Spezialfenster). Die deutsche Seite hat einen Vertreter auf der Baustelle, der jeden Tag alles bis ins Kleinste weiß.

Die deutsche Vertretung selbst zeigt sich von den Veröffentlichungen überrascht und antwortet auf eine Anfrage der Medien professionell: «Wir haben die Veröffentlichungen zur Kenntnis genommen und beschäftigen uns mit der Frage.»

Was kann man nun zu diesem Zeitpunkt sagen? Was könnte das alles bedeuten?

Probleme kommen ja nicht von heute auf morgen, sie melden sich langfristig an (wir reden hier nicht über Zahnschmerzen).

Hat der deutsche Bauverantwortliche mit den «Baupartnern» gesprochen um die Situation aufzuklären?

Es handelt sich hier zwar um ein deutsches staatliches Gebäude, aber vorläufig haben «deutsche Bauarbeiter» das Sagen. Kennen diese die «russischen Besonderheiten» und wissen diese «Bauarbeiter» wie man «korruptionsfrei» mit den Partnern sprechen muss?

Wie will man jetzt aus dieser belasteten Situation herauskommen?

Veröffentlichungen dieser Art, sollten eigentlich immer nur der letzte Schritt sein, wenn die Situation ausweglos ist. In diesem Sinne haben die «Neuen Räder» vielleicht nicht unbedingt im Sinne Deutschlands gehandelt (und der Informant schon überhaupt nicht).

Vielleicht aber waren die Interessen Deutschlands hier auch gar nicht wichtig. Vielleicht geht es um ganz andere Dinge?

«Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...»

Uwe Niemeier

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[ Uwe Niemeier/russland.RU]
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