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23-01-2013 Kaliningrad
Diaspora – Deutsch oder nicht Deutsch?
[Kolumne von Uwe Niemeier] Es gibt so Wörter, die hört man oft und vergisst sie wieder. Und dann gibt es Wörter, seltene Wörter, die man plötzlich fast täglich hört, aber selten verwendet. So ein Wort war für mich „Diaspora“ und dies im Zusammenhang mit Deutschen. Ich machte mich bei Wikipedia kundig. Da stand viel Interessantes, aber nichts, was irgendwie Bezug auf Deutschland oder die Deutschen hatte. Es gibt also keine deutsche Diaspora – zumindest nicht im ursprünglichen Sinne des Wortes.

Aber diejenigen, die mit mir über dieses Wort in der letzten Zeit sprachen, hatten trotzdem etwas Bestimmtes im Sinn: die Suche nach Organisationsformen - kulturellen, wirtschaftlichen, persönlichen, wohl weniger politischen - für Deutsche in einer bestimmten Region dieser Welt, zum Beispiel in Kaliningrad.



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Das Thema scheint für viele etwas empfindlich – auch ich gebe dies zu, trotzdem mir die Zeit seit dem Jahre 2000 gezeigt hat, dass die Befindlichkeiten in Russland/Kaliningrad zum Thema „Deutsch“ wesentlich geringer, eher positiver geworden sind. Aber wenn man mit diesem Thema alle interessierenden Momente in positiver Grundhaltung verbindet, dann gibt es wirklich nichts Empfindliches.

Wovon sprechen wir? Wir sprechen einerseits von dem merklich abgekühlten Verhältnis zwischen Deutschland und Russland einerseits. Viele haben dafür keine Erklärung, suchen danach. Wir sprechen andererseits von Deutschen in Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg in Ostpreußen, die sich hier kurz-, mittel-, langfristig oder auch für immer niedergelassen haben und versuchen, als Deutsche im russischen Kulturkreis ihr Leben zu organisieren. Es gibt aber in Kaliningrad keine zusammenhängende Gruppe, keine Organisationsform – also keine Möglichkeit sich im Rahmen eines größeren deutschen Kulturkreises auszutauschen.

Was haben wir im russischen Kaliningrad an deutschem Kulturellen?

Nun, wir haben die RusslandDeutschen, gut organisiert über das Deutsch-Russische-Haus. Veröffentlichte Zahlen sprechen von 0,6 Prozent Bevölkerungsanteil, was in konkreten Ziffern für die Stadt Kaliningrad 2.600 RusslandDeutsche und für das Gebiet ungefähr 5.000 RusslandDeutsche bedeuten würde.

Wir haben die Probstei Kaliningrad. In 42 Gemeinden sind dort rund 2.100 RusslandDeutsche oder Deutsche erfasst.

Wir haben den Kaliningrader Wirtschaftskreis, organisiert durch die Handelskammer Hamburg. Zu den monatlichen Treffen erscheinen im Durchschnitt 30 wirtschaftlich interessierte Deutsche, aber auch deutschsprachige Russen.

Es existiert der „Kaliningrad - Trefftisch Deutschsprachiger“. Registrierte Mitglieder rund 100, davon durchschnittlich 15 wöchentlich aktive Teilnehmer.

Inoffizielle Angaben sprechen von rund 30 Deutschen, die irgendwann nach 1991 von Deutschland nach Kaliningrad gekommen sind und ihren ständigen Wohnsitz im russischen Kaliningrad genommen haben.

Dann gibt es noch eine quantitativ unbekannte Gruppe von Russen, die in den Jahren nach 1991 in Deutschland studiert oder gearbeitet haben und danach wieder in ihre russische Heimat Kaliningrad zurückgekehrt sind und versuchen, ihre in Deutschland gesammelten Erfahrungen und Eindrücke im praktischen Leben einzubringen und umzusetzen.

Also gehen wir mal von einem Kaliningrader Gesamtpotential von drei- bis viertausend Menschen aus, die am deutschen und am russischen Kulturkreis interessiert sind. Also interessiert sind an einem guten Verhältnis auf allen gesellschaftlichen Gebieten zwischen Deutschland und Russland. Und interessiert sind diese Leute deshalb an einem guten Verhältnis, weil sie einfach nur gut und problemfrei leben wollen, ihr Leben genießen wollen – also das tun wollen, was in Deutschland schon seit vielen Jahren Standard ist.

Im ganz großen Rahmen existiert der St. Petersburger Dialog, wo sich die „ganz großen Politiker“ über das zwischenstaatliche Verhältnis austauschen. Da die „ganz großen Politiker“ ja die gewählten Interessenvertreter des Volkes sind, steht die Frage, warum diese dann nicht alles dafür tun um die Interessen des Volkes umzusetzen? Zum Beispiel das Thema der Visafreiheit. Natürlich kann Deutschland hier nichts im Alleingang machen – immerhin gibt es einen Schengenvertrag. Aber Deutschland hat eine Stimme und diese Stimme hat Gewicht. Während also die Russen Interesse haben, noch freier als bisher reisen zu können, so hat der Deutsche das Interesse in Russland noch leichter investieren (und Geld verdienen) zu können als bisher. Und das ist natürlich auch im Zusammenhang mit unbürokratischen Reisemöglichkeiten zu sehen. Kennen denn die „ganz großen Politiker“ die Meinung des Volkes, die Meinung der Wirtschaftsvertreter? Das jetzt herrschende Klima zwischen beiden Staaten lässt daran zweifeln. In der kürzeren geschichtlichen deutschen Vergangenheit soll das Volk ja schon einmal seiner Regierung vorgeworfen haben, die Meinung des Volkes nicht zu berücksichtigen. Und hatte dies mit dem Ruf „wir das Volk“ zum Ausdruck gebracht.

Nun brauchen wir natürlich weder in Deutschland noch in Russland und schon gar nicht in Kaliningrad ein Wende. Wir brauchen nur eine Möglichkeit eines deutsch-russischen Gedanken- und Meinungsaustausches. Und je öfter es so eine Möglichkeit gibt und je breiter die Kulturbreite der einbezogenen Teilnehmer ist, umso mehr besteht die Möglichkeit, dass die „ganz großen Politiker“ mit der gebotenen Nachdenklichkeit die gemeinsam erarbeiteten Vorschläge, Gedanken, Ideen zur Kenntnis nehmen. Die Bezeichnung „Kaliningrader Dialog“ ist etwas einfallslos. Aber an einem griffigen deutsch-russischen Begriff soll doch der Gedanke nicht scheitern!

Mitte Februar findet ein „Runder Tisch“ in Kaliningrad statt. Thema ist das deutsch-russische Verhältnis. Organisator ist das „Institut für strategische politische Forschungen der Russischen Föderation.“ Es ist sicher ein ausgezeichnetes Vorzeichen, dass dieser Runde Tisch im Deutsch-Russischen-Haus stattfindet. Übrigens, so nebenbei informiert, fühlt sich das deutsche Innenministerium für die Arbeit des Deutsch-Russischen-Hauses mit verantwortlich. Und das deutsche Innenministerium hat auch ein gehöriges Wort zu verschiedenen Themen des deutsch-russischen Verhältnisses mitzureden. Zumindest räumlich kommt man nun schon mal unter einem Dach zusammen. Und es soll ja auch noch eine Reihe anderer Themen, Aufgaben, Probleme geben, die für die deutsche Seite von Interesse sind und wo die Hilfe und Unterstützung der russischen Seite notwendig ist – vielleicht einfach mal das Stichwort „gemeinsame Sicherheitspolitik“ in die Debatte geworfen. Wie sagt ein kluger Spruch: „Leben ist Geben und Nehmen.“

Ach, ehe ich ein mögliches Potential vergesse. Es gibt Städtepartnerschaften. Seit Jahren unterhält Kaliningrad Partnerschaften mit Kiel, Rostock, Bremerhaven, Zeitz und dem Berliner Stadtbezirk Lichtenberg. Worin besteht der Sinn dieser Partnerschaften, was tun diese Städte, was tut Kaliningrad um diese Partnerschaften mit Leben zu erfüllen? Eine interessante Frage auf die ich versuchen werde Antworten in den nächsten Tagen zu erhalten.

Uwe Niemeier

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[ Uwe Niemeier/russland.RU]
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