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18-12-2012 Kaliningrad
Putins Vertreter vor Ort - Woskresenski in Kaliningrad


[Von Uwe Niemeier] Das Jahr neigt sich seinem Ende entgegen und viele ziehen Bilanz, schauen zurück auf das vergangene Jahr und treffen Einschätzungen und Ausblicke. Auch Stanislaw Woskresenski, der Vertreter des russischen Präsidenten in Kaliningrad wird dies tun. Und ich glaube, er wird mit dem Jahr 2012 zufrieden sein. Vermutlich werden Sie, liebe Leser, noch nie etwas von Woskresenski gehört haben. Deshalb möchte ich Sie mit ihm ein wenig bekannt machen. Insbesondere wenn Sie sich für Kaliningrad interessieren, sollten Sie aufmerksam lesen und sich den Namen merken.



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Stanislaw Woskresenski, ist als Putins Vertreter, seit dem 11.07.2012 bei uns in Kaliningrad. Er ist jung - 1976 geboren, also mal gerade 36 Jahre alt. Nach seiner Geburt legte er eine ganz normale sowjetische Karriere hin. Über irgendwelche herausragenden Ereignisse während seines Aufenthaltes in der Kinderkrippe und dem Kindergarten habe ich nichts gefunden und bei meinem ersten Gespräch mit ihm, wenige Tage nach seinem Amtsantritt, hat er mir darüber auch nichts erzählt.

Er besuchte die Russische ökonomische Akademie «Plechanow» und qualifizierte sich zum Thema «internationale ökonomische Beziehungen». Während die Mehrzahl der Studenten weltweit sich ein Zubrot mit irgendwelchen banalen Nebenjobs verdient, arbeitete er bereits in russischen und ausländischen Auditfirmen und beschäftigte sich mit Steuerfragen. Gleich nach Abschluss des Studiums wurde er Finanzdirektor in der Firma seines Vaters.

So ganz nebenbei arbeitete Woskresenski auch als Referent in der Expertenverwaltung von Präsident Putin. 2007 wurde er zum Stellvertreter dieser Verwaltung ernannt. Vorher war er bereits Spezialist in der Budgetkommission der Staatsduma. Merken Sie schon etwas? Wir reden hier von einem Mann der mal gerade 31 Jahre alt war!

Und er war nicht nur jung, er war auch noch klug. Mit seiner Ernennung zog er sich aus der Öffentlichkeit ein wenig zurück. Sie meinen, dass das unklug ist? Nein, wir leben in Russland und hier ticken die Uhren anders. In den Jahren 2001 – 2004 trat Woskresenski rund 100 Mal in unterschiedlichster Form an die Öffentlichkeit. Danach finden sich nur noch vier öffentliche Auftritte. Man muss in Russland genau seinen Platz kennen – wissen, wann man reden und noch besser, wann man schweigen sollte. Und die jetzige unmittelbare Nähe zur obersten Führung des Landes bedarf anscheinend auch einer besonderen, bescheideneren Verhaltensweise – eine Eigenschaft, die er sich anscheinend bis heute bewahrt hat.

Im März 2008 wurde er Stellvertreter Minister für ökonomische Entwicklung Russlands. Nicht wesentlich hervorgehoben wird in den verschiedensten Materialien über Stanislaw, das er sowohl Putin wie auch Medwedjew direkte Zuarbeit zu einigen spezifischen internationalen finanzökonomischen Fragen geleistet hatte.

Woskresenski kümmerte sich auch um konkrete Probleme ausländischer Investoren. Er half u.a. IKEA in Russland Fuß zu fassen.

Er zeichnete auch für das St. Petersburger ökonomische Forum verantwortlich(bitte nicht verwechseln mit dem Petersburger Dialog). Und er hat dem Präsidenten Zuarbeit zur Ausarbeitung der ökonomischen Politik Russlands für die Zeit 2012 – 2018 geleistet. Und er war es, der hinter den Kulissen im Rahmen von G8 und G20 die Interessen Russlands wahrgenommen hat.

Im Zusammenhang mit den Wahlen im März und der Formierung der neuen «Kommandos» von Putin und Medwedjew, waren alle davon überzeugt, dass Woskresenski Minister für Ökonomie wird. Aber er wurde es nicht. Es fand sich noch nicht mal ein Stuhl im warmen Kreml für ihn! Er wurde nach Kaliningrad verbannt.

Halt! Wollen wir mal nicht so voreilig sein. Verbannung? Kaliningrad? Ist Kaliningrad wirklich so schlimm, dass man von einem Verbannungsort reden muss? Wahrscheinlich nicht, denn welcher Präsident baut schon eine internationale Residenz an einem Verbannungsort. Also müssen wir anders herum denken. Kaliningrad hat einen so wichtigen Stellenwert für Russland, dass es notwendig ist, so einen hochqualifizierten und international erfahrenen Mann wie Stanislaw dorthin zu schicken.

Vergessen wir nicht, was das denn für eine Funktion ist, auf die er «verbannt» wurde. Er ist das rechte Ohr des Präsidenten, er ist der Vertreter, der Vertraute des Präsidenten in Kaliningrad – auch wenn er noch einen weiteren Vorgesetzten in St. Petersburg (Nord-West-Region) hat.

Nun werden Sie fragen, was denn der Gouverneur für eine Rolle spielt. Denn eigentlich sind doch die Gouverneure die Vertrauten des Präsidenten. Anscheinend doch wohl nicht, wenn wir uns die Personalrotation bis 30.06.2012 anschauen (egal mit welchen politischen Hintergedanken). Die Gouverneure haben sich auch nicht immer als loyal erwiesen. Manche sollen sogar korrupt sein – wie man so hört. Und da wurde ein weiteres «Sicherungs- und Informationselement» administrativ eingebaut. Und das ist der Präsidentenvertreter.

Und dann schreibt die Presse über die wichtigsten Aufgaben von Herrn Woskresenski. Zum einen soll er den Konflikt zwischen dem Kaliningrader Gouverneur und dem Kaliningrader Bürgermeister glätten und zum zweiten soll er Bedingungen für eine neue ökonomische Ausrichtung der Enklave unter den Bedingungen des Beitritts Russlands zur WTO schaffen.

Das kann man glauben, man kann es aber auch bleiben lassen. Ich glaube, dass er diese Aufgaben natürlich lösen soll. Aber er scheint mir mit diesen beiden Aufgaben einfach unterfordert zu sein. Also fange ich mal an zu vermuten, dass hier noch was anderes in Vorbereitung ist. So vertraut bin ich mit ihm nicht, dass er mir Staatsgeheimnisse verrät. Das zwischen uns vereinbarte Bier haben wir auch noch nicht gemeinsam getrunken. Also bleiben nur Vermutungen.

Da wurde vor kurzem vage vom «Internationalen Kongresszentrum Kaliningrad» gesprochen, da gibt es die Präsidentenresidenz in Kaliningrad, da werden vorfristig föderale Finanzmittel für den beschleunigten Bau des Airport in Kaliningrad bereitgestellt. Da geben sich nach und nach eine Reihe föderaler Minister in Kaliningrad die Klinke in die Hand. Da werden Milliarden nach Kaliningrad gepumpt für verschiedenste Investitionsobjekte mit föderaler Bedeutung. Und Putin erwähnt die besondere Lage und Bedeutung Kaliningrads in seiner Rede an die Nation Anfang Dezember – übrigens als einziger Oblast der namentlich benannt wird.

Und es gibt weitere Dinge, die nur wenige wissen. Und für all dies benötigt man starke Führungspersönlichkeiten – auf den unterschiedlichsten Stühlen der Macht. Nun, Stanislav Woskresenski scheint mir so eine Persönlichkeit zu sein.

Wenige Tage bevor Präsident Putin seine jährliche Rede an die Nation hielt, gab Stanislaw Woskresenski der Zeitung „Rossijskaja gazeta“ (Zeitung der russischen Regierung) ein Interview. Dieses Interview zeigt deutlich, dass er sich, von vielen noch unbemerkt, mit großer Energie und mit der Fähigkeit Probleme bis ins Kleinste zu analysieren, bereits umfänglich mit Kaliningrad, seinen Vor- und Nachteilen bekannt gemacht hat. Seine, aus Moskau mitgebrachte Eigenschaft, persönliche Verdienste nicht hervorzukehren, fällt einem aufmerksamen Leser beim Lesen des Interviews angenehm auf.

Woskresenski entwickelt Vorstellungen, Kaliningrad enger an das „Große Russland“ heranzuführen. Fast alle Kaliningrader fahren mehrmals im Jahr nach Westeuropa, aber nicht alle Kaliningrader waren schon irgendwann einmal im Mutterland Russland. Ein wesentlicher Hinderungsgrund sind die schlechten Verkehrsanbindungen und die hohen Tarife. Es ist einfacher und billiger nach Westen zu fahren als in die russische Heimat. Darauf wird nun Einfluss genommen und Woskresenski persönlich beschäftigt sich mit Detailfragen. Es geht um die radikale Senkung der Ticketkosten für Flüge nach Moskau und St. Petersburg, um die kontrollfreie Transitpassage von Zügen aus dem Mutterland nach Kaliningrad, bei gleichzeitiger Kürzung der Reisezeit. Wer das Originalinterview von Woskresenski liest ( http://www.rg.ru/2012/12/05/kaliningrad.html) und vielleicht auch über diese oder jene andere Information verfügt, merkt, wie detailversessen Woskresenski Probleme angeht und löst.

Auf die Frage, wie er über Kaliningrad denkt, antwortet er sachlich korrekt: „Kaliningrad ist einzigartig und die Politik und unsere Beziehungen müssen das berücksichtigen.“ Er schätzt ein, dass Kaliningrad den ersten Platz in Russland einnimmt, bezogen auf die ungenutzten Möglichkeiten. Als ich diese Äußerung von ihm gelesen habe, war ich erstaunt, wie man in einem Satz eine fundamentale Kritik vereinen kann mit einem positiven Ausblick in die Zukunft Kaliningrads.

Woskresenski erinnerte an den besonderen Status Kaliningrads als Sonderwirtschaftszone und daran, dass dieser Status einiger Korrekturen in Bezug auf den Beitritt Russlands zur WTO bedarf. Und auch Putin scheint seine Meinung zu diesem Thema nun korrigiert zu haben, wie seine Rede an die Nation bezeugt. Woskresenski legt großen Wert auf die Verbesserung des Investitionsklimas in Kaliningrad. Hierzu zählen Verbesserungen in der steuer-, zoll- und verwaltungstechnischen Arbeit, der Ausbau der Infrastruktur und des Energiesektors.

Woskresenski betonte, dass er keinen Zauberstab hat und somit auch nicht zaubern kann. Man sollte sich in Kaliningrad auf Kernprobleme konzentrieren und dem hiesigen Business freie Hand lassen für Eigeninitiative und diese bei Bedarf auch fördern. Wichtig ist, dass man sich nicht in Abhängigkeit von einem Schwerpunkt bringt. Er erinnerte an die Autoindustrie, den Schiffbau, die Informationstechnologie, den Tourismus und – das ist neu – die Entwicklung des Medizinsektors in Kaliningrad. Die in Kaliningrad vorhandenen Bildungseinrichtungen, hier hob er besonders die KANT-Universität hervor, werden einem besonderen Entwicklungsprogramm unterworfen. Wichtig ist, hochqualifizierte Fachkräfte vor Ort auszubilden und die defizitäre Arbeitskräftesituation in Kaliningrad auszugleichen und ein Potential hochqualifizierter Menschen zu schaffen, die zukünftigen Investoren bei der Umsetzung ihrer Pläne sofort zur Verfügung stehen.

Angesprochen auf die Fußballweltmeisterschaft 2018, an der auch Kaliningrad als Ausrichterstadt teilnehmen wird, erklärte er, dass dies eine einmalige Chance für Kaliningrad ist. Er sieht den Schwerpunkt nicht auf das eigentliche Ereignis fixiert, sondern auf den Prozess, der bis 2018 zu bewältigen ist. Kaliningrad erhält die Möglichkeit, mit föderaler Hilfe zu einem der modernsten Zentren Russland, wenn nicht gar Europas zu werden.

Und zum Schluss wurde er noch zur Stadt Kaliningrad an sich gefragt. Woskresenski meinte, das Kaliningrad sein eigenes Gesicht bekommen muss. Es darf nicht das passieren, was in Moskau passiert ist, wo man heute Historisches suchen und wieder ausgraben muss. Kaliningrad muss ein Aussehen erhalten, welches unverwechselbar und unzerstörbar ist. Er äußerte einen interessanten Satz:

„Wir haben hier einen einzigartigen Ort, wo verschiedene Konzepte vereint sind: das teutonische, das deutsche, das sowjetische und das neurussische Konzept. Und das müssen wir nutzen.“

Ein neuer Satz von einem neuen Politiker in Kaliningrad – was dies in der Praxis bedeutet, werden wir vielleicht in den nächsten Monaten erfahren.

Mit diesem Interview vermittelt Woskresenski nicht nur seine Ansichten zu einzelnen Themen. Er beginnt sich zu positionieren. Nun hat ein Präsidentenvertreter einen gewissen Status, der sich von dem eines Gouverneurs unterscheidet. Bei seinem Eintreffen hat der Gouverneur in überschwenglichen Worten über den neuen, jungen Präsidentenvertreter gesprochen – einmal und weiter habe ich nichts gelesen. Woskresenski hat sich bisher niemals öffentlich zum Gouverneur geäußert – Momente der Nachdenklichkeit.

Uwe Niemeier

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[ Uwe Niemeier/russland.RU]
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