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16-12-2012 Kaliningrad
Dritter Advent – ein deutscher Gottesdienst in Kaliningrad


[Von Uwe Niemeier] Wir schreiben den 16. Dezember 2012 – der dritte Advent im leicht verschneiten, noch nicht sehr kalten Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg. Für viele Deutsche ein ganz normaler vorweihnachtlicher Sonntag. Für mich nicht! Für mich war der heutige Tag eine Prämiere. Trotz meiner 58 Jahre und wegen meiner Erziehung, war ich noch nie in einem Gottesdienst und bis vor wenigen Wochen wäre mir noch nicht einmal der Gedanke daran gekommen. Nun glauben Sie aber nicht, dass mich irgendeine „Erscheinung“ bekehrt hätte. Nein, es war keine Erscheinung, es war einfach nur der neue evangelische Pfarrer Thomas Vieweg, der mit seiner Frau vor wenigen Wochen zu uns gekommen ist, um in den nächsten drei Jahren die evangelische deutsche Gemeinde in Kaliningrad zu betreuen. Und er hat mich auch nicht bekehrt, er hat mich einfach nur eingeladen.



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Ich hatte Bedenken mich zu blamieren. Aber er meinte ganz locker, dass man sich nicht blamieren kann. „Setzen Sie sich in die erste Reihe, schauen zu mir und alles andere sehen Sie dann schon.“ So gesagt, so gemacht.

Aber meine ersten Probleme fingen schon damit an, dass ich nicht wusste, was man zu einem Kirchenbesuch und Gottesdienst anzieht. Ich zog Vergleiche, erinnerte mich, dass unsere Parteiversammlungen vor 1989 auch immer etwas Besonderes waren und entschied mich für weißes Hemd mit Krawatte und Pullover. Meine rote Lieblingskrawatte habe ich gegen eine blaugestreifte ausgetauscht und Pullover deshalb, weil ich gehört hatte, dass es in den Kirchen immer kalt sein soll.

Ich war sehr zeitig da und hatte somit die Gelegenheit Propst Vieweg noch ein wenig bei seinen Vorbereitungen zum Gottesdienst zu stören. Ich erfuhr noch ein paar kleine Geheimnisse des Kirchenlebens – aber über Geheimnisse plaudert man ja nicht. Und dann ging es zum Gottesdienst. Die Kirche war nicht nur voll, sie war übervoll und die Sitzgelegenheiten weder unten noch auf der Empore reichten aus. Eine Stunde Gottesdienst vereinten Russen und Deutsche. Der Gottesdienst wurde in Deutsch gehalten und eine Dolmetscherin übersetzte. Eine sicher nicht ganz einfache Arbeit – das Kirchendeutsch.

Ich mache es kurz: ich blamierte mich nicht. Man kann auch kaum etwas verkehrt machen. Monika Vieweg, die Frau des Pastors, half mir noch ein bisschen mit der Kirchenordnung und dem Gesangsbuch und ich bekam auch einen Platz in der ersten Reihe.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es ein festliches Konzert. Arkadi Feldmann, bekannter Kulturschaffender und Leiter des Kaliningrader Sinfonieorchesters begeisterte alle Anwesenden im Verlaufe einer reichlichen Stunde mit einem bunten Mix aus Weihnachtsmusik, Wagner, Strauss – bis hin zu Tshaikowski. Das Publikum musste ihn nicht lange um eine Zugabe bitten. Aber, er hatte auch noch zwei Überraschungen – auch Prämieren. Eine sehr stimmgewaltige Sängerin, die zeitweilig zu uns nach Kaliningrad gekommen ist und den Anlass nutzte um sich vorzustellen und, was bei mir einen tiefen Eindruck hinterließ, ein junger Geiger, vielleicht 16 Jahre alt, der sich perfekt vorstellte und das Publikum zu Ovationen hinriss. Arkadi Feldmann bat anschließend den Lehrer dieses Jungen nach vorne. Und zu meinem Erstaunen sah ich ein bekanntes Gesicht. Vielleicht erinnern sich einige meiner Leser meines BLOG an den Artikel „… die Gedanken sind frei“. Dort trat, anlässlich des 70. Geburtstages des Leiters des Trefftisches Deutschsprachiger in Kaliningrad, Wolfgang Sauer, auch ein junger Mann mit einer Harmonika auf und begeisterte das Publikum. Und siehe da, er hatte den gleichen Lehrer. Also entweder hat der Lehrer nur gute Schüler oder die Schüler haben einfach nur einen guten Lehrer. Vielleicht trifft aber hier auch beides zu. Auf alle Fälle erfuhr ich während dem anschließenden gemütlichen Beisammensein, das Kaliningrad über mehrere Musikschulen und Musikakademien verfügt, die auch im gesamtrussischen Maßstab einen sehr guten Ruf genießen.

Nachdem die Teilnehmer des Gottesdienstes nun vieles für Geist und Seele bekommen hatten, lud Konsul Birmann im Namen des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad noch zu einem gemütlichen Adventsbeisammensein ein. Pastor Vieweg fand, vielleicht ein wenig besorgt wegen der unerwartet großen Anzahl Gäste und dem vorbereiteten Weihnachtsbufett, einleitende Worte, die die ca. 250 Besucher des Gottesdienstes mit Humor aufnahmen. Da ich nicht so bibelfest bin, habe ich mir nicht alles gemerkt, aber so sinngemäß: Jesus wollte das Volk mit Brot speisen. Einer der Jünger meinte besorgt, dass das vorhandene Brot vielleicht nicht für alle ausreicht. Worauf Jesus erwiderte: „Wenn jeder nur ein wenig nimmt und sich nicht der Völlerei hingibt, dann reicht es für alle.“ Nun, es hat keiner gehungert, keiner gedurstet und man musste sich auch nicht zurückhalten. Es war von allem reichlich vorhanden.

Auch Kaliningrader Prominenz war reichlich vertreten und es gab Gelegenheit, Kontakte zu erneuern oder zu pflegen, Gedanken und Ideen auszutauschen. Der deutsche Generalkonsul Dr. Krause war anwesend, der Stellvertretende Leiter der Vertretung des russischen Außenministeriums in Kaliningrad, der Stellvertretende Minister für Ökonomie, der Präsident des Deutsch-Russischen Hauses, der Leiter der Hamburger Handelskammer in Kaliningrad, der Generaldirektor BMW für Russland und viele, viele andere Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur.

Ein rundum gelungener Prämieren-Sonntag für mich. Danke an Pastor Thomas Vieweg und seine Frau Monika für die gelungene Prämiereneinladung an mich. Ich kann nicht versprechen zu jedem weiteren Gottesdienst zu kommen, aber wir bleiben im Gespräch, entweder in der Kirche am Sonntag auf dem Prospekt Mira oder am Trefftisch Deutschsprachiger Mittwochs bei den „Zötlers“.

Der deutsche Generalkonsul Dr. Krause war so freundlich, mich mit nach Hause zu nehmen und wir nutzten die Gelegenheit im Auto, um ein wenig zu plaudern. Ich war bisher immer der Meinung, das Kaliningrad für deutsche Investoren und Unternehmer nicht interessant ist. Aber seine Informationen haben mich aufhorchen lassen. Aber dazu später – in einem gesonderten Artikel hier an dieser Stelle.

Uwe Niemeier

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[ Uwe Niemeier/russland.RU]
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