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16-12-2012 Kaliningrad
Königsberger Max-Aschmann-Park – ein Denkmal kommt in Bewegung


[Von Uwe Niemeier] Unsere Alt-Königsberger Leser werden jetzt sicher ganz aufmerksam werden. Jüngere Leser, die vielleicht überhaupt keinen Bezug zu Königsberg, dem heutigen russischen Kaliningrad haben, werden emotionslos weiterlesen oder weitersurfen. Ich habe keinen Bezug zu Königsberg, aber einen engen Bezug zu Kaliningrad. Ich lebe hier seit 1995 und wie der Zufall es so will, ich lebe mitten im Max-Aschmann-Park. Zumindest war es noch 1998 so, als ich das erste Haus in Kaliningrad baute und mir eine Wohnung im Dachgeschoß einrichtete. Seit dem sind ein paar hundert Bäume gefällt, ein paar Häuser auf die freien Flächen gebaut worden und der Park ist somit etwas geschrumpft. Und ich wohne nun am Rande des Parks.




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Max-Aschmann war ein deutscher Weinhändler im alten Königsberg. Er hatte gut verdient, so gut verdient, dass er der Stadt 100.000 Taler schenkte und zur Auflage machte, dass diese Talerchen für die Einrichtung eines Parks am Stadtrand von Königsberg verwendet werden sollen. Das Ganze passierte 1903 und im Verlaufe der Zeit wuchs ein kleines Paradies heran. Nach Erzählung der Älteren ist dies der beliebteste Park der Königsberger gewesen. Bei meinen vielen Spaziergängen durch diesen Park konnte ich von der einstigen Schönheit eigentlich nichts mehr erkennen. Wie würde ein Deutscher es heute höflich formulieren: „naturbelassen.“

Man sollte sich schon trockenes Wetter aussuchen, um auf den naturbelassenen Spazierwegen nicht im Schlamm zu stehen. Ab und zu sieht man noch ein Fundament und ich stehe davor und lasse meiner Phantasie freien Lauf. Es gibt auch Gedenksteine, sowohl deutsche aus der Zeit vor 1945, wie auch russische Grabtafeln. Ich stehe vor einer dieser Tafeln und lese 55 Namen von russischen Soldaten mit Datum 1945 die hier begraben liegen und stelle mir die Frage, was es hier an dieser Stelle so Wichtiges gab, das 55 Menschen ihr Leben gegeben haben. Aber ich stehe auch am Ufer eines verschilften Sees. Der war zu deutschen Zeiten der Mittelpunkt des Parks. Im Winter gab es einen Rodelberg und ganz in der Nähe das Restaurant „Waldschlösschen.“ Das waren vermutlich die Fundamente die ich gesehen habe. Und sofort stelle ich mir wieder die Szene vor, wie die Königsberger am Wochenende bei gutem Wetter dorthin gepilgert sind und sich bei Eis, Bier und Brathähnchen von einer arbeitsreichen Woche erholt haben.

Auch heute pilgern die Kaliningrader dorthin. Es gibt keine Infrastruktur mehr, keine Restaurants, keine Papierkörbe, kein Drenagesystem, nichts, rein gar nichts. Und oftmals vergessen die Kaliningrader nach einem schönen Ausflug des Restmüll mitzunehmen. Ein Wunder eigentlich, das bei den vielen Grillstellen die im Sommer eingerichtet sind, nicht schon der halbe, noch verbliebene Wald abgebrannt ist.

Apropos Wald – das richtige Stichwort. Es ist kein einfacher Wald mit irgendwelchen Bäumen. Trotzdem sich jahrzehntelang niemand um dieses kleine Paradies gekümmert hat, sind noch jede Menge seltener Gewächse aus deutscher Zeit erhalten geblieben. Und dies ist dann wohl auch Anlass gewesen, diesem Max-Aschmann-Park einen besonderen Status im europäischen Naturerbe zu geben. Und dies wiederum war Grund, dass die europäische Gemeinschaft rund eine Million Euro zur Verfügung gestellt hat, um den Park wieder zum Leben zu erwecken. Und im Jahre 2013 sollen nun auch endlich Nägel mit Köpfen gemacht werden. Kein Wunder, denn erstens stehen die europäischen Gelder nicht ewig zur Verfügung, zweitens will sich Kaliningrad zu einem Tourismuszentrum in Europa aufhübschen, drittens beginnt sich Kaliningrad immer stärker an seine Königsberger Traditionen zu erinnern und viertens haben wir im Jahre 2018 die Fußballweltmeisterschaften. Bis dahin kommen viele Ausländer zu uns und wollen unsere Traditionsstadt besuchen. Aber was ist eine Traditionsstadt ohne Traditionen – Traditionen zum Anfassen?

Wer den Park in seinem heutigen Zustand kennt, weiß ganz genau, dass eine Million Euro für die Wiederherstellung von 68 ha Wald und Wiese weniger ist als der berühmte Tropfen. Und wenn man bedenkt, dass vielleicht auch diese Million Euro nicht effektiv verwendet wird (Sie verstehen was ich denke?), dann ist somit auch klar, dass noch weitere Gelder fließen müssen. Natürlich kommt noch Geld aus dem föderalen Haushalt und auch aus dem Gebietshaushalt und aus dem Stadtsäckel. Aber ich denke, das alles wird nicht ausreichen.

Aus Erfahrung wissen wir aber auch, dass solche Einrichtungen vielleicht auch besser in private Hände gegeben werden. Vielleicht nicht privatisiert, aber es sollte privat bewirtschaftet werden, nach einem streng mit der Stadt abgestimmten Nutzungskonzept. Ehrlich gesagt reichen fünf McDonalds-Filialen in der Stadt. Ich träume davon, dass sich ein Investor findet, der das Restaurant „Waldschlösschen“ wieder aufbaut. Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht, wie dieses Restaurant ausgesehen hat. Dann gab es eine Mini-Ausstellung im Kaliningrader Zoo. Und als ich diese Schwarz-Weiss-Aufnahmen gesehen hatte – da habe ich verstanden, warum die Alt-Königsberger Tränen in die Augen bekommen.

Am Wochenende ist der Kaliningrader Bürgermeister nun zum Thema Wiederherstellung des Max-Aschmann-Parks aufgetreten. Er hat sich zum jetzigen Zustand des Parks höflich zurückhaltend geäußert (er kann auch anders!). Das Wichtigste und natürlich wohl auch das Teuerste ist die Wiederherstellung all dessen was mit Wasser, Abwasser, Drenage zu tun hat. Weiterhin ist eine komplette Bestandsaufnahme der vorhandenen Bäume und Gewächse geplant. Im Ergebnis aller Arbeiten wird der Park in die verschiedensten Erholungs- und Nutzungszonen aufgeteilt. All diese Arbeiten (außer diesem Park werden noch 20 andere Grünzonen in der Stadt wieder hergestellt)sollen bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 abgeschlossen sein. Fast 200 Mio. Euro werden in diese Arbeiten investiert.

Damit zeigt sich wieder, dass Versäumnisse und Nachlässigkeiten der Vergangenheit uns heute teuer zu stehen kommen. Und hoffen wir auch darauf, dass die Euphorie und die Eindrücke, mit denen russische Touristen oft aus Deutschland zurückkommen, auch nachhaltig wirken bei dem Erhalt des jetzt im Interesse der Bevölkerung Geschaffenen.

Uwe Niemeier

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[ Uwe Niemeier/russland.RU]
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