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15-12-2012 Kaliningrad
Glücklicher Deutscher in Russland – ein Widerspruch?
Uwe Niemeier, ein nach eigenen Worten, gelebter „Ostelbler“, lebt seit vielen Jahren in Kaliningrad. Bei russland.RU schreibt Uwe Niemeier ab jetzt über Kaliningrad, persönlich aber authentisch, informativ und hintergründig in den Rubriken: "Kaliningrader Gebietsverwaltung", "Föderales im Kaliningrader Gebiet", "Deutsche Einrichtungen in Kaliningrad" und "Kaliningrader Stadtportal".

[Von Uwe Niemeier] Wenn wir «Glück» definieren als «Abwesenheit von Unglück», so sind sicherlich die Mehrzahl der in Russland lebenden Deutschen glücklich. Wenn wir aber Glück in irgendein Verhältnis setzen zum Wort «Zufriedenheit», so sieht das wohl schon etwas anders aus.


Ich bin glücklich – weil ich zufrieden bin. Und an der Stelle werden sicher viele schon verständnislos mit dem Kopf schütteln. Bei so viel Negativem, was man weltweit so über Russland hört ... Eben, dass ist das Problem. Man hört, aber hat es selber nicht erlebt. Man glaubt anderen und was diese erzählen. Und eine negative Nachricht glaubt man leichter – stimmt`s? Das liegt so in der Natur des Menschen. Nur eine schlechte Nachricht, ist eine gute Nachricht.

Ich verringere nun bewusst meine Leser-Quote, weil ich Positives, Glückliches berichten will. Ich war mein ganzes Leben glücklich – mit ganz wenigen, klitzekleinen Ausnahmen. Und mein Glück und meine Zufriedenheit in Russland begann eigentlich mit einem Unglück: Meiner Vertreibung aus dem Paradies.

Mein Paradies war die DDR, in der ich mich so gut eingerichtet hatte, dass mir der 03.10.1990 eigentlich wie eine Vertreibung aus dem Paradies vorkam. Mein neuer Dienstherr kürzte mir gleich erst mal mein Gehalt um 50 Prozent – was für ein Glück, denn ich hätte gar nicht gewusst, was ich mit dem vielen Geld alles anfangen sollte. Danach degradierte er mich vom Oberstleutnant der NVA zum Major der Bundeswehr. Was für ein Glück, denn das war für mich ein Grund die neue Uniform erst gar nicht anzuziehen. Und der MAD witterte in mir einen KGB-Agenten, weil ich an einer sowjetischen Militärakademie studiert hatte. Was für ein Glück, denn ich begann mir rechtzeitig Gedanken über meine Zukunft zu machen – bevor man noch irgendwo meine Stasi-Akte ausgräbt und mich «enttarnt».

Mein Füllhorn des Glücks war riesig. Während viele Ostelbler Richtung Westen gingen und ich vermutete, dass es dort bald sehr eng wird, bot man mir an in den Osten zu gehen. Na, was war ich glücklich. Und dazu noch in die nationalbewusste stolze Ukraine. Zwei Jahre erduldete ich dort das, wovor Karl Marx gewarnt hatte: Der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Aber mit einem guten Gehalt lässt sich die Ausbeutung recht gut ertragen. Mein Pech war, dass sich die in- und ausländischen Gesellschafter der Firma nicht verstanden. Und so bot man mir an, mein Glück woanders zu suchen. Ich fand es – ich bin eben ein Glückspilz.


[Kaliningrader Gebietsverwaltung]
[Föderales im Kaliningrader Gebiet]
[Deutsche Einrichtungen in Kaliningrad]
[Kaliningrader Stadtportal]


Russland sollte nun ab 1995 mein neues Paradies werden. Mein Glück in Russland begann damit, dass es eine Unmenge an Arbeit gab (wir bauten eine Duty-Free-Firma in Kaliningrad auf) und ich mir um die Gestaltung meiner Freizeit keine Sorgen machen brauchte. Und wer die ganze Zeit im Office sitzt und schuftet, der gibt auch kein Geld aus. Und so sah ich glücklich, wie meine Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär begann. Zum Glück brauchte ich mich nicht mit Politik beschäftigen oder mit Behörden – das machte alles der russische Partner. Ich war für´s Geldverdienen verantwortlich.

Dann kam die Finanzkrise 1998 in Russland. Welch ein Glück, für uns. Wir hatten eine Valutalizenz und waren die Platzhirsche und hatten keine Probleme. Die Tellerwäscherkarriere setzte sich fort. Und so nebenbei gründeten wir noch mal schnell eine Duty-Free-Firma in Sotchi und in ein paar anderen Städten im Süden. Zu unserem Pech gefiel es einigen nicht, wie glücklich wir waren und es begannen bald ein paar Unannehmlichkeiten. Wir standen kurz vor dem Bankrott. Aber zum Glück hatten wir Putin und einen einflussreichen westlichen Botschafter. Und so starteten wir 2001 mit neuen Kräften und Erfahrungen. Und so nebenbei gründeten wir noch zwei Firmen – für den Fall aller Fälle, falls wir doch mal mit einer Firma unglücklich werden sollten.

Und weil ich gerade in so einem Glückstaumel war, gründete ich auch noch meine eigene Firma, naja, nur so eine schnöde Immobilienverwaltung in Kaliningrad. Ich war glücklich, als ich ein paar mutige Investoren fand, die ein paar Millionen locker machten und so machten wir auch noch ein paar andere Kaliningrader glücklich, in dem wir deren Schrottmobilien aufkauften und daraus ein paar Behausungen «Ewrostandard» machten und diese vermieteten.

2008 hatten wir schon wieder eine Krise. Zum Glück war daran nicht Russland schuld, sondern die bösen Amerikaner. Aber wir hatten auch zu «knabbern». Keiner wollte mehr gute Wohnungen zu teuren Preisen anmieten. Und so müsste ich eigentlich heute den Amerikanern dankbar sein, denn die Krise zwang mich zum nachdenken. So kam, zum Glück, keine Langeweile auf.

Dafür kam das Gerücht auf, das Russland die Fußballweltmeisterschaften 2018 ausrichten soll. Was war ich glücklich als dann feststand, dass auch Kaliningrad Ausrichterstadt wird. In einem Glückstaumel begann ich eine neue Firma zu organisieren, eine Informationsagentur. Ich will nun auch andere Deutsche mit meinen Informationen glücklich machen. So wie geteiltes Leid halbes Leid ist, so ist eben auch geteiltes Glück ... doppeltes Glück, nicht wahr?

Ach so, im kommenden Jahr wollen wir ein Hotel eröffnen. Der Bau zog sich einige Jahre in die Länge – die Krise, Sie verstehen? Eigentlich sollte das Hotel, unweit der polnischen Grenze und direkt an der alten Reichsstrasse Nr. 1 «Berlinka» heißen. Aber vielleicht taufen wir es um: «Hotel der Glücklichen».

Und so lebe ich als Deutscher heute glücklich im russischen Kaliningrad. Meine Nachbarn sind glücklich, weil wir nun schon seit 1995 gemeinsam in einer «Kommunalka de Lux» wohnen (jeder hat sein eigenes Bett). Meine Geschäftspartner sind glücklich – alle sind dem Status des Tellerwäschers entwachsen. Die Beamten sind glücklich wenn sie mich sehen – eben weil ich immer glücklich bin und keine Probleme habe.

Und nun stelle ich mir die Frage: Warum sind nicht alle Deutschen glücklich und zufrieden in Russland. Woran liegt´s? Die Mehrzahl der Deutschen wird vermutlich in Moskau leben. Da kann ich schon verstehen, das bei dem Stress, der Hektik, dem Lärm und was weiß ich nicht noch alles ... keine Zufriedenheit aufkommt. Dafür gibt es aber mehr Kultur als bei uns in Kaliningrad – alles Glück ist eben nun doch nicht beisammen. Jetzt soll es ja auch einige nicht ganz glückliche Deutsche in Deutschland geben. Für mich zwar unverständlich, denn für die Mehrzahl der Russen ist Deutschland das Paradies. Und wenn man nicht glücklich und zufrieden ist sollte man etwas tun – nicht wahr? Wie schaut´s aus mit einer kleinen Auszeit und einem Kurztripp nach Russland – idealerweise natürlich nach Kaliningrad. Wenn Sie vielleicht das Glück in Kaliningrad nicht kaufen können (ist vermutlich teuer), aber pachten, das Glück pachten – wäre doch eine Alternative.

Ach, ich vergaß noch zu erwähnen, dass mich der Betreiber von russland.RU, ein Deutscher, vor einigen Tagen glücklich gemacht hat. Er hat für mich diese Rubrik eingerichtet und ich kann mich nun hier in schriftlicher Form austoben. Also, glücklichen Dank nochmal.

[ Uwe Niemeier/russland.RU]
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Foto: Uwe Niemeier




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