russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



15-12-2012 Kaliningrad
Kaliningrad: Leise rieselt der Schnee …


[Von Uwe Niemeier] Wie immer, so kommt auch in diesem Jahr der Winter unerwartet. Sicher trifft dieser Spruch nicht nur für Kaliningrad zu, sondern für viele andere russische Städte auch. Im Sommer wird in vielen Städten die zentrale Warmwasserversorgung für einige Wochen abgeschaltet. Dies spüren dann die Leute, denen es noch nicht gelungen ist, in ihrer Wohnung eine autonome Anlage für die Beheizung und Versorgung mit Warmwasser zu installieren. In den Neubauwohnungen ist das Problem zum Glück gelöst. Aber wozu braucht man auch im Sommer warmes Wasser?




Werbung


Begründet wird die Abschaltung immer mit prophylaktischen Arbeiten in den Heizkraftwerken, damit im Winter keine Havarien passieren. Ich selber hatte das zweifelhafte Vergnügen während meines Studiums, vier Jahre lang dieses technisch-prophylaktische Wunder beobachten zu können. Natürlich kam es trotzdem im Winter zu Ausfällen der Heizung und Warmwasserversorgung. Aber wer erinnerte sich denn schon daran, dass die Anlage doch eigentlich tiptop in Ordnung sein sollte. Der Sowjetbürger kannte es nicht anders und nahm das, was einen „Wessi“ auf die Palme bringen würde, als Gott gegeben … eh, als von Lenin so geplant, in Demut und ohne Barmen hin.

Was mich in Leningrad (bitte, nicht St. Petersburg!!) beeindruckte, war die winterliche Straßenberäumung. So ganz einfache Maschinen, also Autos die ein Transportband hatten und so am Ende des Transportbandes zwei Grapscherschaufler – keine Ahnung wie das richtig heißt, aber die grapschten den Schnee weg und gleich rauf auf das Auto und weg und ab in die Newa oder den Finnski-Saliw. Wir reden hier über die Zeit des tiefsten Kommunismus. Da klappte die Schneeberäumung. Heute gibt es aber anscheinend diese Grapscher nicht mehr – ich habe sie noch nie in Kaliningrad gesehen. Kommunismus weg – Schneegrapscher weg.

Aber, eigentlich sind die Grapscher oder andere, vielleicht etwas modernere Technik sowieso nicht nötig. Was für ein Aufwand und wie viel Geld die Straßenberäumung kostet. Irgendwann wird es doch wärmer und dann taut der Schnee von alleine weg – nicht wahr? So denken anscheinend seit Jahren die Verantwortlichen in Kaliningrad. Wer im Sommer einige Wochen ohne warmes Wasser auskommt, der wird doch wohl ein paar Wochen im Winter mit kaltem Schnee aushalten.

Nein, die Bürger sind anspruchsvoller geworden. Viele bezahlen nun schon ihre Steuern und wollen dafür auch eine Gegenleistung. Die letzten beiden Jahre hat es Kaliningrad mit dem Schnee ziemlich heftig erwischt. Wir gehörten zu den Regionen mit dem größten Schneefall. Gut, ich gebe zu, dass Vorbereitungen auf den Winter immer auf Erfahrungswerten der vergangenen Jahre beruhen sollten und wenn es dann mal ganz dicke kommt, sollte man auch eine gewisse Kulanz zeigen und die Stadt bei der Schneeberäumung mit Eigeninitiative unterstützen – na so, wie Lenin das damals mit dem Subbotnik angeregt hatte.

Nun klappte aber die Schneeberäumung schon die letzten beiden Jahre nicht, aber jetzt, jetzt klappt alles bestens – so vermeldeten zumindest die Verantwortlichen bereit Mitte des Jahres. Was wurde da nicht alles geschrieben von neuer Supertechnik und Sand und Salz und und und. Und jetzt - der Winter kam unerwartet - fand eine Sitzung der Kaliningrader Regierung statt. Der amtsführende Minister für Infrastruktur zeigte wohl seine völlige Inkompetenz, als er meldete, dass nur ein Bruchteil der benötigten Technik vorhanden ist und das das Geld hinten und vorne nicht reicht. Er zitierte eine aufwendige Statistik: Elf Straßenreinigungsfirmen verfügen über 241 Stück Technik. Ob in der Zahl 241 auch Schubkarren mit einfließen, ging aus den, mir vorliegenden Meldungen nicht hervor. Auf Fragen des Gouverneurs konnte der Herr Minister i.A. nicht antworten. Der Gouverneur nutzte die Gelegenheit, um mal wieder einem Minister publikumswirksam die Kündigung nahezulegen. Ein tolles Regierungskollektiv (oder auch -team, wie Sie wollen). Die Verkehrspolizei beeilte sich dann auch gleich noch mitzuteilen, dass die Hälfte der gemeldeten Technik bereits den Abschreibungszyklus überschritten hat.

Steht die Frage, warum ich mich über die Angelegenheit so echauffiere? Nun, ich habe die letzten beiden Jahre in Kaliningrad erlebt, wo der Schnee teilweise mannshoch lag. Und die Wetterfrösche haben für dieses Jahr für Russland eine Vorhersage getroffen, dass der seit zwanzig Jahren schärfste Winter erwartet wird, sowohl zu den Temperaturen wie auch zu den Schneemengen. Na dann: Schipp Schipp Hurra!

[ Uwe Niemeier/russland.RU]
Das hat mir gut gefallen… Flattr this

Bild: Eugen von Arb / Sankt Petersburger Herold