Erklärungsversuch: Unterschiedliche Akzeptanz von Homosexualität in Deutschland und Russland

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Am 30. Juni 2017 beschloss der Deutsche Bundestag mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linken sowie einem Teil der Unionsfraktion die vollständige Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare bei der Eheschließung. Nachdem in den letzten Jahren und Jahrzehnten seitens des Gesetzgebers bereits diverse Benachteiligungen von Homosexuellen abgebaut wurden, markiert dieser Schritt die Beseitigung der letzten Differenzen auf rechtlicher Ebene. Dabei ist zu beachten, dass bis zur Abschwächung des §175 im Jahr 1969 homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen mit Gefängnis bestraft wurden und der Paragraph erst 1994 komplett aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde.

In Russland werden gleichgeschlechtliche Handlungen nicht strafrechtlich verfolgt, doch das staatliche Handeln trägt zu einer insgesamt weitaus geringeren Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung als in Deutschland bei. So gilt seit 2013 etwa das international kontrovers diskutierte Gesetz gegen homosexuelle Propaganda, welches die öffentliche Zurschaustellung gleichgeschlechtlicher Beziehungen sowie deren positive mediale Rezeption unter Strafe stellt. Fundament für die ausgeprägte Heteronormativität ist in erster Linie das in der Gesellschaft fest verankerte Idealbild der traditionellen Familie, welches stark von der russisch-orthodoxen Kirche getragen und unterstützt wird.

Bedingungen für den Wandel gesellschaftlicher Einstellungen

Vor dem Hintergrund der massiven Veränderung der Einstellung in Deutschland stellt sich nun die Frage, wie diese zu Stande gekommen ist. Grundlage dafür ist ein Wandel der gesellschaftlichen Betonung bestimmter Werte. Schließlich befindet sich das vom Staat gesetzte Recht in einem stetigen Spannungsfeld mit gesamtgesellschaftlichen, im Diskurs ausgehandelten Gerechtigkeitsvorstellungen. Ändern sich im Laufe der Zeit derartige Gerechtigkeitsvorstellungen zu bestimmten Themen, entstehen aus den daraus resultierenden Divergenzen mit dem gesetzten Recht politisch-gesellschaftliche Spannungen, welche nicht selten in einer Anpassung der Gesetzgebung münden.

Eine der herausragenden sozialwissenschaftlichen Studien der letzten Jahrzehnte beschäftigt sich mit dem beschriebenen Wertewandel. Ihr Autor Ronald Inglehart sieht als Ursache für diesen Wandel den Übergang von der Moderne zur Postmoderne. Seinen Ausführungen zufolge kann die Kultur das politische und ökonomische Leben formen. Jedoch ist es ebenfalls möglich, so seine zentrale These, dass bedeutende sozioökonomische Veränderungen die Kultur umgestalten können.

Inglehart präsentiert in seiner Studie eine dreistufige Theorie zur Veranschaulichung des Unterschieds zwischen Moderne und Postmoderne. Die erste Stufe stellt die vormoderne Gesellschaft dar, bei welcher es sich um eine Mangelgesellschaft handelt. Sie ist religiös geprägt, darüber hinaus spielen gemeinschaftliche Werte eine große Rolle. Mit der Zeit fand durch die Industrialisierung der Übergang zur modernen Gesellschaft bzw. Industriegesellschaft statt. Diese ist gekennzeichnet von dem Streben nach Leistung, Wohlstand und Sicherheit, ein weiteres Ziel besteht in der Überwindung der Armut.

Bei der Autorität der modernen Gesellschaft handelt es sich in zunehmendem Maße um eine säkular-rechtsstaatliche Autorität, welche jedoch noch in bedeutendem Maße traditionell-religiöse Aspekte beinhaltet. Schließlich findet im Rahmen der Postmodernisierung der Übergang zur postmodernen Gesellschaft statt. Sie ist geprägt von einer immer schwächeren Betonung von traditioneller Autorität. Es liegt ein hoher Lebensstandard vor, weiterhin kann von einer Konsum- und Dienstleistungsgesellschaft gesprochen werden. Primäres Ziel ist die Selbstverwirklichung der Individuen, das maximale Wohlbefinden steht im Mittelpunkt. Bei diesem Wohlbefinden geht es primär um nichtmaterielle Werte wie etwa die Neigung zu politischer Freiheit und Umweltschutz.

Grundlage für Ingleharts Theorie ist der abnehmende Grenznutzen ökonomischen Wachstums. Hier wird anhand einer Bedürfnispyramide argumentiert: Sobald grundlegende Bedürfnisse gesichert sind und darüber hinaus ein gewisser Lebensstandard besteht, ist ein weiterer Zuwachs in materieller Hinsicht ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit einer steigenden Lebensqualität verbunden (Easterlin-Paradox). Daraus folgt, dass ökonomische Faktoren nur unter Bedingungen der Knappheit eine Rolle spielen – sobald die Knappheit zurückgeht, wird eine Gesellschaft zunehmend von postmateriellen Faktoren geprägt. Dies geschieht, weil sich die Kultur durch Prozesse von zufälliger Mutation und natürlicher Selektion an die gegebene Umwelt anpasst.

Materieller Wohlstand in Deutschland erheblich höher als in Russland

Der durchschnittliche materielle Besitz der Deutschen ist seit der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 stark angestiegen. Ein guter Indikator hierfür ist die Lohnminute: So musste laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft im Jahr 1960 ein durchschnittlicher Arbeitnehmer für 1 Kg Käse eine Stunde und 38 Minuten arbeiten, wohingegen dieser Wert für 1991 auf 38 min und für 2013 auf 29 min gesunken ist – insgesamt ist der Teil des dispositiven Einkommens, welcher zur Befriedigung von Grundbedürfnissen aufgewendet werden musste, massiv gesunken. 2016 war das deutsche BIP pro Kopf nach Kaufkraft laut IWF mit 48.111 $ eines der höchsten der Welt. Vor dem Hintergrund der zentralen These von Inglehart verbinden sich diese bedeutenden sozioökonomischen Veränderungen mit einem tiefgreifenden Wandel des sozialen Miteinanders.

Durch materiellen Besitz im Überfluss rückte für den Einzelnen in den letzten Jahren und Jahrzehnten zunehmend das postmaterielle Ziel der Selbstverwirklichung in den Vordergrund. Damit verbindet sich ein sukzessives Abschmelzen von traditionellen Autoritäten und deren Normen. So waren etwa die beiden großen christlichen Kirchen in den 50er und 60er Jahren tief im persönlichen Bewusstsein der Deutschen verankert. Sie postulierten ein traditionelles Rollenbild der Familie, hielten dieses für naturgegeben und als dementsprechend einzige legitime Form menschlichen Zusammenlebens. Schon das Aufkommen der 68er markierte einen bedeutenden Bruch mit dem Althergebrachten, mit der Parole „Das Private ist politisch“ wurde gezeigt, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung nicht in Stein gemeißelt ist und entsprechend dieser Kontingenz auch Formen des Zusammenlebens abseits traditioneller Normen möglich sind. 1983 zog dann mit den Grünen eine explizit postmaterielle Partei in den Bundestag ein und etablierte sich fest im deutschen Parteiengefüge.

Situation in Russland und Ausblick in die Zukunft

An den gezeigten Beispielen zeigt sich der Übergang der deutschen Gesellschaft von der Moderne zur Postmoderne. Im Rahmen dieser Entwicklung fand eine zunehmende gesellschaftliche Öffnung gegenüber Homosexualität statt. In Russland dagegen beträgt das BIP pro Kopf nach Kaufkraft 2016 laut IWF nur 25.965 $ – dennoch entspricht dies im Vergleich zum Ende der 90er Jahre nahezu einer Verdopplung. Zu berücksichtigen ist, dass erst seit dieser Zeit der materielle Wohlstand der Russen wächst – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war Russland zunächst von einer Reihe schwerer Krisen geprägt. Zwar sagt das BIP pro Kopf nach Kaufkraft nichts über das Niveau der Einkommen eines Durchschnittsrussen aus, doch bei einem derart signifikanten Anstieg wie in Russland ist davon auszugehen, dass sich auch für die kleinen Leute eine Verbesserung des Lebensstandards ergeben hat.

Verglichen mit der Entwicklung in der Bundesrepublik lässt sich sagen, dass sich Russland heute in etwa auf dem Niveau befindet, was Deutschland bereits vor 50 Jahren erreicht hat. Gemäß dem Modell von Inglehart befindet sich Russland auf der Stufe der Moderne, welche von dem Streben nach materiellem Wohlstand geprägt ist. Traditionelle Autoritäten wie die russisch-orthodoxe Kirche sind stark ausgeprägt und tragen zu einem gesellschaftlichen Klima bei, welches Homosexualität in großen Teilen als Normabweichung erachtet. Zudem spielt die Familie für viele Russen eine herausragende Rolle.

Die Theorie von Inglehart eignet sich über den vorgestellten Sachverhalt der Homosexualität hinaus ausgezeichnet für die Analyse weiterer gesellschaftlicher Differenzen zwischen Russland und Deutschland. Derartige Unterschiede lassen sich häufig aufgrund der unterschiedlichen Betonung materieller bzw. postmaterieller Ziele erklären. Medial wird häufig über die Homophobie in Russland berichtet – ein Vergleich mit der Situation in Deutschland, welche von nicht allzu langer Zeit ähnlich war, unterbleibt dabei. Es wird sich zeigen, ob bei weiter steigendem materiellen Wohlstand in Russland analog zur Entwicklung in Deutschland ebenfalls eine Zuwendung zu postmateriellen Zielen stattfindet und der Aspekt der Selbstverwirklichung fernab traditioneller Autoritäten stärker in den Vordergrund rückt.

[Julian Müller / russland.NEWS]