Ein Nebenprodukt – ist Angst vor dem Schnurrbartträger angesagt?

Meinungen aus der russischen oppositionellen Medienlandschaft

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Der Journalist Iwan Dawydow schreibt für die oppositionelle Zeitung „Republic“ über die Rückkehr des Stalinismus. „Vielleicht ist dieses Phänomen nur die Folge des späten Putinismus“, fragt er sich.

„Ich fuhr zur Oma in die Ferien. Alles wie immer – erst die dritte Klasse im Zug, dann der Bus, der zwischen Anhöhen und Schluchten über die furchtbare russische Straße huschte. Im Zug boten taubstumme Verkäufer von nichtsnutzigen Dingen den schlaflosen Passagieren Fotos an – irgendwelche kolorierten indischen Götter mit schlenkernden Armen und einen pathetischen schwarzweißen Generalissimus. Für einen Rubel kaufte ich den Generalissimus – ich weiß nicht mal, warum. Als ich bei Oma ankam, stellte ich das Bild hinters Glas in den Schrank.

„Weg mit dem pockennarbigen Drecksack“, sagte Oma. Und das sagte sie so, dass ich mich nicht traute, nach dem Grund zu fragen.

Die Perestroika war gerade noch im Werde-Zustand, und die modischen hauptstädtischen Magazine las Oma nicht. Aber in der Hauptsache hatte sie mehr Ahnung als ich.

Die Quellen der Leidenschaft

Stalin ist wieder in Mode. Eine aktuelle Umfrage des Lewada-Zentrums zeigt den Führer der Völker im Rating der Beliebtheit historischer Persönlichkeiten auf dem ersten Platz. In der Moskauer staatlichen juristischen Akademie ist ein Skandal ausgebrochen: Im Korridor wurde eine Gedenktafel aus dem Jahr 1949 entdeckt, die in der Zeit der Entlarvung des Personenkults entfernt worden war. „Am 17. Juni 1924 trat in diesem Saal Iossif Wissarionowitsch Stalin auf“, verkündet sie. Der Kultanwalt Genrich Resnik verlässt aus Protest gegen die Rehabilitierung des Kults den Kreis der Professoren. Dozenten der Hochschule für Wirtschaft verweigern gemeinsame Veranstaltungen mit der Jura-Akademie. Die Akademie rechtfertigt sich mit kindlicher Naivität und beruft sich auf irgendeine sowjetische Weisung, die längst verschimmelt ist, aber nicht aufgehoben wurde.

Die Intelligenzija schimpft gewöhnlich auf das Volk, das geneigt ist, die eigenen Henker zu lieben, und sucht zugleich nach komplizierten Erklärungen für das Geschehen.

In Wirklichkeit ist nichts Neues passiert. Stalin hatte bereits 2012 das Rating des Lewada-Zentrums angeführt (und im Vergleich dazu jetzt vier Prozentpunkte von des Volkes Liebe eingebüßt). Der Führer aller Volkssportler hält sich überhaupt seit 1999 unter den ersten drei. Puschkin, der sich 2017 den zweiten Platz mit Wladimir Putin teilt, steht seit Beginn der Untersuchungen ganz oben; bis zum Stalinschen Triumph buhlten Lenin und Peter I. um den ersten Platz. Peter hatte stets die Nase vorn.

Der Höhepunkt der Unbeliebtheit Stalins beim Volk fällt noch in die Sowjetzeit. Das datiert in die zweite Hälfte der achtziger Jahre, die Zeit, als die dicken Journale und die Wahrheit über den Terror in Mode waren. Der Sowjetmensch durchlebte voller Schrecken die Verwandlung des eigenen Halbwissens über das furchtbare 20. Jahrhundert in dokumentarisch belegte Kenntnisse. Auf ganz natürliche Weise fing er an, den Menschenfresser zu hassen. Also: Die Russen empfinden keinerlei „genetisch bedingte“ Liebe zu den Henkern.

In den Neunzigern, als die Probleme des Einlebens in die neue Welt – oder auch des Überlebens in ihr – sich als wichtiger erwiesen als die historische Reflexion, zogen sich Stalin und die Schrecken des GULAG an den Rand des öffentlichen Bewusstseins zurück. Seine Anhänger schmachteten in einem intellektuellen Ghetto, besangen den Führer in Kleinauflage-Blättern und betrieben vor dem früheren Lenin-Museum in Moskau Handel mit seinen Porträts. Ja, das waren genau die, von denen ich zehn Jahre zuvor eins bei einem taubstummen Spekulanten im Dritte-Klasse-Wagen im Zug von Moskau nach Wernadowka gekauft hatte. An der Stelle konnte jeder nützliche Broschüren über die jüdische Verschwörung erstehen, in denen die wahren Genealogien von Boruch Jelzin und Juri Luschkow zu lesen waren, dessen tatsächlicher Nachname, so wurde dort behauptet, Katz lautet. Die Broschüren auf grauem Papier sahen armselig aus, ihre Verkäufer ebenfalls; allein ihr Aussehen machte klar, was der durchschnittliche Russe vom Ruhm des Generalissimus hielt.

Die Übertragung des Reiches

Aber auch heute ist der Austritt der Stalinisten aus dem intellektuellen Ghetto eine sehr, sehr hypothetische Frage. So frohlockt zum Beispiel der Kolumnist der Zeitung „Morgen“, die schon immer die Größe von Iossif-das-Licht besungen hat:

„Das mächtige, vieljährige, gut organisierte und vielschichtige Programm der ideologischen Bearbeitung der Bevölkerung ist ein völliger, endgültiger und unwiderruflicher Reinfall. Der Versuch, das russische Volk umzukodieren und ihm andere Werte, eine neue Sicht der Geschichte aufzudrängen, hat ein niederschmetterndes, endgültiges Fiasko erlitten. All diese aufgeblasenen „Gewissen der Nation“ haben sich als Seifenblasen erwiesen, die beim ersten Windstoß geplatzt sind. Stalin, Putin, Puschkin – damit ist alles gesagt! Swanidse, heule; Piwowarow, schluchze; Vermont-Agent Solschenizyn, ächze in deinem Sarg.“

Alexander Prochanow, der Redakteur von „Morgen“, wird natürlich ins Fernsehen und zu Treffen der Pro-Putin-Intellektuellen gelassen, aber eher als witziges antiquiertes Spielzeug. Die Zeitung selbst ist nicht besonders einflussreich geworden und hat keine hohen Auflagen erreicht – seit der Zeit, als sie neben dem ehemaligen Lenin-Museum von Spezialisten für die Entlarvung zionistischer Verschwörungen verkauft wurde. Wenn der Biker Chirurg die Sanktionen kommentiert, die gegen eine Filiale seines Clubs verhängt wurden, teilt er natürlich mit der ihm eigenen Beredsamkeit mit, er, Chirurg, sei für die Feinde Russlands in Übersee „wie ein Bote aus der Hölle, den der Generalissimus gesandt hat“. Er wird natürlich von Staatsagenturen zitiert, aber alle, die Zitierenden eingeschlossen, verstehen, was er in Wirklichkeit gesagt hat, so komisch ist diese Rede und zugleich selbstentlarvend. Alle, außer möglicherweise der Redeführer selbst.

Aber nicht das ist das Wichtigste. Das Wichtigste ist (lesen Sie noch einmal das Fragment der Kolumne aus der Zeitung „Morgen“), dass die aufrichtigen Fans des Menschenfressers gezwungen sind, einen fremden Sieg als den eigenen auszugeben. Die Hosenbeine hochkrempeln und einem fremden Diskurs hinterhezulaufen, in dem die Figur Stalin offenkundig zweitrangig ist. Weil die Wahlen bevorstehen. Der Führer der Kommunisten, der Stalin-liebende Gennadi Sjuganow, nimmt daran teil. In dieser Situation sich über den unausweichlichen Sieg zu freuen – dem bereits vollendeten, im Rating, und dem noch bevorstehenden, um den Präsidentenposten, wo der andere Kandidat gewinnen wird –, ist schlechter Stil. Aber es bleibt nichts anders übrig. Wenn wir nicht gewinnen, wollen wir wenigstens nebenan hüpfen.

Die mittelalterlichen Scholastiker hatten die Konzeption Translatio imperii – die Lehre von der Übertragung des Weltreiches von einem Land auf das andere. Rom blieb stets Rom, das Weltreich (selbst wenn sein Zentrum sich irgendwohin verlagerte). Ovid erzählte, wie Troja Rom wurde: Nachdem Prinz Aeneas aus der zerstörten Stadt nach Italien geflüchtet war, erdachten sich die Christen, die sich ihrer Kraft bewusst waren, eine Rechtfertigung für den Anspruch des römischen Papstes auf die Reichsmacht. Byzanz begründete seine Existenz damit, dass ihm die Reichsmacht zugeflossen war – die sakrale und die politische. Die russische Lehre von Moskau als dem Dritten Rom erzählt die gleiche Geschichte.

Im Zuge der wachsenden Ölpreise brauchten die Putin-Propagandisten einen analogen intellektuellen Schachzug. Der Staat, der sich den Status einer Supermacht zurückholte, brauchte ein neues Bild der eigenen Geschichte – ohne Unterbrechungen und dunkle Flecken: Die Übertragung des Reiches vom heiligen Wladimir zu Wladimir-dem-Tschekisten (Da das neue Reich auf den Pfeilern der staatlichen Fernsehsender ruht, erwirbt das Wort „Übertragung“ hier übrigens einen weiteren wichtigen Sinn.). Solch eine Übertragung sah ein Minimum an Gerede über Reinfälle, Blutvergießen und Staatsterror gegen das Volk vor. Dies ist er, der Vektor der Nulljahre, das positive Stalin-Bild – eine seiner Nebenfolgen.

Umso mehr, dass niemand seine Verbrechen verneint und auf der Lubjanka sogar ein Denkmal für die Opfer der Repressionen errichtet wird (Jelzin hatte das nicht geschafft, nur den Grundstein gelegt, aber Putin bringt das zu Ende). Aber die Verbrechen sind im Schatten, im Licht steht der durch nichts verfinsterte Weg des Staates von der einstigen Macht zur künftigen. Und alle seine Führer sind im Ganzen würdige Menschen. Alle – ohne Ausnahme.

Aber das ist nur der erste Schritt in Richtung der im Dunstkreis des Staates liegenden Stalin-Mode – die Begründung ihrer Möglichkeit, aber nicht ihrer Notwendigkeit.

Der Vater des Sieges

Vom Großen Vaterländischen Krieg, vom Sieg zu sprechen, macht immer ein wenig Angst, und das hat nichts – glauben Sie mir – mit den repressiven Jarowa-Gesetzen zu tun, die das Interesse an der Geschichte bestrafen wollen. Das Thema erdrückt durch seine Größe. Der Krieg ist das furchtbarste Ereignis in der russischen Geschichte. Opfer und Heldentat. Die Verbindungen zum Krieg sind bis heute lebendig: Die Idee des Unsterblichen Regiments – die private, also vom Volk ausgehende – hat das Land mit „Hurra“ aufgenommen. Und selbst der Drang des Staates, die Privatidee zu nationalisieren, die Veteranen in einen neuen Krieg zu rufen, den Umzug zu ihren Ehren in einen Marsch zu verwandeln und zu einem Teil der „Armata“-Parade zu machen – all dies hat die Idee nicht ganz totgekriegt, hat es nicht vermocht, sie in eine tote Bürokratensache zu verwandeln. Und schließlich sind wir alle immer noch Sowjetmenschen und erinnern uns an den sowjetischen Kult um jenen Krieg.

Aber der russische Staat der Epoche des reifen Putin hat das Gedenken an den Krieg in einen quasi-religiösen Kult verwandelt. Stoßstürmer wie Kulturminister Wladimir Medinski äußern sich ohne Umschweife: Der Minister bezeichnet die reale Soja Kosmodemjanskaja und die erdachten Panfilow-Helden gleichermaßen als Heilige. Reflexionen über die Fehler und Verbrechen des Staates im Rahmen des Krieges sind von Gesetz her verboten, zuweilen werden die Gesetze sogar angewandt. Eigentlich ist klar, warum der russische Staat das braucht. Nicht zufällig begann dieser Wahnsinnstanz um den Sieg fast zeitgleich mit dem russisch-ukrainischen Konflikt (obwohl schon früher mal zu den Granaten gegriffen wurde – erinnern wir uns an die Geschichte mit dem Bronzenen Soldaten in Tallin).

Natürlich gibt es Fragen zu den Methoden, mit denen die Ukraine und das Baltikum ihre nationale Identität aufbauen, und zu den Helden, deren Namen dort zuweilen auf die Fahnen geschrieben werden. Aber für unsere Überlegungen sind sie zweitrangig. Für uns ist etwas anderes wichtig – nämlich dass die Fetischisierung des Sieges es dem offiziellen Russland erlaubt hat (ja, in den eigenen Trugbildern und in der Welt der Propaganda zur eigenen Nutzung), sich nicht einfach in den Erben der Helden, sondern in den Besieger der braunen Pest zu verwandeln, in einen Schiedsrichter mit dem exklusiven Recht, zu entscheiden, wer jetzt Faschist ist, und wer nicht. Und die schöne Pose des Beleidigten einzunehmen, wenn diese Wunschbilder an der Realität zerbrechen, die sich seit 1945 ja nun doch ein wenig gewandelt hat.

Als Nebenprodukt der Fetischisierung des Sieges erwies sich der große (der wieder große) Stalin, der Oberkommandeur. Der Sieg des Volkes wurde zum Sieg des Staates, des ewigen, zu übertragenden Reiches. Natürlich bewahrt diese Herangehensweise die Figur des Staatsoberhaupts vor jeder Art Kritik; sie verwandelt den Vater des Volkes in den Vater des Sieges. So etwas wie ein Pickel an dem Punkt, wo der Kriegskult und die Konzeption von der Übertragung des Reiches miteinander kollidieren. Eine Zufälligkeit, ein Nebenprodukt der Lösung der laufenden Propagandaaufgaben.

Und nun verzehren wir genau dieses Produkt.

Ein fröhlicher Name

Auch unser Präsident – ein, will scheinen, zutiefst unglücklicher Mensch, der unfähig ist, sich aus den Verstrickungen des Systems zu befreien, das er selbst aufgebaut hat; der sich zerreißt zwischen Krieg an einem weit entfernten Schauplatz und der Beseitigung der Baracken – ruft dazu auf, Stalin nicht zu dämonisieren. Eine bescheidene Bitte, nebenbei bemerkt. Warum dämonisieren? Es reicht ein ehrliches Gespräch über den Henker, weil – wie oben bereits angemerkt – unser Volk Henker nicht mag. Niemand überhaupt mag Henker – das ist die traurige Besonderheit ihrer fiesen Arbeit.

Und mitnichten schicken die Suche nach einer genetischen Veranlagung der Russen für Sklaverei oder Erwägungen über die unabwendbare Mutation des „Putin-Volks“ den pockennarbigen Drecksack dorthin, wo die Oma das für ein Rubel gekaufte Porträt des Generalissimus verbannte, nämlich in den Müll. Nein, es ist die einfache, konsequente und ehrliche Abwehr der Propagandamaschine, die schnelllebige Aufgaben zu lösen versucht und dabei Phantome mit Schnurrbart oder ohne produziert.

Eine solche Gegenwehr kann übrigens erfolgreich sein. Dank YouTube haben wir das gesehen. Ich sage mehr: Die Helden der Umfragen des Lewada-Zentrums von Peter bis Stalin sind ja auch noch ein Zeugnis für das lebendige Interesse an der Modernisierung auf europäische Weise. Jeder mit Rücksicht auf die Epoche und den Inhalt der Geschichtsbücher. Das Wichtigste ist aber – da ist immer unser Puschkin dabei. Der fröhliche, leichte, weise, europäische Puschkin.

Und noch etwas: Ein Rubel war damals viel Geld. Ich Blödmann hätte mir auch drei Flaschen Sprudelwasser kaufen können.“