Die Fehler von Versailles nicht wiederholen

Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Putin Foto: kremlin.ru

[von Peter Gauweiler] Die Deutschen sollten am besten wissen, dass Russland endlich auf Augenhöhe begegnet werden muss. Wenn wir das beherzigen, könnte die Ukraine die neue Brücke zwischen Ost und West werden.

Wer wissen will, wie der Westen Russland heute nicht behandeln sollte, dem empfehle ich die Lektüre eines fast einhundert Jahre alten Textes, den der Berenberg Verlag im Jahr 2014 neu verlegt hat: John Maynard Keynes’ Streitschrift gegen den Versailler Vertrag aus dem Jahr 1919 und die Behandlung Deutschlands: „Krieg und Frieden. Die wirtschaftlichen Folgen des Vertrages von Versailles“.

Mit seinem Buch über die Folgen des Ersten Weltkriegs für Europa wurde Keynes über Nacht ein berühmter Mann. Niemand hat prophetischer analysiert, warum der Vertrag von Versailles einen neuen Krieg und bis heute schwelende politische Konflikte auslösen konnte. Kein anderer hat so anschaulich und mit analytischem Spott beschrieben, wie 1919 der Frieden verspielt und Europa unabsehbarer Schaden zugefügt wurde.

Keynes, der als Vertreter des Schatzamtes der britischen Delegation in Versailles angehörte, zog sich kurz vor dem Ende der Verhandlungen über die Vorortverträge zurück. Er gab sein Amt als Mitglied der britischen Delegation auf und tat seinen Unmut über den seiner Ansicht nach karthagischen Frieden in dieser geradezu prophetischen Abhandlung kund. Zu viele Sieger sannen auf Vergeltung und wollten Keynes’ Leitsatz nicht hören: „Sicherheit vor Deutschland kann nur Sicherheit mit Deutschland sein.“ Anstatt den Kriegsverlierer Deutschland in die neue Weltordnung zu integrieren, zog man ihm in Versailles das Büßerhemd an. Keynes hatte den Siegern vergeblich die alte Warnung Machiavellis vorgelesen: „Demütige niemanden, den du nicht vernichten kannst.“ Die Folgen sind hinlänglich bekannt.

Die moralische Arroganz des Westens
Das aktuelle Thema des richtigen Umgangs mit Besiegten geht in die Umbruchszeit der 1990er-Jahre zurück. Um Keynes’ Abhandlung zu einer hochaktuellen Schrift zu machen, muss man nur „Deutschland“ durch „Russland“ ersetzen und die Frage nach dem richtigen Umgang mit Besiegten auf das Gorbatschow-Jelzin-Moskau beziehen.

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Peter Gauweiler ist seit 2013 stellvertretender Vorsitzender der CSU. Von 1990 bis 2002 saß der Jurist im Bayerischen Landtag, seit 2002 ist er direkt gewähltes Mitglied des Deutschen Bundestages. Gauweiler ist bundesweit bekannt geworden für seine Klagen beim Bundesverfassungsgericht u.a. gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr und den Euro-Rettungsschirm.