Das gibt es nur in Moskau

moskauer_huendin_screenshotmoskauer_huendin_screenshot
image_pdfimage_print

[von Hanns-Martin Wietek] Am frühen Montagmorgen hat eine der Moskauer Straßenhündinnen in einem Waggon der Moskauer Metro neun Welpen zur Welt gebracht. Sie hatte nicht etwa Herrchen oder Frauchen zur Seite, nein, sie fuhr wie immer allein.

Augenzeugen haben den Vorfall sofort den Metro-Angestellten gemeldet. Die Passagiere mussten in einen anderen Waggon umziehen und der „Kreißwaggon“ mitsamt der neuen Familie wurde ins Depot gefahren. Dort hat man sich liebevoll der frisch gebackenen Mutter und ihrer Welpen angenommen und sie dann erst einmal in ein Tierheim gebracht. Man sucht jetzt für sie ein „liebevolles Zuhause“.

Ob die „Familie“ später mit einem „liebevollen Zuhause“ einverstanden sein oder doch das Leben in der „freien Wildbahn Moskau“ vorziehen wird, ist noch nicht ausgemacht.

Wahrscheinlich ist, dass sie irgendwo in der Nähe des Zentrums frei herumstreunen werden und nur zum Fressen mit der Metro zu diesem reichlich gedeckten Tisch, den man ihnen gerade geboten hat und den sie sich mit Sicherheit notiert haben, ins Zentrum fahren werden.

Das klingt wie ein Märchen – „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ – ist aber keines: geschehen am 4. Oktober 2016 12.25 Uhr in der Moskauer Metro, wie zahllose Videos beweisen.

http://www.houndsandpeople.com/de/magazin/reisen/die-metro-hunde-moskaus/
https://youtu.be/3kzgyv9qJGM
https://www.youtube.com/watch?v=hrCU-Z19ozA
https://www.youtube.com/watch?v=fPi7tIm9tj4
https://www.youtube.com/watch?v=1bqOGGO3AZ0
https://www.youtube.com/watch?v=Z987kPzjH8M
https://www.youtube.com/watch?v=E-M1MtySYa8
https://www.youtube.com/watch?v=oSLxA1td5AI

 

Ja, es klingt verrückt, aber die in freier Wildbahn streunenden Moskauer Hunde fahren ganz gezielt mit der Metro zu den von ihnen ausgesuchten Futterplätzen (und das immer wieder) und einem On-dit zufolge hat es der cleverste von ihnen sogar zu zweimal umsteigen geschafft.

Und die Moskauer lieben ihre Streuner und versorgen sie. Aber diese „Intelligenzler“ sind immer Einzelgänger. Die, die in einer Meute leben, haben diese Fähigkeiten nicht.

Frau Wardeck-Mohr schreibt in einem ausführlichen Artikel im »Schweizer Hundemagazin«, dass es diese „heimatlosen Hunde“ in der russischen Metropole schon seit dem 19. Jahrhundert gibt. Und der überwiegende Teil der Moskauer Bevölkerung pflegt von jeher einen hundefreundlichen Umgang mit den inzwischen etwa 35.000 Streunerhunden. Seit einigen Jahren nutzen nun viele dieser Hunde sogar die Moskauer Metro, regelmäßig und ganz gezielt.

Sie fährt fort: Die Moskauer Streuner gelten als besonders intelligent. Nicht zuletzt wegen der harten Selektion in einer Großstadt, oft unter schwierigsten Bedingungen als Hund überleben zu müssen.

Verhaltensforscher wie der Biologe Andrei Pojarkow studieren seit etwa 30 Jahren die Hunde und machen dabei verblüffende Beobachtungen. Obwohl Hunde bekanntlich dichtes menschliches Gedränge scheuen, zeigen die Moskauer Hunde diesbezüglich ein gänzlich anderes Verhalten. Nach Ansicht der Forscher imitieren die Hunde, quasi als evolutionäre Anpassung an die Großstadt-Bedingungen, menschliches Verhalten. So haben sie inzwischen gelernt, dass morgens in der Innenstadt das meiste Futter für sie abfällt. Außerdem dass sie mit der Metro schneller bestimmte Plätze erreichen und in kürzerer Zeit mehr Standorte aufsuchen können.

Hohe Kognitionsleistungen

Für viele dieser Hunde sind die Metro-Bahnfahrten längst zur Routine geworden. Offensichtlich haben die Hunde jeweils ihre festen Routen, kennen die dazu gehörigen Metrostationen und wissen ganz genau, wo sie aussteigen wollen. Bisher ist allerdings nicht klar, wie und woran sich die Hunde bei ihrem Vorgehen orientieren.

Wissenschaftler beschäftigt schon lange das individuelle Verhalten der vierbeinigen Pendler. Was treibt die Hunde überhaupt dazu, mit der Metro zu fahren und sich tagsüber in der Innenstadt aufzuhalten? Denn die Hunde leben nachweislich überwiegend in den Außenbezirken Moskaus. Die Fortbewegung mit der Metro hat eindeutig den Grund, dass die Hunde zur Futtersuche als Pendler unterwegs sind. Und in der Innenstadt tummeln sich die meisten Menschen, sodass sie dort stets genügend Futter finden. In den Abendstunden kehren die Hunde wieder mit der Metro in ihre Vororte zum Schlafen zurück.

Strategien der Streunerhunde

Die Moskauer Hunde haben nach Angaben von Fachleuten vielfältige Strategien entwickelt, um an Futter zu gelangen. So sind einige Hunde mit der Taktik, Menschen mit liebevollem Blick und Betteln zur Abgabe von Nahrung zu bewegen, erfolgreich, sie schaffen es immer wieder, Mitgefühl zu erwecken. Andere Artgenossen, so die Verhaltensforscher, verfolgen eine ganz andere Strategie: Sie kommen unbemerkt heran und bellen unvermittelt so laut, dass Menschen vor Schreck ihren Imbiss fallen lassen. Doch oft gelangen Hunde ohne jede Anstrengung an Leckerbissen: Denn viele Moskauer besorgen regelmäßig Futter für die Streuner.

Privilegierte Straßenhunde

Das Privileg der Hunde, sich bequem in der Metro, oft auf gepolsterten Sitzplätzen, ausstrecken zu können, hat auch etwas mit deren klugen menschenbezogenem Verhalten zu tun: So zeigen Hunde dort überwiegend ein völlig entspanntes, menschenfreundliches Verhalten, ohne jede Aggression.

weiter im Schweizer Hundemagazin >>>>>>>

 

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.