Confed-Cup 2017: Jalapeños für die Buben

Foto: Juergen PM CC0 Public Domain via Pixabay
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Der Jogi-Plan ist aufgegangen. Seinen Nachwuchs hat er mitgenommen ins ferne Russland, um seine Weltmeister vor dem wilden Iwan, den ungestümen Südamerikanern und den menschenfressenden Afrikanern zu schützen. Was hat man ihn dafür gescholten. Seine Stars dem Publikum vorzuenthalten, Jogi das geht gar nicht.

Jetzt hat er dafür die Speichellecker am Hals, der Bundes-Jogi. „Mir hän alles richtig gmacht“, niemand hätte vorher auch nur einen Furz darauf gegeben. Sogar der Grindels Reinhard, der alte Schleimer, findet jetzt gefallen am Russlandabenteuer seiner Truppe. Hätte er doch schon immer gewusst, dass die Russen alles voll im Griff haben.

Der Olli Bierhoff wollte ja trotzdem noch einen Kontrollblick hinter die Kulissen werfen. Seitdem haben ihn auch die Russen im Griff. Bestimmt darbt er jetzt in einem feuchten, verriegelten Kerkerloch des KGB oder gar in einem Lager für nordkoreanische Stadionarbeiter. Frag nach bei CNN.

„Sie spielen mit Ehrgeiz, Hunger und Verstand“, Mahlzeit Herr Löw. 2:0 nach unaufgeregten zwanzig Minuten in Sotschi. Eins in der Fünften und gleich noch Eins in der Sechsten, das passt bis nächstes Jahr. Ach, das Spiel geht weiter?

Mexikos Nummer Zehn heute die Nummer Eins. Gibt nach einer halben Stunde den Alleinunterhalter, setzt kunstvoll aus fünf Metern über den Torwart und das Tor. Prädikat Sehenswert! Der kann nach einem Schubser auch umfallen und kann zwanzig Meter vom Tor entfernt auch noch selber schießen. Wenn der Tausendsassa den Freistoß jetzt noch versenkt hätte, man hätte ihm ein Denkmal errichtet.

Fußballarithmetik – Die Zehn zur Eins aus Fünf

Es könnten nach wie vor mehr Leute auf den Rängen sein, auch wenn CR7 einmal nicht mitspielt. Gleich Halbzeitpause – Findungsphase. In der Pause sind alle Fairplay, streiten nicht um die beste Umkleide, nicht um den letzten Schokoriegel. Der Bundes-Jogi hat seine Buben gut im Griff. Wer hat die Sanktionen und die Korruptionsgerüchte im Griff?

Wir sehen die Pause vor lauter Werbung nicht, die Spieler auch nicht. Wir können nur erahnen, dass da im Tunnel Menschen stehen könnten. Ist der Bierhoff dabei? Es sei schwül erzählt man sich. Wir kaufen trotzdem nichts.

In einem Stadion, in dem nichts los ist, hört man gut. Wir hören einen Elefanten tröten, der Kollege tippt auf rosa. Haben wir schon erwähnt, dass es schwül ist? Da versteht auch ein ter Stegen keinen Spaß.

Wir langweilen uns, der Schiri auch. Er gibt ein bisschen Abseits. Geb‘ ich jetzt auch, aber auf mich hört ja mal wieder niemand.

Olala, Zauberfußball auf engstem Raum, 4 Mann auf dem Bierdeckel, das Zuckertörchen mit Sahnehäubchen. Die Anderen haben die Jalapeños auf dem TexMex-Burger vergessen. Da brennt nichts, nicht mal der Baum.

Siesta in Sotschi

Voll aufs Außennetz schaut auch fast wie Tor aus. Werner will Videobeweis – kriegt ihn nicht. Und wenn er nicht bald wieder aufsteht, kriegt er auch noch Schimpfe. Hier regnet es, dort ist Mexiko.

Marc-André ter Stegen will jetzt gleich Weltmeister werden. Ronaldo auch, aber der ist gestern schon ausgeschieden.

Ein sagenhafter Lattenknaller aus Mexiko – trocken wie eine Dose Mais im staubigen Taco. Und dann wieder weit drüber – sie üben, wie man sich über den Trump-Zaun hinwegsetzen könnte. Ein uralter Trick: Den Ball auf Nachbars Grundstück, damit man von den süßen Kirschen naschen kann.

Die Russen haben ihr Herz für Südamerika entdeckt. Chili, Mechiko – wurscht, alles reizt den Gaumen. Fabian sagt danke und zimmert einen Freistoss schnurgerade von der Mittellinie ins Tor – boah was war das cool! Younes dankt es nicht und gibt die Antwort zum 4:1. Wer ist nochmal Younes?

Bahnt sich da gar ein Angriff aufs Establishment an? Muss sich der Khedira-Özil-Müller nun warm anziehen, Neuer einen Neuen fürchten? Die Fragen türmen sich höher als alle Dopingvorwürfe an die Gastgeber. Dem Jogi kann’s nur recht sein. „Ischt au‘ wichtig.“

So fade das Spiel begann, so quirlig waren die letzten 10 Minuten. Warum? Schwüle ist keine Ausrede – hier regnet es immer noch die Keller voll und der Bierhoff bleibt weiterhin verschwunden.

Knapp 40.000 sollen übrigens da gewesen sein. Behauptet jedenfalls die FIFA. Haben die etwa in Sotschi das Reinigungspersonal, die Volunteers und alle Helferlein drumherum mitgezählt? Alles gar nur schöngeredet? Russland bleibt ein rätselhaftes Land.

[von Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.