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22-02-2005 Gipfel in Bratislava
Putin und Bush müssen "in die Pedale treten"
Wenn der russisch-amerikanische Gipfel keine Ergebnisse bringt, können die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zerfallen, meint Sergej Rogow, Direktor des Instituts für die USA und Kanada der Russischen Akademie der Wissenschaften.

"Stellt man einen Vergleich mit einem Radfahrer an, so ist in den russisch-amerikanischen Beziehungen die Zeit gekommen, "in die Pedale zu treten". Wenn der Gipfel keine Ergebnisse bringt - wenn unser Fahrrad nicht von der Stelle gerissen wird, kann man auch fallen", sagte Rogow in einem RIA-Nowosti-Interview im Zusammenhang mit dem am 24. Februar in Bratislava bevorstehenden Gipfel.

"Wir stehen heute in einer solchen Etappe, da man entweder handeln oder sehen muss, wie das früher Geschaffene zerfällt", meint Rogow.

Der führende russische Amerikanist bemerkte, dass die USA eigene Prioritäten und Russland eigene Prioritäten hätten. "Wir treten für Partnerschaft und nicht für eine Form ‚Geführter-Führender“ ein, wo wir auf jedes amerikanische Niesen zu reagieren haben. Vor allem müssen wir gemeinsame Interessen haben. Und unsere Länder haben diese", unterstrich der Experte.

Der Gesprächspartner der RIA Nowosti meint, dass "sich Russland in den Beziehungen zu Washington nicht von Emotionen leiten lassen und nicht in Hysterie im Zusammenhang mit jeder US-Erklärung verfallen darf. So sollte man nicht viel Lärm um die Verhandlung des Falls Yukos in Houston machen", meint Rogow. "Die Entscheidung dieses Gerichts hat keine Rechtskraft für Russland. Wenn zum Beispiel auch unser Gericht etwas über ein amerikanisches Unternehmen entscheiden würde, so wäre das von keiner Bedeutung", sagte er.

Genauso, meint der Experte, sollte man im Zusammenhang mit Erklärungen von US-Außenministerin Condoleezza Rice in kein Extrem verfallen, die gesagt hat, dass es notwendig sei, die demokratischen Institute in Russland zu finanzieren. Rogow machte darauf aufmerksam, dass die USA stets verschiedenartige Programme finanziert hatten.

"Befürchten wir denn, dass 40 bis 50 Millionen Dollar das Schicksal Russlands ändern können? Ein Land, bei dem heute die Gold- und Devisenreserven mehr als 100 Milliarden Dollar betragen, kann weder durch eine grüne, rote, orange oder sonstige Revolution noch durch eine Propagandakampagne in einem Wert von 50 Millionen Dollar gesprengt werden", betonte der Gesprächspartner der RIA Nowosti.

Dabei haben Russland und die USA nach Meinung Rogows die Absicht, auf dem Gipfel in Bratislava jene Momente in den Vordergrund zu rücken, die die beiden Seiten einander näher bringen und nicht trennen.

Natürlich, so Experte, muss man in Betracht ziehen, dass auch die Administration Bush heute in eine recht komplizierte Situation geraten ist.

"Es gibt keine Perspektive eines schnellen und glücklichen Abschlusses des Irak-Abenteuers. Auch in ökonomischer Hinsicht kommen Anzeichen einer Überbeanspruchung der amerikanischen Wirtschaft zum Vorschein. Das Streben, die einzige Supermacht in der Welt zu sein, ist eine untragbare Bürde selbst für die USA", stellte Rogow fest.

Nach seinen Worten ist ein Doppeldefizit entstanden: ein Defizit des Bundeshaushalts in Höhe von vier bis fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts und ein Defizit der Zahlungsbilanz der USA. Das bedeutet, dass die USA mehr verbrauchen als produzieren. Und andere zahlen dafür. "Die USA verbrauchen reale Produkte und Dienstleistungen und zahlen dafür mit der Dollar-Druckerpresse."

Nach Meinung Rogows hat Bush es in seiner ersten Amtszeit fertiggebracht, die Beziehungen mit seinen traditionellen Verbündeten sehr ernsthaft zu verderben. Deshalb ist es recht aufschlussreich, dass sich Busch gleich nach dem Amtsantritt nach Europa begeben hat. Er muss sich mit den Partnern aussöhnen.

"Er braucht die Unterstützung durch die Verbündeten, um eine katastrophale Entwicklung des Szenarios in Irak, bei der israelisch-palästinensischen Regelung sowie in den Beziehungen mit Iran und mit Nordkorea zu vermeiden. Diese Liste ist recht umfassend, denn die einzige Supermacht, die, wie man so sagt, bis über die Ohren in Irak stecken geblieben ist, hat im Grunde die Kontrolle über die Entwicklung der Ereignisse verloren", sagte Rogow.

"Deshalb lohnt es sich für die Administration Bush, wie mir scheint, nicht, Divergenzen mit Russland zu initiieren. Und russischerseits gibt es nicht den Wunsch, die mit einer solchen Mühe geschaffene Grundlage der Partnerschaft zu zerstören", schlussfolgerte der Experte. (RIA)