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26-08-2004 Luftfahrtkatastrophe August 2004
Presse wirft Regierung gezielte Desinformation zu Flugzeugabstürzen in Russland vor
Nach den beiden fast zeitgleichen Flugzeugabstürzen mit 89 Todesopfern in Russland hat das Rätselraten über die Ursachen am Donnerstag angedauert. Während Experten und die russische Presse mit Blick auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl in Tschetschenien von einem Terroranschlag ausgingen, schlossen die Behörden auch weiterhin die Möglichkeit technischen oder menschlichen Versagen nicht aus.

Die Bänder der aufgefundenen Flugschreiber waren nach Angaben der Behörden beschädigt, was das Entschlüsseln der Aufzeichnungen erschwere. Zahlreiche Zeitungskommentatoren warfen der russischen Regierung vor, gezielte Desinformation zu betreiben.

Verkehrsminister Igor Lewitin, der Vorsitzende der Untersuchungskommission, sagte, sämtliche am Vortag von Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow erwähnten Hypothesen zur Usache der Abstürze blieben aktuell. Sowohl der Möglichkeit eines Terroranschlags als auch technischen Problemen oder menschlichem Versagen als Unglücksursache werde nachgegangen, sagte der Minister laut Nachrichtenagentur Itar-Tass vor seiner Abreise an einen der Unglücksorte bei Tula, 180 Kilometer südlich von Moskau. Lewitin stellte zugleich Entschädigungszahlungen für die Angehörigen der Toten in Aussicht. Über die Einzelheiten werde er im Laufe des Tages mit Vertretern der Fluggesellschaften und ihrer Versicherungen sprechen.

Experten versuchten, die beschädigten Bänder der Flugschreiber wieder zusammenzusetzen, sagte der Vize-Vorsitzende der nationalen Luftfahrtbehörde, Oleg Ermolow, nach Angaben der Nachrichtenagentur Ria-Nowosti. "Die Dauer der Entschlüsselung hängt vom Zustand der Bänder ab. Stellen Sie sich ein Blatt Papier vor, das in hundert Stücke oder in nur zwei Stücke zerrissen sein kann", sagte Ermolow vor Journalisten. Von den Absturzmaschinen wurden alle fünf Flugschreiber gefunden, zwei von der Tupolew 134 und drei von der Tupolew 154.

"Geplante Katastrophe. Russland und sein 11. September", titelte das Oppositionsblatt "Nesawissimaja Gaseta" am Donnerstag. Die liberale Zeitung "Wremia Nowostej" warf der Regierung vor, wegen der am Sonntag stattfindenden Tschetschenien-Wahl die Wahrheit zu vertuschen: Die Behörden wollten kurz vor der Wahl nicht einräumen müssen, dass es sich bei den Flugzeugabstürzen um einen Terroranschlag handle, nachdem bereits der pro-russische tschetschenische Präsident Achmad Kadyrow im Mai bei einem Anschlag getötet wurde.

Die liberale Zeitung "Kommersant" schrieb, "nur tschetschenische Rebellen" könnten "einen Anschlag solchen Ausmaßes" verüben. Dies sei eine offensichtliche Tatsache, welche die Regierung nicht zugeben wolle. Der "Iswestija" zufolge wurde den Fernsehjournalisten der staatlichen Anstalten verboten, von "Terrorakten" zu sprechen. Der Politikwissenschaftler Wladimir Pribylowski sagte, Putin habe den Kampf gegen den Terrorismus versprochen, doch die Attentate würden nur noch häufiger. "Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sie zum Schweigen zu bringen."

Der Politologe Juri Korguniuk sagte, Moskau wolle lieber technisches Versagen zugeben als einen Terroranschlag. "Umso mehr, als diese Art von Attentat nur von tschetschenischen oder anderen moslemischen Extremisten verübt werden könnte, gegen die Präsident Wladimir Putin seit seinem Amtsantritt 1999 vorgeht."

Die beiden Passagiermaschinen waren am späten Dienstagabend binnen weniger Minuten von den Radarschirmen verschwunden. Eine Maschine mit 43 Insassen zerschellte in der Region von Tula; eine zweite mit 46 Menschen an Bord stürzte nahe der südrussischen Stadt Rostow am Don ab.