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25-08-2004 Luftfahrtkatastrophe August 2004
Die zeitgleichen Flugzeugabstürze in Russland nähren Verdacht auf terroristischen Hintergrund
Der fast zeitgleiche Absturz zweier Passagierflugzeuge mit insgesamt 89 Todesopfern hat in Russland den Verdacht terroristischer Anschläge kurz vor der Präsidentenwahl in Tschetschenien genährt.

Die beiden Tupolews verschwanden am Dienstagabend im Abstand von nur einer Minute von den Radarschirmen, wie die Behörden mitteilten. Eine Maschine mit 43 Insassen zerschellte in der Region von Tula, 180 Kilometer südlich von Moskau, die andere mit 46 Menschen an Bord stürzte nahe der südrussischen Stadt Rostow am Don ab. Der Geheimdienst FSB ging einem möglichen terroristischen Hintergrund nach, fand jedoch zunächst keine entsprechenden Hinweise.

Beide Flugzeuge waren am Dienstagabend vom Moskauer Flughafen Domodedowo gestartet und verschwanden am Abend fast zeitgleich von den Radarschirmen: die Tu-154 der Fluggesellschaft Sibir mit Ziel Sotschi am Schwarzen Meer um 22.59 Uhr Ortszeit (20.59 Uhr MESZ), die Tu-134 der Airline Wolga-Aviaexpress mit Ziel Wolgograd etwa eine Minute später. Die Tu-154 mit 46 Insassen setzte kurz vor dem Absturz in der Region von Rostow am Don ein allgemeines Notsignal ab. Die Agentur Interfax hatte zunächst von einem Notsignal berichtet, das bei Entführungsfällen ausgelöst wird.

Präsident Wladimir Putin ordnete eine "unverzügliche" Untersuchung durch den Inlandsgeheimdienst FSB an. FSB-Ermittler fanden zunächst keine Hinweise für einen Anschlag auf die beiden Maschinen. Sprengstoffexperten suchten an beiden Wracks nach Hinweisen auf Explosionen vor dem Absturz. Bewohner der Ortschaft Butschalki, in deren Nähe die Tu-134 abstürzte, berichteten von drei aufeinander folgenden Explosionen. FSB-Sprecher Nikolai Sacharow sagte, "mehrere Hypothesen" würden untersucht. Die wichtigste Annahme gehe davon aus, dass eine Missachtung von Regeln des Flugbetriebes zu den Abstürzen geführt habe. Ein anderer FSB-Sprecher nannte auch die "Hypothese terroristischer Akte".

Vor allem die Gleichzeitigkeit der Abstürze nährte Spekulationen über einen terroristischen Hintergrund. Es sei unmöglich, dass zwei Flugzeuge, die vom selben Flughafen gestartet sind, gleichzeitig verunglückten, sagte Arkadi Baskajew, ein Mitglied des Sicherheisausschusses des russischen Unterhauses. Ein "terroristischer Akt" sei daher die "wahrscheinlichste Erklärung". Ein Sprecher des von Moskau nicht anerkannten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow wies eine Verwicklung von Rebellen in die Abstürze zurück.

Die Sicherheitskräfte in ganz Russland waren in den vergangenen Tagen bereits in erhöhter Alarmbereitschaft. Am Sonntag wird in Tschetschenien der Nachfolger des im Mai bei einem Anschlag getöteten Kreml-treuen Präsidenten Achmad Kadyrow gewählt. Attentate von Rebellen wurden befürchtet. In Moskau verschärfte das Innenministerium nach den Abstürzen die Sicherheitsmaßnahmen. Auch an allen russischen Flughäfen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. Am Dienstagabend wurden vier Menschen bei einer Bombenexplosion an einer Bushaltestelle von Moskau verletzt.

Die Felder um die Absturzstelle herum waren übersät mit Wrack- und Leichenteilen, wie ein AFP-Fotograf berichtete. Große Kräne hoben die Wrackteile an. An beiden Absturzorten bargen Rettungskräfte nach eigenen Angaben jeweils dutzende Leichen. Auch die Flugdatenschreiber beider Maschinen wurden entdeckt. Nach Angaben des Flughafens Domodedowo waren keine Ausländer an Bord der beiden Flugzeuge. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sprach Putin seine Anteilnahme aus.

Die bei Tula abgestürzte Maschine wurde 1977 in Betrieb genommen, wie Mitarbeiter des Flughafens von Wolgograd mitteilten. Sie sei zuletzt 1996 generalüberholt worden. Die Tu-154 war nach Angaben der Fluggesellschaft Sibir seit 1982 in der Luft. Nach einer Instandsetzung im August 1993 hatte sie bei einer Lebensdauer von 37.000 Flugstunden knapp 31.000 zurückgelegt.