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04-09-2003 Armenien
Die Stellung der russische Sprache in Armenien heute
Russisch wird zur elitären Sprache trotz Beamtenwiderstand

In der Bildungssphäre Armeniens behält Russisch eine besondere Rolle. Es nimmt eine einzigartige Stellung zwischen der Muttersprache Armenisch und den Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Deutsch, Persisch) ein. Die Schulpläne sehen die Erlernung von Fremdsprachen ab der zweiten Klasse vor, mit einer bis zwei Wochenstunden.


Dagegen wird Russisch gleich von der ersten Klasse gelehrt und das mit zwei bis drei Wochenstunden. Sowohl die Regierung Armeniens als auch die Gesellschaft halten das Erlernen der russischen Sprache für vorrangig.

Es gibt mehrere Gründe für diese Einstellung gegenüber Russisch. Zum einen ist es die traditionelle historische und kulturelle Nähe der Armenier zu Russland. Zum anderen liegt es daran, dass während der Sowjet-Periode russischsprachige Schulen als qualifiziertere in Vergleich zu armenischsprachigen galten. In Sowjet-Armenien bemühte sich die Intelligenzia, ihre Kinder gerade auf russische Schulen zu schicken, um ihnen eine bessere Ausbildung zu ermöglichen.

Ein nicht unwichtiger Faktor, der die Stellung der russischen Sprache heute mitprägt, ist, dass Armenien als kleines und nicht sonderlich wohlhabendes Land nicht imstande ist, ihren Bürgern aus eigener Kraft den Zugang zur Weltkultur und -literatur zu gewährleisten. Jährlich werden ins Armenische gerade mal ein Dutzend ausländische Literaturwerke übersetzt. Dementsprechend muss jeder, der an kulturellen Reichtümern der Welt in Wort und Schrift interessiert ist, entweder Russisch oder andere Fremdsprachen lernen, was unvergleichlich schwerer ist: Russisch hört man ständig, im Gegensatz zu Englisch und erst recht zu Deutsch, Französisch oder anderen.

Das betrifft übrigens nicht nur Kenner und Schätzer der großen Weltliteratur, sondern auch Liebhaber von Detektivgeschichten und Liebesromanen, von denen es in Armenien, wie überall auch, nicht wenige gibt. Großer Beliebtheit erfreuen sich neben all dem russische Fernsehsender, die eine qualitativ viel höhere Produktion anbieten, als die lokalen. Und selbst diese zeigen Spielfilme mit russischsprachiger Synchronisation, wobei natürlich die finanzielle Komponente eine Rolle spielt. Der armenische Sektor des Internets ist ebenfalls größtenteils russischsprachig.

Russland versucht seinerseits, den Status der russischen Sprache in Armenien zu unterstützen. Nicht zufällig wurde die erste Internationale Olympiade der Russischen Sprache unter der Schirmherrschaft der Präsidentengattin Ludmila Putina in Armenien ausgetragen. Die Autorität der neuen Russischen (Slawischen) Universität Armeniens, die 2003 ihre ersten Absolventen entlassen wird, wächst.

Allerdings gibt es heute bei all dem Respekt gegenüber Russisch und seinen Sonderstatus im gesellschaftlichen Leben lediglich eine russische Privatschule, in die nur 70 Schüler gehen. (Der Anteil der ethnischen Russen in Armenien beträgt 1,5 % der Bevölkerung.) In den ersten Jahren der Unabhängigkeit erreichten odiose nationalistische Kräfte die Schließung aller russischer Schulen. Heute wiederum wird Russisch für armenische Schulen wieder prestigereicher, in vielen werden russische Klassen eingerichtet.

Mit diesen Klassen ist eine besondere Intrige verbunden. In Armenien existiert eine Struktur unter dem Namen "Kommitee für Sprachen bei der armenischen Regierung". Dieses Kommitee achten Tag und Nacht darauf, dass armenische Kinder nicht in russische Klassen gelangen. Es dürfen nur Kinder eine solche Klasse besuchen, deren ein Elternteil Bürger der Russischen Föderation oder ethnischer Russe ist. In allen anderen Fällen wird Zugang zu russischen Klassen mit einem Verbot belegt. Die Komissare durchkämmen jedes Jahr mehrfach alle Schulen, um in russische Klassen "durchgesickerte" armenische Kinder auszumachen und von dort zu entfernen.

Doch auch hier erlaubt der unausweichliche Begleiter des Beamtentums - die Korruption - den Bürgern, diese Verbote zu umgehen. Und solche Bürger werden immer mehr. Entsprechend geschichtlichen Vorzügen möchten viele Armenier ihre Kinder gerade in russischen Klassen sehen, was Direktoren dazu bewegt, zwecks Schüleranwerbung russische Klassen in ihren Schulen einzurichten. Die Tendenz zur erneuten erstarkten Rolle der russischen Sprache in der Bildungssphäre Armeniens ist nicht von der Hand zu weisen.

( Sascha Noskin )