Nach Angaben des Lewada-Zentrums, dem lebendigen Beispiel für die weltweit anerkannte russische Soziologie und stets mit der Angst lebend, neuen Folgen der Zuordnung als „ausländischer Agent“ ausgesetzt zu sein, wächst das Ausmaß der Angst in der russischen Gesellschaft, wie eine im Juli in 50 russischen Regionen erhobene Studie zeigt.
Das Lewada-Zentrum greift in seinen Umfragen wiederholt Themen auf, die in den Medien Beachtung finden und hat ein weiteres beunruhigendes Ergebnis ermittelt. Der Grad der Angst in der russischen Gesellschaft näherte sich den Werten des Endes der Sowjetzeit.
Unsere Landsleute haben in den letzten drei Jahren immer mehr Angst vor dem Leben bekommen. Die Gruppe derer, die „keine besonderen Ängste haben“, ist in den drei Jahren dreifach gesunken, von zwölf auf vier Prozent.
Um ein Drittel zugenommen hat im gleichen Zeitraum die Angst vor „Krankheiten von Kindern oder Angehörigen“: Im Jahr 2016 sprachen 45 Prozent der Befragten darüber, jetzt sind es 58 Prozent. Der Anteil derjenigen, die einen Krieg befürchten, ist von einem Drittel der Bevölkerung (31 Prozent) auf die Hälfte (51 Prozent) um das 1,5-fache gestiegen. Damit wurde der Wert von 1989 übertroffen. „Angst vor Armut“ als Antwort wählten 36 Prozent der Umfrageteilnehmer – gegenüber 22 Prozent vor zwei Jahren und 13 Prozent am Ende der UdSSR.
Der dramatischste, fast dreifache Anstieg war in der Gruppe der Personen zu verzeichnen, die Angst vor „Willkür der Behörden“ haben: 27 Prozent gegenüber 11 Prozent vor einem Jahr und 10 Prozent im Jahr 2016. Die Angst vor nationalen Konflikten nimmt stetig zu: Im August 2016 sprachen 6 Prozent der Befragten darüber, im Oktober 2017 genau 10 Prozent und im Juli 2019 bereits 14 Prozent. Fast jeder zehnte (9 Prozent) hat Angst vor Kriminellen. Vor zwei Jahren waren es 6 Prozent und vor drei Jahren 5 Prozent. Ängste transzendenter Natur wachsen jeweils um fünf Prozent: Die Zahl derer, die das „Ende der Welt“ als nahe bevorstehend betrachten, hat sich fast verdoppelt (von 7 Prozent auf 12 Prozent), ebenso wie die, die den „Zorn Gottes“ und das „Jüngste Gericht“ fürchten (von 5 Prozent auf 9 Prozent).
Es ist nicht verwunderlich, dass die Bevölkerung Angst vor der Zukunft hat, meint Gennadi Nikolalew, Experte an der Akademie für Finanzen und Investitionsmanagement. Schließlich wird ihr jeden Tag von Handelskriegen, einer möglichen Rezession der Weltwirtschaft, Sanktionen, Rückgang der Realeinkommen, Rentenreform, Mehrwertsteuererhöhung und so weiter berichtet. Darüber hinaus steigen monatlich die Preise für Produkte, Wohnraum und kommunale Dienstleistungen. Unter solchen Umständen ist es schwierig, eine positive Einstellung beizubehalten.
Die Realeinkommen sind seit 2014 rückläufig. Trotz optimistischer Prognosen für das Jahr 2019 sanken sie im ersten Halbjahr um weitere 1,3 Prozent, auch wenn man das nominale Wachstum der Durchschnittslöhne um 7,4 Prozent berücksichtigt, was erneut auf das Problem des unkontrollierten Preisanstiegs hinweist. Laut Rosstat fiel die Inflation im zweiten Quartal um ein Vielfaches geringer aus als im ersten, was bedeutet, dass die Hauptfolgen der Mehrwertsteuererhöhung bereits bei den Preisen angekommen sind. Da die Wirtschaft nicht stimuliert wird und die Einkommen nicht steigen, besteht die Gefahr, dass das Land in einem Zustand stecken bleibt, in dem die Bevölkerung fast vierzig Prozent ihres Lohnes für Lebensmittel, fünfzehn Prozent für Wohnraum und kommunale Dienstleistungen sowie etwa sieben Prozent für Kreditzahlungen ausgibt.
Fünf Jahre lang konnten die Menschen ihr erspartes Geld zusätzlich auszugeben, so Nikolajew. Jetzt ist der Anteil der Bürger ohne Ersparnisse auf 43 Prozent gestiegen, und rund 35 Prozent der Russen haben Kreditschulden. Wenn die wirtschaftlichen Probleme nicht gelöst werden, werde sich die Situation von Jahr zu Jahr verschlechtern.
Laut dem Analysten der Alor-Gruppe, Alexei Antonow, zeigen die Ergebnisse der Umfrage ziemlich deutlich, dass die Russen, die sich seit fast fünf Jahren in einer schweren sozialen und wirtschaftlichen Krise befinden, ihr Bewusstsein und ihre Wahrnehmung der Realität neu strukturiert haben. Langsam, aber sicher schwimmen den Behörden durch die Vertrauenskrise die Felle weg. Die Unsicherheit der Behörden selbst mit dem Einsatz repressiver Maßnahmen verschärft nur die Situation, was eine Verdreifachung der Zahl der Befragten bestätigt, die auf die Angst vor Willkür und Gesetzlosigkeit hingewiesen haben.
Wenn 27 Prozent der Russen Angst vor den Behörden haben und nur 9 Prozent Angst vor ihrem eigenen Tod und Kriminalität, können wir nicht so sehr über die Furchtlosigkeit der Russen sprechen, sondern über den Übergang der Wirtschaftskrise in eine tiefere sozioökonomische Phase. Grund für den Stimmungswandel in der Gesellschaft ist nach Ansicht des Experten die wirtschaftliche Komponente. So ist beispielsweise die Angst der Befragten vor Armut viel größer geworden. Der Grund ist ganz einfach: Während das reale verfügbare Einkommen der Bevölkerung zum fünften Mal in Folge sinkt, steigen die Preise, Zölle und Kreditkosten.
Dem Lewada-Zentrum zufolge verfügen über 65 Prozent der russischen Familien keine Ersparnisse, so dass der Verlust des Arbeitsplatzes ohne staatliche Unterstützungsmaßnahmen (das maximale Arbeitslosengeld im Jahr 2019 beträgt nur knapp 110 Euro/8.000 Rubel) für die überwiegende Mehrheit der Familien, die oft ausstehende Kredite abzahlen müssen, einer Katastrophe gleichbedeutend ist. Und das in einer Situation, in der laut Rosstat 20,9 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze des Landes leben.
[hrsg/russland.NEWS]

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