100 Jahre Oktoberrevolution: Die gescheiterte Umsetzung einer mächtigen Idee

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[von Julian Müller] Die industrielle Revolution zählt zu den bedeutendsten Zäsuren in der Geschichte der Menschheit. Als im 19. Jahrhundert zunächst in Westeuropa und Nordamerika, später auch in Osteuropa und weiten Teilen Asiens Hochöfen gebaut, Bahntrassen gelegt und Fabriken aus dem Erdboden gestampft wurden, vollzog sich der Wandel von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft. Dieser ökonomische Wandel hatte gravierende Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Strukturen: Durch die zunehmende industrielle Produktion nahmen soziale Ungleichheiten zu, bei welchen sich kapitalistische Unternehmer und lohnabhängige Arbeiter gegenüberstanden. Die daraus resultierenden gesellschaftlichen Spannungen stellen bis heute das zentrale Moment politischen Handelns dar: die Soziale Frage. Folglich wurde es zur Funktion der Politik, die durch die Industrialisierung verursachten sozialen Härten abzumildern – genau darum ging es etwa bei der Bismarck’schen Sozialgesetzgebung.

Ein Gespenst zieht durch Europa

Die politische Auseinandersetzung im Zuge der Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts war geprägt von zwei entgegengesetzten politischen Ideen: dem Liberalismus und dem Sozialismus. Während der Liberalismus die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt und bürgerliche Abwehrrechte gegenüber Einschränkungen dieser Freiheit fordert, steht beim Sozialismus der Gedanke der Gleichheit im Fokus – folglich stehen Anspruchsrechte ganz oben auf der Agenda. Zentral bei der Differenz zwischen Liberalismus und Sozialismus ist nun das Verhältnis zwischen Freiheit und Gleichheit. Hier ergibt sich ein Zielkonflikt: Ein Zustand, wo beide Seiten ihre Vorstellungen vollumfänglich umsetzen, ist unmöglich. Lässt man der Menschheit die Freiheit, ökonomisch tätig zu werden, so ergeben sich beinahe zwangsläufig Ungleichheiten. Legt man umgekehrt den Fokus auf eine möglichst hohe Gleichheit, so ist dies notwendigerweise mit einer Einschränkung der Freiheit verbunden.

Elementarer Bestandteil einer politischen Idee ist es folglich, Begründungen für den einen oder anderen Zustand zu liefern und mit diesen im politischen Ideenstreit für die eigene Position zu werben. In der praktischen Umsetzung ergibt sich aus der sozialistischen Forderung nach Gleichheit eine Umverteilung der gesellschaftlichen Vermögensverhältnisse von oben nach unten. Der Kommunismus ist dabei eine radikalere Form des Sozialismus: Zur Herstellung von Gleichheit wird hier die Vergemeinschaftung von Eigentum in Kauf genommen wie beispielsweise die Abschaffung von privaten Bodeneigentum oder die Abschaffung von Privateigentum an Produktionsmitteln.

Einen mächtigen Schub bekam die Arbeiterbewegung durch das Wirken von Karl Marx. 1818 in Trier geboren und 1883 in London gestorben, verfasste Marx im Jahr 1848 das Kommunistische Manifest. Der berühmte einleitende Satz „Es zieht ein Gespenst durch Europa – es ist das Gespenst des Kommunismus“ steht am Anfang einer Schrift, in welcher sich bereits diverse Grundlagen dessen finden, was später als Marxismus bezeichnet wird.

Der Marxismus als Narrativ der Arbeiterbewegung

Marx hat weder den Sozialismus noch den Kommunismus erfunden, sondern diese beiden Ideen in eine philosophisch geprägte Gesellschaftstheorie gegossen. Seine radikalen Antworten auf die Soziale Frage machen ihn zu dem einem der einflussreichsten Menschen, die jemals gelebt haben. Zunächst hat sich Marx mit den Produktions- und Besitzverhältnissen in einer kapitalistischen Gesellschaft beschäftigt, seine dort gewonnenen Erkenntnisse sind bis heute uneingeschränkt gültig und haben einen hohen analytischen Wert. Zentral dabei ist der Unterschied zwischen Geld und Kapital: Während Geld als bloßes Zahlungsmittel verwendet wird, kann Kapital nicht allein durch Handel erworben werden – hierzu ist der Einsatz von menschlicher Arbeitskraft notwendig. So wird etwa ein Stück Leder nicht allein dadurch wertvoller, dass es verkauft wird – allein durch den Verkauf von ein und demselben Gegenstand wird niemand reicher. Notwendig ist die Veredelung des Leders: Formt etwa ein Schuster das Leder durch seinen Arbeitsaufwand zu einem Schuh, so ist das Endprodukt deutlich mehr wert, als das Material, aus dem es besteht. Auf diesem Weg wird schließlich Mehrwert geschaffen – der zentrale Begriff in Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie.

Im Laufe der Industrialisierung haben sich schließlich Großbetriebe herausgebildet, in denen beispielsweise 100 Schuster arbeiten: ein findiger Unternehmer hatte die Idee, den Prozess der Herstellung eines Schuhs in mehrere Prozesse einzuteilen, wodurch die Produktion wesentlich effizienter ablaufen kann, als wenn 100 Schuster jeder für sich allein einen kompletten Schuh produzieren würden – zudem muss nicht mehr jeder Schuster eigenverantwortlich einen Betrieb führen. Zur Bereitstellung der Möglichkeiten zur Massenproduktion ist der Einsatz von Kapital notwendig. Im zweiten Schritt findet die Ausbeutung der Arbeitskraft statt – Ausbeutung ist hier ein rein deskriptiver Begriff: Der Unternehmer verkauft den hergestellten Schuh und erzielt damit einen gewissen Betrag. Von einem Teil dieses Betrages wird der Lohn der Arbeitskraft bezahlt – dieser Betrag ist stets geringer als der Betrag, welcher den der Unternehmer durch den Verkauf des Schuhs einnimmt. Die Differenz aus dem Ertrag durch den Verkauf und dem Lohn des Arbeiters ist schließlich der Gewinn des Unternehmers. Und an genau diesem Punkt entzündet sich nach Marx der Klassenkampf: Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber sind stets darum bemüht, dieses Verhältnis zu ihren Gunsten zu verschieben – der Arbeitnehmer will mehr Lohn, der Unternehmer will seinen Arbeitern zwecks Gewinnmaximierung weniger Lohn zahlen. Schließlich kann der Unternehmer den erwirtschafteten Mehrwert erneut investieren, der Prozess beginnt von vorne: Kapital wird investiert → Ausbeutung der Arbeitskraft → Mehrwert entsteht → Kapital wird investiert.

Die kapitalistische Produktionsweise führt laut Marx zu einer immer größer werdenden Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft. Nun kommt der normative Teil seines Werks ins Spiel, der zumeist gemeint ist, wenn der Begriff Marxismus fällt. Hier spielen philosophische Erwägungen eine zentrale Rolle: einer häufig zitierten Marx’schen Sentenz zufolge bestimmt das Sein das Bewusstsein. Gemeint ist damit, dass die materiellen Besitzverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft sowohl deren Kultur als auch die Persönlichkeit des Einzelnen formen. Ein mündiger Bürger ist folglich nur innerhalb einer Gesellschaft möglich, welche die beschriebenen kapitalistischen Besitzverhältnisse überwindet. Diesen materialistischen Ansatz verbindet Marx mit geschichtsphilosophischen Überlegungen seines großen Vorbildes Georg Wilhelm Friedrich Hegel – heraus kommt dabei der Historische Materialismus. Zentraler Gedanke ist dabei die Gesetzmäßigkeit der Geschichte: Der freie Wille des Menschen ist eingeschränkt, was die weitere Beeinflussung des Geschichtsverlaufs betrifft. Hieraus entwickelt Marx das berühmte Stufenmodell: Von der klassenlosen Urgesellschaft über die Sklavenhaltergesellschaft und die Feudalgesellschaft hin zur kapitalistischen Gesellschaft, welche von dem beschriebenen Kampf zwischen Unternehmern und Arbeitern geprägt ist, der gegenwärtig stattfindet. Die Zukunft gestaltet sich wie folgt: Durch eine vorübergehende Diktatur des Proletariats wird der Weg hin zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft geebnet. Dieser Prozess ist historisch determiniert und dementsprechend eine Notwendigkeit des Schicksals – es handelt es sich dabei um ein Axiom.

Die marxistische Theorie verbreitete sich wie ein Lauffeuer um die Welt und entfaltete bei der Arbeiterbewegung eine ungeheure Euphorie – schließlich klingt es ziemlich ansprechend, wenn die eigenen Ziele das Schicksal der Menschheit darstellen. Mit dieser Attraktivität verband sich ein hohes Identifikationspotential: Der Marxismus wurde zum Narrativ der weltweiten Arbeiterbewegung. Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, welche ihren Anhängern Halt und Geborgenheit bietet. Es geht bei einem Narrativ weniger um die Beschreibung von Realität, sondern vielmehr um die Vorstellung: Ein Narrativ ist performativ, es erschafft die Wirklichkeit, die es beschreibt – und ist dementsprechend auch normativ. Folglich hat der Marxismus eine enorme Macht über die Arbeiterbewegung ausgeübt. Führende Historiker vertreten die These, dass es ohne den Marxismus und seine verbindende Kraft niemals zur Oktoberrevolution und der später damit verbundenen Aufteilung der Welt zwischen Kapitalismus und Kommunismus gekommen wäre, da die Arbeiterbewegung niemals eine solche Geschlossenheit und Schlagkraft hätte entwickeln können. So war mit Lenin auch die zentrale Figur der Oktoberrevolution entscheidend von Marx geprägt – mehr dazu unten. Auch wird noch darüber zu reden sein, welch verheerende Folgen die Umsetzung der marxistischen Idee in der Realität hatte und inwiefern man Marx dies anlasten kann oder sogar muss.

Die Mechanismen der Revolution

Warum wurde ausgerechnet Russland der Schauplatz einer marxistischen Revolution? Marx selbst ging vor dem Hintergrund seiner Theorie davon aus, dass die hochindustrialisierten Länder zuerst von einem gesellschaftlichen Umschwung heimgesucht werden – Russland dagegen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts trotz einer Phase des Aufschwungs noch weitgehend ein Agrarstaat, der weit hinter die Entwicklung in Westeuropa und Nordamerika zurückgefallen war. Die Ereignisse im Laufe des Jahres 1917 haben das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht, die Ursachen für die Revolution jedoch liegen selbstverständlich tiefer und sind in der Entwicklung der russischen Gesellschaft begründet.

Ein zentraler Aspekt dürfte der russische Zarismus gewesen sein. Als Nikolaus der II. im März 1917 abdankte, endete damit die 300 Jahre währende Herrschaft der Romanows. Trotz der Einführung einer Verfassung im Jahr 1906, die in der Praxis jedoch kaum Veränderungen brachte, existierte bis zur Februarrevolution 1917 eine absolute Monarchie. Repressionen seitens des Staates standen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Tagesordnung, auch eine Geheimpolizei existierte bereits. Nikolaus II. bestieg nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1894 bereits mit 26 Jahren den Zarenthron und vertrat gemäß der Idee des Gottesgnadentums unbeirrt und kompromisslos die Auffassung, im Auftrag Gottes zu handeln. Folglich zu keinerlei Kompromissen bereit, hatte der Zar ein wenig ausgeprägtes Gespür für die Entwicklungen innerhalb der russischen Gesellschaft. Viele Menschen lebten in bitterer Armut, während Nikolaus II. nach heutiger Kaufkraft zu einem der reichsten Menschen der Geschichte zählt.

An kaum einer Situation lassen sich die damaligen Spannungen innerhalb der russischen Gesellschaft so gut nachvollziehen wie am Petersburger Blutsonntag im Jahr 1905: Ein Demonstrationszug aus Arbeitern zog friedlich zum Winterpalast, um dem Zaren eine Bittschrift zu überreichen. Dort angekommen, wurden sie von Soldaten unter Beschuss genommen, wobei zahlreiche Arbeiter starben. Die Macht eines jeden Herrschers, ob nun demokratisch, monarchistisch oder diktatorisch, beruht darauf, dass er seitens der Beherrschten anerkannt wird – er benötigt Legitimität. Die Macht des Zaren begründete sich auf die innerhalb von Jahrhunderten gewachsenen zaristischen Gesellschaft in Russland. Der Herrscher an der Spitze des Staates verfügt über einen Verwaltungsstab, bestehend aus Militär und Beamtentum. Im Rahmen der Erschießung hat der Zar die Macht eben dieses Verwaltungsapparats genutzt, um seinen Willen durchzusetzen. Auf Dauer geht ein solches Verhalten des Staates gegenüber seinen Bürgern nie gut, dafür hält die Weltgeschichte unzählige Beispiele bereit: Es kommt zu einer Erosion der staatlichen Legitimität, der Ruf nach Veränderungen wird laut. Der Herrscher und sein Verwaltungsstab haben zwar die Möglichkeit, das Volk teilweise zu unterdrücken – jedoch sind sie stets auf dessen mehrheitliche Zustimmung angewiesen, da allein die personellen Ressourcen für eine dauerhafte Auseinandersetzung viel zu beschränkt sind. Wie sich später zeigen wird, gibt es jedoch bedauerlicherweise Mittel und Wege, wie sich der Staat die Zustimmung seiner Bürger für eine gewisse Zeit erzwingen kann.

Nikolaus II. war unfähig, auf die wachsenden gesellschaftlichen Spannungen zu reagieren oder diese auch nur anzuerkennen. Aus seiner Auffassung, im Auftrag Gottes zu handeln, ergibt sich folglich die Überzeugung, im Besitz absoluter Wahrheit zu sein und dementsprechend nicht auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren zu müssen. Aus dem Besitz der absoluten Wahrheit resultiert für das politische Handeln die Existenz von Letztbegründungen – nicht hinterfragbar, allumfassend gültig. Die Auffassung, im Besitz von Letztbegründungen für politisches Handeln zu sein, stellt das zentrale Merkmal eines Fundamentalisten dar. Natürlich kann es schon rein logisch keine derartigen Begründungen für politisches Handeln geben – Handlungen im menschlichen Zusammenleben unterliegen stets der Kontingenz: Die Dinge können so sein, wie sie sind – aber auch anders. Zwischen der Auffassung des Gottesgnadentums und dem Stufenmodell des Marxismus ergibt sich eine Parallele: beides ist fundamentalistisch. Schon in den letzten Jahren der autoritären Zarenherrschaft war der private Raum zu Gunsten des öffentlichen, staatlich regulierten Raumes deutlich im Hintertreffen, die persönliche Freiheit war wenig ausgeprägt. In der unter Stalin totalitären Sowjetunion ist der private Raum dagegen gänzlich verschwunden, der Staat hat in alle Bereiche des Lebens hineingewirkt – was wohl kaum Teil der revolutionären Idee war.

Als Russland durch seine Beteiligung am 1. Weltkrieg weiter geschwächt wurde, bot sich im Rahmen der Februarrevolution zunächst die Möglichkeit zur Absetzung des Zaren. Die republikanische Übergangsregierung hatte innerhalb der Bevölkerung wenig Rückhalt, wollte den Krieg gegen das Deutsche Kaiserreich jedoch fortsetzen. Nur unter diesen Umständen konnte sich ein zuvor in Russland wenig bekannter Revolutionär wie Lenin an die Spitze der Bolschewiki setzen. Die Geschehnisse am 7. November 1917 sind dann auch eher ein Putsch und keine Machtergreifung des Volkes, als welche sie im Nachhinein von den neuen Machthabern verklärt wurden. In einer gut geplanten Aktion wurden die Schlüsselstellen in St. Petersburg besetzt; zur Durchsetzung und Verfestigung der neuen Machtverhältnisse war jedoch ein jahrelanger Bürgerkrieg mit mehreren Millionen Toten notwendig. Schließlich wurde nach dem Sieg der Bolschewiki im Jahr 1922 die Sowjetunion gegründet.

Das Vermächtnis der Revolution

Vom Tag der Revolution am 7. November vergingen bis zum Großen Terror als Höhepunkt der Stalinistischen Säuberungen noch ganze 20 Jahre. Die Theorien von Marx wurden von Lenin an gewissen Stellen ergänzt und variiert, später wurde daraus unter der Bezeichnung Marxismus-Leninismus die grundlegende Ideologie des gesamten Ostblocks. Natürlich kann man Marx nicht für die Millionen von Toten unter Stalin verantwortlich machen, trotzdem bietet sich aufgrund seiner Theoriekonstruktion genügend Raum für vernichtende Kritik. Die Annahme – Marx verkauft es als Erkenntnis – einer Gesetzmäßigkeit einer Geschichte lässt sich durch nichts begründen und wird von nicht wenigen als unwissenschaftlich bezeichnet. Zentrales Problem: Das, was sein soll, wird als etwas bezeichnet, was wissenschaftlich bewiesen ist. Nicht zuletzt grenzt der Gedanke einer Gesetzmäßigkeit der Geschichte an einen nicht zu verachtenden Größenwahn. Er unterstellt, dass die Menschheit nicht in der Lage ist, zu entscheiden, in welcher Form von Gemeinwesen sie leben möchte. Stellt man etwas, das man für erstrebenswert erachtet, für wissenschaftliche Erkenntnis dar, kann man auf diesem Weg alles Mögliche „begründen“.

Und hier besteht die Verbindung zwischen Marx und der finstersten Diktatur der Weltgeschichte, welche seine Schriften als ideologische Grundlage benutzte: Der von einer Vielzahl von Menschen verinnerlichte Gedanke einer Gesetzmäßigkeit der Geschichte kann leicht von der Verantwortung für das eigene Handeln ablenken, da man der eigenen Auffassung zufolge das „Richtige“ tut und dafür eine allgemeingültige Rechtfertigung hat – ein Gedanke, der sich anschaulich im Motto der SED wiederfindet, demzufolge „die Partei immer recht“ hat. Der Große Terror war das Produkt der Paranoia Stalins und seines engsten Zirkels, er diente zur Ausschaltung vermeintlicher Gegner des Kommunismus und darüber hinaus zur bloßen Verbreitung von Angst. Angst ist für die Herrschenden ein sehr wirkungsvolles Mittel, den eigenen Willen durchzusetzen und die Leute zum Stillhalten zu bringen, sodass die eigene Position nicht gefährdet wird.

Bereits hier deutet sich das monumentale Paradox aller kommunistischen Projekte an, welche sich auf Marx berufen. Ein Paradox, dessen Ausmaße bei jedem rational denkenden Beobachter des Zeitgeschehens grundsätzliche Zweifel an Marx und seiner Anhänger hervorrufen dürfte. Der Klassenkampf war stets eines der zentralen Elemente der Arbeiterbewegung – in nahezu jeder Rede ihrer Vertreter wird vom weltweiten Kampf der Genossen für die Revolution geredet. Unzählige Verhaftungen und Mordorgien wurden mit dem Kampf für die Revolution und der Beseitigung von deren Gegnern gerechtfertigt, das Werben um neue Anhänger stand zu allen Zeiten ganz oben auf der Agenda der Arbeiterbewegung. Das gemeinsame Motiv war stets der Kampf für die Revolution, welches sämtliche Anhänger kommunistischer Bewegungen zusammengeschweißt hat. Doch warum muss man für etwas kämpfen, was dem Marxismus zufolge ohnehin eintrifft, weil es sich dabei um das unabwendbare Schicksal der Menschheit handelt, welches historisch determiniert ist?

Die Ereignisse im Verlauf des 7. November 1917 hat Lothar Deeg niedergeschrieben: Vor 100 Jahren: Kommunisten übernehmen Macht in Russland